Heft 264 September 2012
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Handwerk

Buchbindermeister nutzt traditionelle Verfahren

Schönheits-OP für alte Schinken


Buchbindermeister Erwin Haßdenteufel
Das »Illustrierte Kochbuch von Mary Hahn« vor seiner »Schönheits-OP« durch Buchbindermeister Erwin Haßdenteufel.

Das Kochbuch, das die ältere Dame zu Buchbinder Erwin Haßdenteufel brachte, ist ein Familienerbstück. Schon mehrere Generationen hatten mit dem »Illustrierten Kochbuch von Mary Hahn« von 1926 am Herd gestanden. In Frakturschrift finden sich allein 128 Rezepte für Klöße - neben Grießklößchen und Semmelknödeln zum Beispiel auch die etwas aus der Mode gekommenen Hirnklöße. Es folgen unzählige Zubereitungsarten für Fleisch, Fisch, Pasteten, Soßen, Anleitungen, wie man einen Braten tranchiert oder wie man Fleisch pökelt. Kurz: Dieses Buch wäre dem bibliophilen Sammler vielleicht nicht viel Geld wert, doch es ist ein Zeitdokument und hat nicht zuletzt ideellen Wert für die Besitzerin.

Ganz eindeutig war es aber auch ein Gebrauchsgegenstand und hatte daher im Laufe der Jahrzehnte die entsprechenden Blessuren erlitten. Viele Seiten hatten sich aus der Fadenbindung gelöst, waren teilweise zusammengeklebt (vielleicht sogar mit Hirn?), den Einband hielten nur noch einige Klebestreifen zusammen.

Handarbeit, oft tagelang

»Das ist eigentlich das Schlimmste, was man dem Einband antun kann«, sagt Buchbindermeister Erwin Haßdenteufel und zeigt auf das Isolierband, das quer über dem Buchrücken klebt. Die Kleberückstände fressen sich in den Stoff hinein. Um sie zu entfernen, nimmt der Buchbinder das ätzende Ethylacetan. Komplett werde er die Klebereste aber nicht entfernen können, sonst werde der Einband zu sehr beschädigt, erklärt Haßdenteufel. Die Kundin wiederum hatte gewünscht, dass so viel wie möglich vom Originalbuch erhalten bleibe.

Aufträge wie diese fordern Erwin Haßdenteufels ganzes handwerkliches Geschick. Seit 1983 ist er selbständiger Buchbindermeister in Mainz, seit 1998 in Drais. »Früher hat das Binden von Fachzeitschriften, etwa für Ärzte oder Anwälte, einen Gutteil des Geschäftes ausgemacht«, erzählt der 56-Jährige. »Heute, wo vieles online gespeichert wird, kommen mit solchen Aufträgen nur noch wenige ältere Stammkunden.« Nun konzentriert sich sein Arbeitsaufkommen mehr auf Sonderanfertigungen wie edle Gästebücher oder Jubiläumsschriften, aber eben auch auf die Reparatur alter Werke. Viele Erbstücke seien dabei, es kämen aber Aufträge zum Beispiel von Kirchengemeinden, die Tauf- und Geburtenregister aus vergangenen Jahrhunderten neu einbinden lassen. Für den Förderverein des Rabanus-Maurus-Gymnasiums arbeitete er historische Lehrbücher auf, die teilweise aus dem 15. und 16. Jahrhundert stammten.

Um so alte Bücher aufzuarbeiten, braucht es die alten Werkzeuge. Solche Bücher sind zumeist in Fadenbindung hergestellt. Das bedeutet, dass die Papierlagen mit dünnen Hanffäden an dicke Kordeln geknüpft werden. Bei industrieller Fadenbindung werden die dünnen Fäden an einer Gaze festgemacht. Die Reparatur historischer Bücher geht aber nur in Handarbeit an der so genannten Heftlade.

Dafür zieht Erwin Haßdenteufel mehrere gewachste Hanfkordeln senkrecht auf die Maschine, die entfernt an einen Webstuhl erinnert. Dann legt er eine Lage Papier mit der Rückenkante an die dicken Fäden und zieht mit einer starken Nadel einen dünneren Faden durch die Papierlage und um den dicken Faden. Das sieht aus wie Nähen, sagt Haßdenteufel, ist es aber nicht: »In der Fachsprache heißt es Heften.« Je nach Dicke des Buches kann das schon einmal ein oder zwei Arbeitstage dauern. Ist das ganze Buch aufgefädelt, werden die dicken Fäden abgeschnitten, an den Enden aufgefächert und am Buchdeckel festgeklebt. Dann bekommt es einen neuen Einband - oder den reparierten alten, je nach Kundenwunsch. »Man kann ja nicht ein Buch aus dem 18. Jahrhundert in einen modernen High-Tech-Einband stecken«, sagt Haßdenteufel.

Ricarda Piotrowski
Ricarda Piotrowski bearbeitet bei ihrem ehemaligen »Lehrherrn« Projekte für ihr Kommunikationsdesign-Studium.

Requisiten-Bücher

Eine Buchreparatur, sagt der Buchbindermeister, sei nicht so teuer, wie viele glaubten. »Eine einfache Reparatur kostet meist um die 20 Euro.« Eine neue Fadenbindung gebe es ab etwa 70 Euro.

Der Buchbindermeister hat sich einen Namen als Spezialist für historische Stile aller Art gemacht. So kam es, dass er 2008 von Constantin Film den Auftrag bekam, die Buch-Requisiten für den Kinofilm »Die Päpstin« anzufertigen. Den Kontakt vermittelte der Kurator des Gutenbergmuseums, Claus Maywald, den die Filmproduktion als Berater für die Ausstattung angeheuert hatte.

Auch wenn im Computerzeitalter viele Aufträge für Buchbinder wegfallen, glaubt Erwin Haßdenteufel nicht, dass sein Beruf vom Aussterben bedroht ist. »Der Bedarf nach Reparaturen von alten Büchern wird sogar eher größer«, schätzt er. Nicht nur deshalb bildet er auch weiterhin aus: Jedes Jahr nimmt er einen neuen Azubi auf. Auch wenn bei weitem nicht alle von ihnen in dem Beruf bleiben. So wie Ricarda Piotrowski. Die 23-Jährige, die 2010 ihre Ausbildung gemacht hat - und sogar als Bundessiegerin abgeschlossen hat - studiert nun Kommunikationsdesign in Darmstadt. Sie kommt aber regelmäßig an ihrem alten Ausbildungsplatz vorbei, um Projekte für ihr Studium zu bearbeiten.

Eine Woche später. Das Kochbuch ist fertig. Erwin Haßdenteufel hat es teilweise neu aufgefädelt, das bedruckte Leinen vom alten Deckel abgelöst und auf einen neuen Einband geklebt. So kann es wieder im Bücherregal stehen - oder weiterhin neben dem Herd liegen.



Alice Gundlach