Heft 264 September 2012
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs

Jetzt geht's für den OB erst richtig los!


Mal Hand aufs Herz: Haben Sie so etwas wie ein Sommerloch gespürt? Auch nicht? Dann ist der Autor dieser Kolumne wenigstens nicht allein. Irgendwie waren die Sommermonate in Mainz von einer neuen frischen Brise gekennzeichnet - und das selbst in Zeiten, als die Schwüle sogar am Rhein dem Hit »36 Grad« nacheiferte. Der neue Stil, die neue Tonart liegt eindeutig am neuen Mann an der Spitze des Rathauses: Michael Ebling steht in seinen ersten hundert Tagen als Oberbürgermeister für eine Mischung aus Intellektualität, Bürgernähe und Transparenz wie auch Klarheit. Zudem muss niemand ernsthaft am Selbstbewusstsein des Oberbürgermeisters zweifeln - das strahlt er locker aus. Und spart auch nicht als aktiver Freizeit-Fastnachter mit flotten Sprüchen, die auch mal daneben gehen können - sozusagen Berufsrisiko.

Ebling ist leutselig und das spüren auch die Menschen, die wiederum schätzen, ein Stadtoberhaupt zu haben, mit dem offen und locker kommuniziert werden kann. Die Johannisnacht, Fassbieranstiche, Fußballevents und Stadtteilfeste sind voll von diesen Bildern, die Eblings Stärke - jene Bürgernähe - unterstreichen. Nebenbei ist er auch ein perfekter Vertreter in Sachen Eigen-PR. Sein Credo »Versprich wenig, aber das halte" ist schon nach wenigen Monaten ein geschickter Schachzug, der für den Strategen Ebling steht. Und genau so geht der erste Mann bisher die Herausforderungen an: Das Kohlekraftwerk wurde unter seiner Regie beerdigt (wenn auch niemand weiß, wie es in Mainz energiepolitisch weitergeht), der Mainzer Tunnelring nach einer obszön langen Bauzeit endlich eröffnet und der Hechtsheimer Gewerbepark mit einem Möbelgiganten vielleicht in eine neue Ära katapultiert.

Feder
Ein guter Lauf, pflegt der Sportler zu sagen. Und dann passiert noch etwas, was den 45-jährigen Rathauschef stutzig machen sollte - er wird sogar von der Opposition dezent gelobt. Au backe: »Noch Luft nach oben« ist die einzige Bemerkung, die der CDU einfällt. Auf Schmusekurs mit einem SPD-Mann - dies zeigt umso mehr, wie sehr die CDU noch auf Findungskurs ist. Bis zur Kommunalwahl wird sie sich in jedem Fall unter der Regie ihres neuen, aber politisch erfahrenen Fraktionschefs Hans-Georg Schönig berappeln müssen.

Derweil wird auch der OB diesen Urnengang im Blick haben müssen. Schließlich will die Mainzer SPD wieder stärkste Kraft im Stadtrat werden. Das wird dann auch zum Lackmustest, ob die politische Ampel aus Rot, Grün und liberalem Gelb eine Zukunft hat.

Moderieren muss dies der OB selbst. Und das vor dem Hintergrund größter Probleme. Finanziell ist Mainz ausgeblutet und noch immer liegt kein Konzept vor, das zumindest eine erste Umkehr aus dem Schuldental bedeuten könnte. Da nutzt auch der Hinweis nichts, dass Wiesbaden finanziell vom Bundesland Hessen besser bedacht wird als Mainz von Rheinland-Pfalz, Vielmehr ist noch mit neuen finanziellen Einschlägen zu rechnen, weil die Landesregierung die 300 Nürburgring-Millionen irgendwo einsparen muss. Wenn Ebling hierzu kommentiert, Kindertagesstätten seien wichtiger als neue Straßen, mag er richtig liegen. Doch am Ende ist aufgrund der neuen Haushaltslage des Landes vielleicht beides nicht mehr möglich.

Die offene Situation der Ludwigsstraßen-Zukunft, die ungeklärte Bebauung des Zoll- und Binnenhafens oder das marode (eigentlich abrissreife) Rathaus sind nur drei riesige Mühlsteine, die am Hals des neuen Oberbürgermeisters hängen. Ob er angesichts dieser Riesenbrocken sein Lächeln behält? Warten wir's ab. Die Zeit bis zur Kommunalwahl wird richtig spannend. Und heiß. Also auch 2013 keine Chance auf ein Sommerloch.

Mogunzius