Heft 264 September 2012
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Hilfe

Im Alter süchtig

Was tun, wenn der Opa zu viel trinkt?


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Die Sucht bei älteren Menschen zu erkennen und zu behandeln, stellt eine neue Herausforderung an die Sucht- und Pflegehilfe dar.

Das Problem Sucht, so schien es lange Zeit, betrifft nur die junge und mittlere Generation. Doch der demografische Wandel rückt das Problem suchtkranker Menschen über 60 Jahre mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Zum einen gibt es ältere Personen, die etwa das Ausscheiden aus dem Berufsleben, die eigene körperliche Gebrechlichkeit oder Todesfälle im Freundeskreis nicht verkraften und deshalb zu Alkohol, Medikamenten oder gar illegalen Drogen greifen.

Zum anderen haben Menschen, die schon mehrere Jahrzehnte süchtig sind, inzwischen das Seniorenalter erreicht. Die Folge: Die Zahl alter Menschen, die von Substanzmissbrauch und -abhängigkeit betroffen sind, wird in Zukunft wachsen und sie benötigen spezielle Beratungen, Therapie- und Betreuungsformen. Das bedeutet eine Umstellung und neue Herausforderungen für die Suchthilfe, Sozialdienste, Ärzte, Pflegeeinrichtungen und Seniorenbeiräte.

Hauptsache Alkohol

Zunächst jedoch muss Sucht als solche bei den Älteren erkannt werden, denn oft findet sie im Verborgenen statt und wird vom Umfeld nicht wahrgenommen oder thematisiert. »Bei Menschen, die zuhause leben, ist der Konsum verdeckt, daher bekommen Verwandte diesen selten mit. Ausfallerscheinungen wie ein Sturz oder unsicheres Gehen werden dann eher auf das Alter zurückgeführt«, sagt Nina Roth, Leiterin des Referats Suchtprävention bei der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz (LZG).

Erst mit der Einweisung in ein Seniorenheim, wenn es die Pflegekräfte bemerkten, falle der Entzug auf. Laut Roth ist Alkohol das gravierendste Problem bei älteren Menschen, vor Medikamenten und Nikotin. Illegalen Drogen schreibt sie einen äußerst geringen Anteil zu. »Solange der Konsum von Alkohol noch Genuss ist, ist es in Ordnung, aber wenn er eine bestimmte Funktion übernimmt etwa zur Betäubung, dann ist es Missbrauch«, erklärt Roth.

Bei Medikamenten, im speziellen Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmitteln, beginne der Missbrauch, wenn sie über einen längeren Zeitraum genommen und die Dosis gesteigert werden müsse, um ihre Wirkung zu erreichen. In diesem Zusammenhang befänden sich Ärzte in der Zwickmühle, da sie zwar den Patienten helfen wollten, ihnen möglicherweise aber zu viel und zu schnell etwas verschrieben. Zudem kämen über das »Ärztehopping«, den Besuch bei verschiedenen Medizinern, ältere Menschen an mehr Medikamente.

Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind schätzungsweise 400.000 ältere Menschen von einem Alkholproblem betroffen, ein bis zwei Millionen Menschen weisen beim Gebrauch psychoaktiver Medikamente zumindest Gewohnheits­charakter auf und zwei Millionen ältere Männer und Frauen rauchen. Chancen, die Sucht in den Griff zu bekommen, so Nina Roth, bestünden auch im hohen Alter.

Wichtig sei, sich das Suchtproblem einzugestehen, die Scham abzulegen, und Hilfe zu suchen, die zwar derzeit noch nicht auf alte Menschen zugeschnitten ist, aber »Suchtberatungsstellen sind Anlaufstellen für alle.« Zukünftig hält sie es für notwendig, dass Alten- und Suchthilfe miteinander vernetzt werden, so wie es seit knapp zwei Jahren in acht, aus Bundesmitteln geförderten Modellprojekten, getestet wird.

In der Gruppe ist vieles einfacher

Dass Ältere ebenso wie Jüngere von Beratung und Behandlung profitieren und Therapien schnell zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Fitness beitragen, hat Albert Pietsch erfahren. Fast 50 Jahre lang war er vom Alkohol abhängig. Vor drei Jahren entschied sich der heute 76-Jährige endgültig, mit dem Trinken aufzuhören. Mit Erfolg.

»Es gab mehrere Schlüsselsituationen, die mich zu diesem Schritt führten. Jetzt aber weiß ich endlich, warum ich den Alkohol nicht mehr brauche.« Doch der Weg bis dahin war steinig. Als ihm 1989 mit 56 Jahren der Führerschein wegen Trunkenheit abgenommen wird und ihn der Arbeitgeber zu einem Entzug auffordert, geht Pietsch zum ersten Mal in die Selbsthilfegruppe (SHG) des Kreuzbundes in Bingen, und ist zehn Jahre »trocken«.

Pietsch verlässt daraufhin die Gruppe, weil er glaubt, stark genug zu sein, und fängt wieder an zu trinken. Sieben Jahre verfällt er der Sucht erneut bis die Belastung für die Familie zu groß ist. Dann beginnt er eine achtwöchige Gruppentherapie in der Klinik Tönisstein in Bad Neuenahr/Ahrweiler. Nach dieser Entwöhnungsbehandlung nimmt Pietsch ein Mal pro Woche zur Stabilisierung seines Zustandes an der ambulanten Therapie des Kreuzbundes in Bad Kreuznach teil.

Seitdem fühlt sich der Senior vom Alkohol befreit, wie er sagt, aber »man soll sich nicht sicher sein, dass man nicht rückfällig wird«, denn »Alkohol ist ein Begleiter, auf den man Acht geben muss, dass er einen nicht auffrisst.«

KH

Infos: Kreuzbund Diözesanverband Mainz e.V., Selbsthilfe und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige,
Gabriele Hub, Tel: 06131/ 881949, www.kreuzbund-dv-mainz.de

AHG Klinik Tönisstein, Hochstraße 25, 53474 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel: 02641/ 914-0, www.ahg.de/AHG/ Standorte/Toenisstein,

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: www.dhs.de