Heft 265 Oktober 2012
Werbung




Mainzer Köpfe

Stadtdruckerin Sandra Heinz

Künstleriche Möglichkeiten ausloten


Sandra Heinz
Sandra Heinz

Die Aufforderung mutet eigenartig an: »Bringen Sie - egal ob Spitzentaschentuch, Krawatte, Strumpf, Handtuch, Bluse oder Kissenbezug - eine besondere Textilie aus ihrem Kleiderschrank mit.« Sandra Heinz, Stadtdruckerin 2012/13, bittet darum in ihrer Aktionswoche im Gutenberg Museum vom 23.10 bis 26.10. Kleidung und Drucken? Eine Annäherung an die Welt der Mainzer Grafikerin.

Sandra Heinz schafft seit über 20 Jahren Kunst als Grafikerin. »Das erste, was ich mir von meinem selbst verdienten Geld gekauft habe, war eine Karlsruher Radierpresse, deren Walzendurchmesser ist größer als üblich, aber innen hohl, deshalb ist sie nicht so schwer, außerdem lässt sie sich auseinander bauen - man kann mit ihr umziehen.« Das war schon öfter nötig, zuletzt nach Ablauf der zehnjährigen Mietförderung in der Alten Waggongfabrik in ein Atelier in der Schießgartenstraße.

Geboren und aufgewachsen ist die 50-Jährige in Burbach. Das Kunststudium in Siegen verband sie mit dem Fach Theologie - als Lehramtsstudium. »Meinen Eltern, die das Studium finanzierten, war diese Perspektive wichtig, ich sollte in der Lage sein, mein Auskommen selbst verdienen zu können.« Für Menschen, die nur von ihrer Kunst leben wollen, kein leichtes Unterfangen. Trotz, wie in ihrem Fall, zahlreicher Anerkennungen, Ausstellungen in aller Welt, Preisen und Stipendien - im kommenden Jahr das Balmoral Stipendium für die Cité Internationale des Arts Paris.

Schaffen und Vermitteln


An den Wänden im Atelier von Sandra Heinz hängen Kleidungsstücke. Seit der Aktion »Kleidersammlung« Ende der 1990er Jahr sind sie ihr bevorzugtes Material für die Grafiken. »Nicht nur die Strukturen der Stoffe, deren Muster sind interessant, die Kleider haben bereits ein Leben hinter und ein neues vor sich. Sie haben eine eigene Geschichte, das ist auch für die ehemaligen Besitzer spannend, manche sind erstaunt, wie sich ihr Kleid oder ihr Jackett durch die Bearbeitung verändert.«

Die Bearbeitungen der Materialien spiegeln Entwicklungslinien im künstlerischen Schaffen von Sandra Heinz: »Mich interessiert nicht nur das eine Bild von etwas, ich will ausloten, welche Möglichkeiten es gibt, etwas abzubilden.« Der Ma­terialdruck auf Nessel, auf Bütten, unterschiedlich eingefärbt, verdeutlicht ihre Sichtweise. Manchmal lässt sie durch Zerschneiden Collagen entstehen oder ergänzt sie durch Texte, setzt sie in Beziehung zum Raum als Installationen.

Die Frage, warum sie Künstlerin geworden sei, scheint sie zu irritieren: »Der Wille, Kunst zu schaffen, ist in mir drin, ich weiß nicht, wo er herkommt, ich kann mich auch nicht an ein auslösendes Erlebnis erinnern.« Während des Studiums erlebte sie, wie nah ihr dieses Schaffen ist, die Konzentration bei der künstlerischen Arbeit schätzt sie sehr: »Es ist eine Art innerer Dialog, andere Menschen erleben wohl ähnliches im Sport.«

Neben dem Kunstschaffen widmet sich Sandra Heinz der Kunstvermittlung - mit einer halben Stelle als Lehrerin in einem Al­zeyer Gymnasium. Das zweite Standbein schafft Freiraum für die künstlerische Arbeit: »Ich muss nicht mit solch finanzieller Be­drängnis schaffen.« Oft werde vergessen, dass Künstler auch Geld verdienen müssen, was alles andere als leicht sei, die öffentlichen Kassen sind leer, es gebe immer weniger Unterstützung.

Sandra Heinz zeichnet die Spitze einer Pyramide in die Luft, wenn sie erklärt, dass nur eine sehr kleine Schar von Künstlern viel Geld verdient mit ihrer Kunst. Der größte Teil schlage sich irgendwie durch, viele müssten ihren Lebensunterhalt anderweitig verdienen. Wobei, stellt sie klar, »mir geht es zwar nicht vorrangig darum, Geld zu verdienen, aber verkaufen möchte ich meine Kunst schon auch.«

Mainz ist seit vielen Jahren der Lebensort von Sandra Heinz, an dem sie sich sehr wohl fühlt. Obwohl die Stadt nicht unbedingt ein Leuchtturm zeitgenössischer Kunst sei: zu wenige Galerien und gute zeitgenössische Ausstellungen, nicht genügend bezahlbare Räumlichkeiten für Künstler. Aber mit Blick auf das Rhein-Main-Gebiet sei Mainz ein guter Standort: Ausstellungen in Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt - alles in Reichweite.

Arbeit und Freizeit


Diesen festen Lebensort ergänzen viele Reisen in der ganzen Welt, oft gepaart mit der Möglichkeit, andernorts auch Kunst schaffen oder zeigen zu können: »Es ist anders, intensiver, nicht nur als Touristin unterwegs zu sein, sondern zu arbeiten - der Kontakt zu Kollegen, man muss sich um Ma­terialien kümmern, man nimmt das Leben ganz anders wahr, das ist sehr bereichernd.«

So wie Kunstschaffen und Kunstvermitteln Hand in Hand gehen, hängt auch viel Freizeitgestaltung der Grafikerin an der Kunst, zumal ihr Mann, als Vorsitzender des Wiesbadener Kunstvereins »Bellevue-Saal«, ebenfalls einen direkten Draht dazu hat. »Arbeit« und »Freizeit« lassen sich in ihrem Leben nicht wirklich trennen, jedes Schauen, jedes Gespräch kann in das eigene Schaffen einfließen und die Bildung von Netzwerken ist gerade in der Kunst sehr wichtig.

Zum Loslassen und gleichzeitig auch als Inspiration entspannt sich die Künstlerin beim Yoga, freut sich, wenn sie »draußen« sein kann, hört Musik, kocht und isst gerne mit Freunden - dem Motto folgend: selbst gestalten und auswählen, aktiv genießen.

SoS

Infos zur Aktionswoche der Mainzer Stadtdruckerin 2012/13 Sandra Heinz:
www.gutenberg-museum.de
www.sandra-heinz.com/aktuell