Heft 264 September 2012
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Reportage

Reportage
Anna Wulfgramm kennt die richtigen Stellen zum Pilzesammeln in der Umgebung. Für den NABU leitet sie Exkursionen und Seminare für Pilzfans.

Giftig? Genießbar? Wohlschmeckend?

Auf der Jagd nach dem Männlein im Walde


Mit zügigen Schritten geht Anna Wulfgramm durch das Unterholz des Wiesbadener Stadtwaldes, in der einen Hand ein Messer, in der anderen ein geflochtenes Körbchen. Die Augen der 73-Jährigen scannen den Waldboden.

Unter etwas Laub erkennt sie eine hellrote Pilzkappe. Mit einer geübten Bewegung aus dem Handgelenk dreht sie den Pilz aus dem Boden und streicht mit der Rückseite ihres Pilzmessers, an der ein Pinsel sitzt, die Erde vom Pilz. Dann schneidet sie den Fuß am unteren Ende an. Das Innere ist leicht löchrig, da waren also schon ein paar Maden am Werk. Sie schneidet so lange Stücke vom Fuß, bis das Innere nicht mehr porös, sondern durchgehend fest ist.

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Vorsicht, giftig: Der gelbe Knollenblätterpilz. Er ist zwar nicht so giftig wie sein grüner Bruder, der Verzehr kann aber zu Brechdurchfall führen.

Jetzt gilt es, den Pilz näher zu bestimmen. Am Hut und den Lamellen hat sie schon erkannt, dass es ein ungiftiger Täubling sein muss. Aber ist es ein schmackhafter orange-roter Graustieltäubling oder ein unangenehm scharfer und damit ungenießbarer Apfeltäubling? Anna Wulfgramm bricht eine kleine Ecke vom Pilzhut ab, steckt sie in den Mund und kaut mit den Vorderzähnen darauf herum.

»Mild«, sagt sie zufrieden, spuckt aus und legt den Pilz in ihr Körbchen. Was Anna Wulfgramm mit nach Hause nimmt, hat das Potenzial zu einem schönen Abendessen. Die pensionierte Sozialarbeiterin beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Pilzen. Für den Naturschutzbund (NABU) in Mainz leitet sie Seminare und Exkursionen für Pilzsammler. »Ich habe aber auch einen E-Mail-Verteiler, über den ich Interessierten Bescheid gebe, wenn ich mal wieder sammeln gehe«, berichtet sie.

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Augenweide, aber kein Gaumenschmaus: Der Tintenfischpilz ist nicht giftig, aber völlig ungenießbar. Er wurde vermutlich um 1920 aus Australien eingeschleppt.

Achtung:Geruch!


Ihre Ausflüge gehen meist in den Wiesbadener Stadtwald. In den Mainzer Wäldern sei Pilzesammeln nicht gut möglich, erklärt sie. »Der Gonsenheimer Wald ist Naturschutzgebiet, da darf man nicht von den Wegen runter, und der Ober-Olmer Wald ist einfach zu klein, da hat man meist keine gute Ausbeute.« Manchmal fährt sie auch in den Hunsrück oder in die Eifel, um gute Pilze zu finden. »Demnächst will ich auch einmal die Hallgartener Zange im Rheingau ausprobieren.«

Matthias Schellhorn ist so etwas wie der Pilzepapst von Bingen. »Als Kind bin ich mit meiner Oma und meinem Onkel auf die Suche gegangen, später habe ich mir mit Büchern das meiste selbst beigebracht«, erzählt der 48-jährige Chemiker. Heute ist der gebürtige Franke lizensierter Pilzsachverständiger, seine Seminare beim NABU Rheinauen sind gut besucht. Er geht mit seinen Pilzseminaren in den Binger Wald oder den Ingelheimer Wald. Aber nicht nur die Esspilze sind sein Fachgebiet, sondern gerade auch die giftigen Vertreter der Spezies Fungi. Er ist der Ansprechpartner der regionalen Giftzentrale und wird gerufen, wenn sich dort jemand mit Verdacht auf Pilzvergiftung meldet.

