Heft 263 August 2012
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Vermittlung

Kinderschutzbund bringt Familien und Senioren zusammen

Wunschoma und Wunschopa gesucht


Maria Rendel-Tavlaridis
Maria Rendel-Tavlaridis spielt mit ihren »Wunschenkeln« Rania, Jaron und Marlo (v.l.) einmal pro Woche.

Maria Rendel-Tavlaridis freut sich immer auf ihre Besuche bei der Familie Zender. »Wenn ich klingle und die Tür aufgeht, kommen mir sofort drei strahlende Kinder entgegen«, berichtet die 63-Jährige. Seit einem Jahr kommt sie einmal die Woche bei der Familie vorbei, um bei Jaron (4), Marlo (2) und der kleinen Rania (1) zu sein. Dann liest sie vor, geht mit den Kindern zum Spielen in den Garten oder auf den Spielplatz.

In der Zwischenzeit können die Eltern Hausarbeit erledigen oder einkaufen gehen. Manchmal genießen aber auch alle gemeinsam das Familienleben. »Wenn wir zusammen sind, sind wir nicht leise«, lacht die Rentnerin. Maria Rendel-Tavlaridis ist keine Verwandte oder Nachbarin der Zenders. Die Rentnerin ist ihre Wunschoma.

Kennengelernt haben sie sich über das Projekt »Wunschoma/ Wunschopa«, das der Kinderschutzbund Mainz seit zwei Jahren anbietet. Das Projekt führt junge Familien, bei denen die Großeltern zum Beispiel weit weg wohnen, mit Senioren aus der Stadt zusammen. Geleitet wird es von der ehrenamtlichen Mitarbeiterin Christine Kaldrack. Seit Beginn hat die 67-Jährige knapp ein Dutzend Familien zu Wunschgroßeltern verholfen.

Es könnten aber noch viel mehr sein, wenn sich mehr Senioren finden würden, die mitmachen. »Ich habe eine Warteliste, auf der gut 20 Familien stehen«, berichtet Christine Kaldrack. Wenn sie wieder einmal Flyer bei Ämtern und in Arztwartezimmern auslege, meldeten sich fast nur weitere Familien, die sich eine Oma oder einen Opa wünschten. Rund ein Drittel der Anwärter seien Alleinerziehende.

Vor allem Opas werden gesucht


Christine Kaldrack selbst ist schon seit vier Jahren Wunsch­oma. Die pensionierte IGS-Lehrerin wurde mit ihrem heute siebenjährigen Wunschenkel durch ein »Schülerunternehmen«-Projekt am Theresianum zusammengeführt. Sie trifft sich jeden Freitag mit ihrem Schützling, liest ihm vor und macht mit ihm Hausaufgaben. »Bei seiner Einschulung war ich auch dabei«, berichtet sie. Auch zum Geburtstag ist sie selbstverständlich eingeladen. Eigene Enkel hat sie nicht, ihre Tochter wohnt in Berlin.

Geeignete Wunschgroßeltern seien solche, die noch fit und am besten auch mobil sind, sagt Christine Kaldrack. Nicht immer fänden sich Wunschfamilien, die auch nahe wohnten. Besonders hoch sei die Nachfrage nach Opas. Bisher habe sie aber nur einen männlichen Teilnehmer vermitteln können.

»Rüstige Senioren sind heute aber ohnehin sehr beschäftigt«, hat sie festgestellt. »Ich höre auch immer wieder: ,Ich betreue schon ein Kind aus der Nachbarschaft'.« Manche hätten auch besondere Ansprüche, wollten zunächst nur ganz kleine Kinder betreuen. »Und dann stellen sie fest, dass sie mit den Kleinsten ja doch gar nicht so viel unternehmen können.«

Manchmal gebe es Probleme, weil die Eltern ihre Kinder auch nach der Eingewöhnungszeit nicht mit den Wunschgroßeltern allein spielen lassen wollten. Dann fragten sich die Helfer, warum sie überhaupt kämen. Oft scheitere es aber einfach an der Befürch­tung der Senioren, zu viel investieren zu müssen. »Viele Senioren haben wahrscheinlich auch eine falsche Vorstellung und denken, dass sie nur ausgenutzt werden«, vermutet auch Vater Andreas Zender.

Die Wunschgroßmutter sei aber nicht einfach ein kostenloser Babysitter, betont Christine Kaldrack. Es gehe bei dem Projekt zwar auch darum, die Eltern ein Stück weit zu entlasten. »Es ist eine Verantwortlichkeit, es muss eine gewisse Kontinuität gegeben sein«, betont sie. Es gehe aber auch für die Älteren darum, ihre Lebenserfahrung weiterzugeben. »Ich kann als Wunschgroßmutter Sachen sagen, die ich als echte Großmutter den Eltern vielleicht nicht sagen könnte, zum Beispiel: ,Der Kleine geht zu spät ins Bett',« hat sie festgestellt.

Das Wichtigste sei der Austausch zwischen den Generationen, von dem beide Seiten profitierten. »Man bekommt so viel zurück«, sagt Maria Rendel-Tavlaridis. Eigentlich sei nur Marlo ihr Wunschenkel. Dass er noch Geschwister hat, mache es für sie umso spannender: »Ich bekomme alle Entwicklungsschritte mit. Wenn ich zum Beispiel Jaron sehe, wie er seine kleine Schwester füttert, e rinnere ich mich sofort an meine eigenen Kinder, als sie noch klein waren und es genauso gemacht haben.«

Dann schaut sie zur Seite und sieht Rania, wie sie an Papas Finger festgekrallt ein paar tapsige Schritte wagt. »Das sehe ich bei ihr ja heute zum ersten Mal«, juchzt die Wunschoma. Christine Kaldrack findet: »Wenn die eigenen Kinder älter werden, geht das Leben noch weiter. Aber einfach nur alt werden, das macht ja auch keinen Spaß.«

Alice Gundlach

Infos:
Wer gerne Wunschgroßmutter oder -großvater werden möchte, findet Kontakt beim Kinderschutzbund Mainz, Christine Kaldrack, Telefon 06131/614191 (jeden 1. Freitag im Monat von 9.30-11 Uhr)
oder per E-Mail: wunschoma-wunschopa@kinderschutzbund-mainz.de
www.kinderschutzbund-mainz.de