Heft 265 Oktober 2012
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Kommunikation

Botschaften an Laternenmasten

»Mutter, 43, + 2 Kinder sucht.«


laternen-botschaft
Sie hatte extremen Zeitdruck. Innerhalb von vier Wochen musste Susanne Berg* eine neue Wohnung für sich und ihre beiden Kinder finden. Neben Internetinseraten verteilte sie Flyer, schaltete Zeitungsanzeigen, und sie klebte Zettel mit Anfrage und Kontaktdaten an zig Laternenmasten in der Mainzer Neustadt.

Warum sie auch noch diese Form der Suche gewählt hat? »Ganz einfach, weil einige Wohnungen hier im Viertel alteingesessenen Eigentümern gehören. Die muss man irgendwie erreichen, da sie nun mal kein Internet nutzen«, erklärt die Stadtangestellte. »Ich hatte leider kein rotes Papier zur Hand, sonst hätte ich das genommen. Damit mein dringender Aufruf noch mehr auffällt.«

laternen-botschaft Auch wenn Berg ihre neue Wohnung letztlich über das Internet gefunden hat, würde sie immer wieder an Masten plakatieren, denn es sei, so meint sie, eben eine direkte Art der Ansprache. Je größer und dicker die Schrift oder Grafik, je bunter das Papier, desto mehr stechen sie einem förmlich ins Auge.

Die Botschaften an den Pfosten wollen Aufmerksamkeit und Interesse erregen, bei Vorbeigehenden und Anwohnern. Da wird die vermisste Katze gesucht, die verlorene Tasche oder ein neues Zuhause. Aber auch Angebote und Informationen prangern als Zettel, Bilder oder Aufkleber von den Stangen, manchmal zu mehreren übereinander. Und so entdecken diejenigen, die eigentlich nichts brauchen, auf einmal am Mast ihr mögliches Traumrad, den Hinweis auf den spontan initiierten Second-Hand-Flohmarkt oder die Einladung für eine Party am Wochenende.

Erstaunlich

laternen-botschaft Doch es sind nicht nur solche einfachen, alltäglichen Notes. Manche sind politisch motiviert, weisen auf Missstände hin, bekunden ihre kritische Meinung zu Themen oder regen mit drastischen Piktogrammen zum Nachdenken an. Die einen formulieren klar, um was es geht, andere hingegen haben ein Anliegen, bleiben aber unverständlich in Bild und Text, und anonym.

laternen-botschaft Dem Ausdruck von Botschaften sind keine Grenzen gesetzt. Dass sie im Zeitalter digitaler Vernetzung und des Austausches über diverse Social Media-Plattformen noch nicht ganz verschwunden sind, erstaunt dennoch.

Vielleicht weil diese Form der Kommunikation ohne zwischengeschaltete Instanz wie Computer oder Zeitung noch immer zur Dynamik eines Viertels gehört, zu Gesprächen anregt, zum Treffen mit Gleichgesinnten einlädt und womöglich eine entschwundene Katze schneller finden lässt. Denn die Chance, dass sie eher von Nachbarn, insbesondere von den älteren, gesehen worden ist, als von Menschen, die sich die meiste Zeit im Internet befinden, ist groß.

KH

* Name von der Redaktion geändert