Heft 265 Oktober 2012
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Glosse

Drehwurm-Garantie

Parkplatzsuche in der Neustadt


Parkplatzsuche

Stellen Sie sich vor, Sie besäßen einen Bewohnerparkausweis für die Neustadt. Dann stünde Ihnen ein Großteil der dortigen Parkplätze zur Verfügung. Für einen Obolus von nur 60 Euro in zwei Jahren. Klingt gut? Ja! Aber nur theoretisch.

Spätestens nach der dritten erfolglosen Runde durch Frauenlobstraße, Hindenburgstraße bis zum Gartenfeldplatz und sämtlichen angrenzenden Straßen, wünscht man sich, das Auto gar nicht benutzt zu haben. Denn die Realität gestaltet sich zu einer Zerreißprobe für jeden noch so starken Geduldsfaden: Freie Parkplätze im Bewohnerparkbereich sind selten. Erst recht abends.

Parkplatzsuchende wählen deshalb zwischen Pest und Cholera: Auf dem schraffierten Bereich parken, die Ladezone missachten oder die Feuerwehreinfahrt blockieren? Nicht zu vergessen die Variante, sich zwischen Baum und Bordstein zu stellen. Das Ausparkmanöver am nächsten Tag gelingt allerdings nur, wenn diejenigen, die in der zweiten Reihe parken, Frühschicht haben.

Auf eines kann man aber mit Sicherheit vertrauen: auf ein Knöllchen. Einträchtig neben dem Bewohnerparkausweis findet es sich unterm Scheibenwischer und verführt zu der Frage: »Wofür zahle ich eigentlich 60 Euro?« Natürlich werden nicht mehr Bewohnerparkausweise ausgegeben als die Neustadt Anwohner hat. Obwohl böse Zungen immer mal wieder behaupten, es gäbe echte und nicht ganz echte Anwohner. Aber das sind halt so Hirngespinste. Die verzweifelte Anwohner in ihrem Parkplatzsuchdelirium produzieren.

Derweil befinden wir uns in Runde vier der Parkplatzsuche. Der Frust steigt, die Laune sinkt. Man solle nicht zu pessimistisch sein, versucht man sich in einem letzten Anflug von Geduld und Hoffnung zu beruhigen. Pessimistisch? Erstens ist die Frage nach freien Parkplätzen in der Neustadt keine Sinnfrage von halb voll oder halb leer, sondern die reale Tatsache von zu voll. Und zweitens ist der einfache Um­stand, dass man sich gerade in Runde vier der Parkplatzsuche befindet bereits ein untrügliches Zeichen von an Naivität grenzendem Optimismus.

Nun ist tatsächlich der Zeitpunkt gekommen, an dem der Geduldsfaden reißt: Man will nur das Auto abstellen und endlich nach Hause gehen können. Also wird die Kreuzung zugeparkt. Oder die Hälfte des Bürgersteigs. Die Behindertenparkplätze sind eh schon alle besetzt. Von Nichtbehinderten versteht sich. Egal.

Am nächsten Tag kommt die Quittung: das Auto ist weg. Abgeschleppt. Damit hat sich zumindest für heute die Idee erübrigt, das Auto stehen zu lassen. Um wenigstens mal einen Abend ohne Parkplatzsuchstress zu erleben.

Katrin Henrich