Heft 265 Oktober 2012
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Handwerk

Der Möbelrestaurator

Neuer Schliff für ausgegrabene Schätze


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Möbelrestaurator Eberhard Metzner verleiht dem antiken Sekretär aus Kirschbaumholz den letzten Schliff: eine Politur mit Schellack.

Helles Kirschbaumholz, verziert mit Messing- und Bronzebeschlägen, Löwenköpfchen als Schubladenknäufe, datiert auf das Jahr 1795 - der Zylindersekretär für Damen, der derzeit in Eberhard Metzners Werkstatt steht, ist ein außergewöhnliches Stück. Der Schreinermeister und Möbelrestaurator arbeitet ihn für eine Kundin aus Wiesbaden auf. »Am Ende werden es an die 100 Arbeitsstunden sein, die wir dafür aufwenden«, berichtet Metzner.

Das hat natürlich seinen Preis - eine konkrete Zahl nennt er lieber nicht. Aber dafür ist es eben auch ein Unikat, dazu eines, dass er speziell für die Kundin mit dem exquisiten Geschmack ausgewählt hat. »Die Dame suchte einen Sekretär, nicht zu groß, klassizistisch, dazu aus hellem Holz, und das findet man nicht alle Tage«, weiß Metzner, der auf Möbel aus Barock, Klassizismus und Biedermeierzeit spezialisiert ist.

Eberhard Metzner eröffnete seine Restaurationswerkstatt in der Rheinstraße vor 30 Jahren. Nach seinem Lehramtsstudium in Deutsch und Biologie arbeitete er nur sehr kurz an der Schule (»Ich habe schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist«), dann entschied er sich, Schreiner zu werden - wie schon sein Vater und sein Bruder. Seit 20 Jahren ist er Meister, auf Möbelrestauration hatte er sich schon vorher spezialisiert.

Nicht nur für sammler


An seine Werkstatt angeschlossen ist auch ein Verkaufsraum - Metzner restauriert nicht nur antike Möbel, er handelt auch mit ihnen. Denn es kommen nicht nur Kunden, die ihre Erbstücke wieder aufpoliert haben wollen, sondern auch Sammler, die speziell nach bestimmten Epochen oder Stücken suchen. So wie die Kundin aus Wiesbaden. Sie hatte von Freunden, die bei Metzner Stammkunden sind, von seinem Angebot gehört und ihn mit der Suche beauftragt.

Den Sekretär, den Metzner dann aus einem Nachlass ankaufte, brachte er zu einer Stellprobe ins Haus der Antiquitätensammlerin, um zu sehen, ob er mit den anderen Möbeln harmoniert. Dann brauchte der edle Schreibtisch aber noch eine Generalüberholung.

»Er war ganz dunkel und schmutzig, ich habe am Anfang einige Stellen freigelegt, um die richtige Farbe demonstrieren zu können«, erinnert sich Metzner. Es fehlten Rosettenornamente, und auch nicht alle Schubladenknöpfe waren noch vorhanden. Sie ließ Metzner von einer Gießerei in Kastel nachmachen.

Auch andere Arbeiten, die nicht direkt ins Schreinerhandwerk fallen, macht Metzner entweder selbst oder gibt sie bei einem Partner in Auftrag. »Einfache Flechtarbeiten können wir selber machen, andere geben wir in die Werkstatt der »Werkgemeinschaft« in Wiesbaden, eine Tageseinrichtung für psychisch Erkrankte.«

Ein Polsterer ist an Metzners Werkstatt direkt angeschlossen. »Wenn der Kunde das wünscht, können wir so auch verschiedene Stile an einem Möbelstück mischen.« Überhaupt seien Antiquitäten nicht nur etwas für Sammler. »Auch als einzelnen Blickfang passt eine Antiquität in jede Wohnung«, findet er.

Zu seinem Tagesgeschäft gehören aber nicht nur hochpreisige Arbeiten an seltenen Antiquitäten. Metzner arbeitet auch Alltagsmöbel aus vergangenen Zeiten auf. Seine Mitarbeiterin Vanessa Oberborbeck arbeitet derzeit einen Esstisch auf, der um 1900 datiert ist. Dieser ist keine Antiquität, sondern ein normales Gebrauchsmöbel. Aber eines mit Geschichte.

»Zuerst stand er in der Waschküche des Vincenz-Krankenhauses als Bügeltisch, dann im Vinzentinerinnen-Kloster in Marienborn. Nachdem das Kloster in diesem Jahr aufgegeben wurde, fiel der Tisch an die Erben einer der Schwestern, und sie wollen ihn jetzt als Esstisch nutzen.« Dafür wurde die weiße Farbe abgeschliffen, die Tischplatte und die Schubladen erneuert. Noch strahlen die neuen Teile viel heller als das alte Tischgerüst - aber das ändert sich bald. Mit Öl wird die Farbe angepasst, dann wird der ganze Tisch gewachst und kann in neuer Pracht sein neues Zuhause schmücken.

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Schreinerin Vanessa Oberborbeck überprüft ihre Arbeit an einem Tisch von 1900. Die ersetzten Teile werden noch mit Öl farblich angeglichen.

Ausgezeichnete Stücke


Großen Wert legt Metzner auf die Ausbildung in seinem Betrieb. Wer bei ihm das Schreinerhandwerk lernt, bekommt auch gleich eine Spezialisierung auf Restauration. Ein eigenes Fach ist das nämlich nicht: »Restaurator« ist keine geschützte Berufsbezeichnung.

Als Gesellenstücke müssen die Auszubildenden dann aber trotzdem ein selbst gefertigtes Möbel einreichen, »eine Restauration als Gesellenstück ist nicht möglich, weil sie nicht gut zu bewerten ist«, weiß Metzner. Doch trotz des Schwerpunktes Restauration schnitten seine Lehrlinge mit ihren Arbeiten zum Ausbildungsende gut ab, berichtet er. »Alle Azubis der letzten drei Jahre sind für ihre Gesellenstücke ausgezeichnet worden.«

Der Reisezeichentisch etwa, den seine letzte Auszubildende Hanna Mohr entworfen hat, kam im Wettbewerb »Die gute Form« der Tischlerinnung auf den ersten Platz im Vorentscheid Rheinhessen. Der Tisch aus Ulmenholz mit Goldverzierungen lässt sich auf die Größe einer Handtasche zusammenklappen und umhängen. So kann man ihn auf Reisen oder raus in die Natur mitnehmen.

Ende des Jahres zieht Hanna Mohr mit dem selbst erfundenen Reisemöbel in die Rheinland-Platz-Ausscheidung des Wettbewerbs ein - und vielleicht Anfang 2013 in den Bundesentscheid. Doch bis dahin ziert er erst einmal das Schaufenster von Eberhard Metzners Laden.

Infos: www.antikemoebel-metzner.de

Alice Gundlach