Heft 264 September 2012
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Kirchturm

Kirchturm Pfarrkirche St. Stephan

»Signalstation« mit besten Aussichten


Kirchturm St. Stephan
Die Fenster mit den Fensterläden verraten, dass sich in diesem Turm eine Türmerwohnung befindet.

Das älteste Penthouse von Mainz steht zurzeit leer. Was wahrscheinlich daran liegt, dass selbst ein atemberaubender Ausblick die Nachteile dieser Behausung nur schwer wettmachen kann. Die spektakuläre Dachterrasse ist die höchste der Stadt und man hat von dort einen umfassenden Blick über die ganze Stadt bis hin nach Frankfurt. Aber dafür gibt es keine Küche, kein Bad, keine Toilette und vor allem keinen Aufzug. Wenn man für jedes vergessene Ei, für jede Flasche Wasser und für jedes Blasendrücken erst einmal mehr als 50 Höhenmeter oder besser gesagt 125 Stufen durch eine enge Wendeltreppe zurücklegen muss, dann ist das ein Ausschlusskriterium.

Schnelles läuten für die Sicherheit

St. Stephan ist eine von zwei Kirchen der Stadt, in der einstmals ein Türmer wohnte. Der andere lebte oberhalb von St. Quintin. »Man erkennt immer an den Fenstern mit Läden, ob es in einem Kirchturm eine Türmerwohnung gibt«, erklärt Siegfried Kirsch, Pfarrgemeinderatsvorsitzender der katholischen Altstadt-Gemeinde und echter Kirchturmkenner. »Der Türmer war Angestellter der Stadt, nicht der Kirche. Auch der Turm selbst gehörte bis 1910 nicht der Pfarrgemeinde, sondern der Stadt«, erläutert Kirsch. »Der Türmer war für die Sicherheit von Mainz zuständig und musste ständig schauen, ob nicht irgendwo ein Feuer ausgebrochen war oder ob feindliche Truppen im Anmarsch sind.«

Im Dienstvertrag des Mainzer Türmers stand ganz klar, dass alle 15 Minuten ein Rundgang entlang der sieben Fenster stattfinden musste - immer leicht versetzt zu den Rundgangszeiten des anderen Türmers. So vergingen nie mehr als sieben Minuten zwischen den Sichtungen. »Da war es von Vorteil, eine große Familie zu haben. Dann konnten auch mal die Kinder den Dienst übernehmen.« Wenn eine Gefahr gesichtet war, wurde eine Fahne aus dem entsprechenden Fenster gehängt und die Sturmglocke in der Laterne auf 65 Metern Höhe geschlagen. Je nachdem wie dringend es war, wurde schneller oder langsamer geläutet.

 Wendeltreppe St. Stephan
Diese Wendeltreppe führt in die Laterne auf der Kuppel von St. Stephan.

Bezahlung in »Mainzer Naturalien«

Der berühmteste Mainzer Türmer ist wohl Hermann Kaspar Schneider (1764-1846). 50 Jahre arbeitete er als Türmer in St. Stephan, zuerst mit seiner Frau und dann als Witwer in Gesellschaft seines Hundes und einer Gans. Hier oben pflegte der, auch als »Wammes« bekannte Mann, in alten Chroniken und Reiseberichten zu schmökern, Verse zu schmieden sowie Mainzer Sagen und Gespenstergeschichten aufzuschreiben. Wer wollte, konnte Schneiders literarische Ergüsse auch kaufen. »Er ließ sich aber ausschließlich in 'Mainzer Naturalien' bezahlen. Nämlich in Weck, Worscht und Woi.« Das ist sogar auf einem alten Stich zu sehen, der in der ehemaligen Türmerwohnung ausgestellt ist.

Der letzte Türmer zog 1911 aus. Wilhelm Scheppler musste mit seiner fünfköpfigen Familie - seine Frau brachte hier oben Drillinge zur Welt - vom exklusiven Penthouse in eine Wohnung in der Wallstraße ziehen. Schuld daran war die moderne Technik. »Telefone ersetzten die Brandmeldung per Glocke. Und somit war auch der Posten eines Türmers passé«, resümiert Kirsch.

Wer hier oben wohnte, musste sowohl genügsam als auch erfindungsreich sein. »Der Raum, den wir heute sehen, war damals in sechs kleine Zimmerchen aufgeteilt«, erklärt Siegfried Kirsch einer Schülergruppe des Gutenberg-Gymnasiums, die er durch die Kirche und ihren Turm führt. »In denen hat sich das ganze Leben der Familien abgespielt - von der Geburt bis zum Tod, von der Morgentoilette bis zum Abendbrot.« Allerdings ging es erst ab 1740 so luxuriös zu. Von 1559 bis 1740 stand oben auf dem Turm nur eine Hütte auf einer mit Geländern gesicherten Plattform. Später im 18. Jahrhundert wurde die heute so markante Kuppel gebaut.

Ein Stockwerk mehr für den Türmer, der hier allerdings nicht mehr als einen Lagerraum einrichten konnte. Eine weitere Wendeltreppe mit insgesamt 60 Stufen führt ganz nach oben zur »Dachterrasse«. »Hier oben hing einst die Sturmglocke«, erzählt Kirsch. »Einer der Türmer hat aus seiner Wohnung ein kleines Lokal gemacht und besonders beliebte Gäste durften auch schon mal die Glocke anschlagen.«

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Siegfried Kirsch ist ganz oben. Direkt über ihm hing früher die Sturmglocke, die der Türmer bei Gefahr schlagen musste.

Falken im ältesten Penthouse der Stadt

Schon vor vielen Jahren siedelten sich Falken im Turm von St. Stephan an. »Nicht nur die Christuskirche hat Falken, wir auch.« Allerdings sind keine Nester zu sehen und auch Schmutz sowie Essensreste sind relativ rar. »Meistens sitzen unsere Falken über dem Westchor.« Sie sind die letzten Bewohner des ältesten Penthouses der Stadt. Und für Falken spielen solche Dinge wie Küche, Bad und Toilette auch keine Rolle. Außerdem schaffen sie den Aufstieg mit einigen Flügelschlägen.

Daniela Tratschitt

Infos: Die Pfarrgemeinde bietet nach Anfrage auch Führungen in die Türmerwohnung an. Das gespendete Geld kommt dem Bau der neuen Orgel von St. Stephan zu Gute. www.st-stephan-mainz.de