Pilztermine


NABU MAINZ

Sammelexkursion: 2. Sept., 14 Uhr, Wiesbadener Stadtwald

Pilzseminar (ohne Sammeln): 7. Sept. 16 Uhr Gonsenheimer Wald, Grünes Haus

Anmeldung: Tel. 06131-220627 o. anne-wulfgramm@t-online.de


NANU RHEINAUEN

Pilzausstellung: 16. Sept., 11-18 Uhr, NABU-Zentrum Bingen-Gaulsheim, Eintritt frei

Pilzseminar für Einsteiger: 14./15. Sept. und 21./22. Sept., je 18 bis 21 Uhr und 9.30-18 Uhr, NABU-Zentrum Bingen-Gaulsheim und Binger Wald

Anmeldung: Tel. 06721-14367 o. kontakt@nabu-rheinauen.de


NATURSCHUTZGRUPPE INGELHEIM

Seminar »Pilze sammeln und verwerten«: 28./29. Sept., 18-21.30 Uhr und 10-17.30 Uhr, NABU-Zentrum Ingelheim

Trüffelseminar mit Verkostung: 17. Nov., 13.30-17.30 Uhr, NABU-Zentrum Ingelheim

Anmeldung: Tel. 06725-95276 o. mariele.leibelt@arcor.de


UMWELTAMT WIESBADEN

Pilzexkursion: 1/2/9/15/22/30. Sept., 6/13/20/27. Okt., 10 bis 14 Uhr, Wiesbadener Stadtwald, Treffpunkt: Bushaltestelle Dotzheim Waldfriedhof

Pilzexkursion für Eltern mit Kindern: 29. Sept. 3. Okt., 10 bis 14 Uhr, Wiesbadener Stadtwald, Treffpunkt: Bushaltestelle Dotzheim Waldfriedhof

Anmeldung: Tel. 0611-313600, o. umweltamt@wiesbaden.de

Kostenlose Pilzberatung: montags, 16 bis 18 Uhr (bis 29. Okt.), Umweltladen Wiesbaden, Luisenstraße 19

»Der Klassiker ist, dass ein Kind einen Pilz findet und in den Mund steckt, dann komme ich zum Arzt oder nach Hause und lasse mir die Reste der Pilze zeigen.« Aber auch Verwechslungen von vermeintlichen Pilzexperten gehören zu seinem Geschäft. »Einmal wurde ich zu einem älteren Ehepaar gerufen. Der Mann hatte Champignons an der Nahe gesucht, die aß er mit seiner Frau und beide bekamen danach Brechdurchfall. Die Ehefrau, der es besonders schlecht ging, berichtete noch, die Pilze hätten einen eigenartigen Geruch gehabt, wie alte Schultinte. Da war mir schon ziemlich klar, was das Problem ist.« Als der Mann die Reste der Pilze aus der Biotonne holte und sie Matthias Schellhorn brachte, war er dann sicher: Gift-Champignons, auch Karbolegerlinge genannt. »Das ist hier in der Gegend der häufigste Giftpilz. Man kann ihn eigentlich gut an dem unangenehmen Geruch erkennen, und daran, dass er sofort gelbe Stellen da bekommt, wo man ihn anschneidet. Manche Menschen haben aber keinen guten Geruchssinn, so wie dieser Pilzesammler, und bemerken den Irrtum nicht.« Die beiden mussten die Nacht im Krankenhaus verbringen.

Doch es sind nicht nur die Giftpilze, die der Sammler stehen lassen muss. »Manche Arten stehen in Deutschland unter Naturschutz und dürfen deshalb dem Wald nicht entnommen werden.« Ein Beispiel ist der schwarzhütige Steinpilz. Der Röhrling mit der besonders dunklen Kappe kommt in Eichen- und Buchenwäldern vor. Doch auch wenn er sehr verlok­kend aussieht, gilt hier: Finger weg. Für die beliebten Pfifferlinge, Morcheln und Fichtensteinpilze gilt eine Sammelbeschränkung. »Man darf sie nur in ,haushaltsüblichen' Mengen sammeln, darunter versteht der Gesetzgeber ein Kilo pro Person und Tag, « erklärt Schellhorn. Verkaufen darf man sie gar nicht - weshalb die leckeren Edelpilze, die in Deutschland auf dem Markt erhältlich sind, meist aus Osteuropa stammen. »Wenn also ein Restaurant mit ,deutschen Pfifferlingen' auf der Karte wirbt, ist das entweder geflunkert, oder der Wirt macht sich strafbar«, erläutert der Pilzexperte.

Pfifferlinge oder Steinpilze für sich selbst zu sammeln, ist eine relativ sichere Sache. Sie haben eine charakteristische Form, die fast jedem geläufig ist und es gibt keine Giftpilze, die ihnen ähneln. Doch es gibt noch so viele andere Waldpilze, die schmackhaft sind. Perlpilze und Täublinge sind in Butter gebraten ein guter Begleiter zu Nudeln oder Semmelknödeln, die Kappen von Samtfüßlingen eine leckere Einlage für Suppen. »Bei manchen Exkursionen im Binger Wald haben wir mehr als 100 Pilzarten entdeckt«, berichtet Matthias Schellhorn. Natürlich sind nicht alle genießbar. Wer eine geführte Exkursion, mitmacht, kann aber sicher sein, dass in seinen Korb nur die guten Pilze wandern.

Alice Gundlach