Heft 265 Oktober 2012
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Gesundheit

Nutzt die elektronische Gesundheitskarte den Patienten?

Egal! Hauptsache sie zahlen!


elektronische Gesundheitskarte

Vor einem Jahr begann die flächendeckende Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) mit der Aufforderung der Krankenkassen an die Versicherten, ein Passbild zu übermitteln. Die Krankenkassen in Rheinland-Pfalz werden bis Ende 2012 voraussichtlich 70-90 Prozent ihrer Versicherten mit der eGK ausgestattet haben.

Abgesehen von dem Foto, mit dem Missbrauch verhindert werden soll, »kann« die neue eGK (noch) nicht mehr als die alte Krankenversicherungskarte da auf dem Mikroprozessor nur die Stammdaten gespeichert sind.

Verfechter der eGK sehen deren Vorteil in der beabsichtigten Speicherung verschlüsselter und gegen unberechtigten Zugriff geschützter sensibler Gesundheitsinformationen: Notfalldaten, Patientenverfügungen und Organspenderklärungen, die Arzneimittel- und Impfdokumentation, eine elektronische Patientenakte. Vorausgesetzt, der Versicherte stimmt dieser Speicherung zu.

Kritiker befürchten den »gläsernen Patienten«, warnen vor Missbrauch durch die Versicherungswirtschaft und Arbeitgeber.

Wie ist der Stand der Dinge? Sind die datenschutzrechtlichen Probleme gelöst? Wer trägt die Kosten für die Einführung? DER MAINZER fasst zusammen.

Die Karte so wie sie jetzt verteilt werde, werfe keine datenschutzrechtlichen Probleme auf, formulierte es Edgar Wagner anlässlich der offiziellen Einführung im September 2011. An dieser Position habe sich nichts geändert, so ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Datenschutzbeauftragten gegenüber dem MAINZER im August 2012. Auch nicht an der Warnung vor einer möglichen »Verwässerung« der Belange des Datenschutzes im weiteren Gesetzesvollzug. Z.B. bei der geplanten Einbeziehung des Notfalldatensatzes, soweit ein Zugriff auch außerhalb von Notfallsituationen ohne PIN möglich sein sollte. Auch die geplante Anbindung der IT-Systeme von Arztpraxen an das Internet verfolgten die Datenschützer mit großer Sorge.

Sofern mit der eGK zumindest mittelfristig auch Befund- und Diagnosedaten aus den Arztdokumentationen verarbeitet werden sollen, sei im Übrigen immer noch unklar, in welcher Weise die Betroffenen ihre gesetzlich vorgesehenen Rechte (Recht auf Auskunft, Sperrung, Löschung etc.) wahrnehmen könnten.

Kosten: Ursprünglich (2004) waren 700 Mio. € veranschlagt, in den Eckpunkten für die Finanzierung (2004) einigten sich Ärztevertreter und Krankenkassen auf 1,6 Mrd. €, wovon die Kassen 1 Mrd. € übernehmen sollten. In einer Studie von 2009 wurden die Kosten der Einführung auf 2,8 bis 5,4 Milliarden € für einen Zeitraum von fünf Jahren veranschlagt. 2009 sagte ein Pressesprecher der Entwicklungsfirma der eGK, die Gesamtkosten könnten bei einer vollständigen Funktionsfähigkeit in acht bis zehn Jahren auf 14,1 Mrd. € anwachsen.

Position der Ärzteschaft

Damit die eGK in den Praxen angewendet werden kann, sind entsprechende Lesegeräte notwendig. Ärzte konnten bis Ende 2011 für deren Anschaffung einen vorab vereinbarten Pauschalbetrag beantragen. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Rheinland-Pfalz wurde bis Ende 2011 an ca. 91 Prozent der Ärzte eine Erstattungspauschale ausgezahlt. Fi­nanziert werden die neuen Lesegeräte durch die gesetzlichen Krankenkassen. Diejenigen der ca. 9% Arztpraxen in RLP, die bis 16.12.2011 keine Erstattungspauschale beantragt hatten, mussten bzw. müssen die Geräte selbst zahlen.

Laut KV besteht in der Ärzteschaft ein erheblicher Widerstand gegen die eGK. Gründe dafür sind:

  • Bisher gibt es für die Ärzte keinerlei Vorteile durch die eGK, da sie sich funktional nicht von der bisherigen KVK unterscheidet.

  • Der als nächstes geplante »Online-Rollout«, bei dem die »Versicherten-Stammdaten« (wobei es sich um administrative, nicht um medizinisch relevante Daten handelt) in den Arztpraxen online überprüft und ggfs. aktualisiert werden sollen, nützt ausschließlich den Krankenkassen. Die Arztpraxen werden dadurch allerdings mit Verwaltungsvorgängen belastet, die für die ärztliche Behandlung der Patienten irrelevant sind und die Kassen davon entlasten, ihre Verwaltungsdaten selbst aktuell zu halten.

  • Die Arztpraxen müssen für den Online-Abgleich der Daten einen Internet-Zugang bereitstellen und die neuen Lesegeräte mit weiterer Hardware zur Datenübertragung über das Internet aufrüsten.

  • Es bestehen erhebliche Bedenken hinsichtlich der Datensicherheit der über die eGK erfassten personengebundenen Patientendaten.

  • Eine elektronische Kommunikation zwischen Ärzten, z.B. über die Speicherung von Befunden, Laborberichten, ist über schon (oder in Kürze) realisierte Techniken sowie andere Systeme sicher möglich.

  • Es ist vollkommen unsicher, ob weitere geplante Anwendungen, wie z.B. die elektronische Patientenakte, überhaupt praktikabel umgesetzt werden können. Auch hierfür gibt es bereits sichere und praktizierte technische Lösungen. Ob die geplanten weiteren Funktionen überhaupt zusätzliche Vorteile im Praxisalltag und in der Patientenversorgung bringen können, muss abgewartet werden.

  • SoS


    Kommentar

    Ob die geplanten weiteren Funktionen überhaupt zusätzliche Vorteile für die Patienten bringen werden, muss abgewartet werden. Sicher ist aber, dass sie zahlen. Als Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen. Stimmen die Patienten später der Speicherung ihrer »sensiblen Gesundheitsdaten« auf der eGK nicht zu, haben sie für etwas bezahlt, dessen Anwendung sich nur dann auszahlt, wenn alle Daten gespeichert werden dürfen. Ergo: liebe Patienten werft alle Bedenken über Bord. Denn, bezahlt habt Ihr auf jeden Fall.

    SoS