Heft 263 August 2012
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Titelstory

Selbsthilfe ist angesagt

Die Mainzer Einzelhändler machen mobil


Vertreter des Altstadthandels
Einige Vertreter des kreativen Altstadthandels (v.li.): Sabine Büttel (Optello Optik), Christian Wessling (The Cape House), Christa Stöckl (Schmuck und Gravur), Gabriele Lehnert (Altstadt-Galerie), Sylvia Rojczyk (per la Donna), Gisela Dittmar (Schokophonie), Annette Plachetka (Schuh Passion)

Das Einkaufszentrum in der Ludwigsstraße ist DAS Thema, geht es um Perspektiven des Mainzer Einzelhandels. Es ist aber nicht das einzige. Die Klagen der Geschäftsinhaber, die auch ohne Einkaufstempel abgehängt von den Passantenströmen Geld verdienen müssen, reißen nicht ab: in den Einkaufsquartieren am Rande des Tripols von Brandzentrum, Römerpassage und Ludwigsstraße.

Ob das hässliche »Eingangstor zur Stadt« am Münsterplatz, die unwirtliche Große Langgasse oder die Höhe der Parkgebühren: an manchen Stellschrauben für die Attraktivität der Mainzer Einkaufsstadt müssten Politiker drehen. Dass sie es nicht tun und die finanzielle Situation der Landeshauptstadt als ewiges Totschlagsargument herhalten muss, ist zum Haare Raufen.

Eine beträchtliche Zahl Mainzer Einzelhändler hat dazu schon lange keine Lust mehr. Die »Selbstorganisation« in den Einzelhandelsquartieren, im Kontext der ersten Langen Einkaufsnacht 2005 vom MAINZER angestoßen, durchlief in den letzten Jahren einige Wandlungen.

Im Grundsatz besteht sie noch, mancherorts sind andere Akteure hinzugekommen, deren pragmatisches Schaffen und neue Ideen auf den Sachverstand und die vielen Erfahrungen der seit Jahren aktiven Einzelhändler trifft. Nein, das ist (noch?) nicht in allen Einzelhandelsquartieren der Fall. Aber es besteht Hoffnung, dass erneut die Zögernden mitgerissen werden. Dabei kommt zwei Akteuren, die sich für den gesamten Mainzer Handel und die Mainzer Wirtschaft stark machen, eine entscheidende Rolle zu: Der Werbegemeinschaft Mainzer Einzelhändler und dem Mainzer Citymanagement.

Von außen gesehen ist nicht immer deutlich, wer wofür zuständig ist, ob sich nicht gar die handelnden Personen gegenseitig behindern, ihr Wirken kontraproduktiv ist. Also begab sich DER MAINZER auf Spurensuche in die Mainzer Geschäftswelt.

Besser gemeinsam


Mainzer Altstadt Es gab schon in der Vergangenheit Initiativen, die sehr weit gekommen sind. Beispielhaft sei die Open Air-Hochzeitsmesse der Fachhändler im Quartier Schil­lerplatz/Schillerstraße genannt, die sich deutschlandweit zu einem einzigartigen Hochzeitsmessen-Ereignis entwickelt hat.

Noch recht frisch ist das Engagement der Einzelhändler zwischen Römerpassage, Lothar- und Klarastraße, Großer Bleiche und Neubrunnenplatz, die sich seit Frühjahr im Verein »Mainzer Mitte am Neubrunnen« organisieren um das Neubrunnen-Quartier optisch und qualitativ aufzuwerten (siehe DER MAINZER, Juli 2012, S.9).

In der Altstadt, befördert durch die kleinteilige Ladenstruktur und das pittoreske Ambiente, ist das Potenzial für unterschiedlichste Ideen und Aktionen wohl am größten. Aber auch hier fühlen sich Einzelhändler »abgehängt«: Am Kirschgarten und der Rochusstraße läuft der Passantenstrom der Augustinerstraße vorbei.

Zu den Händlern, die seit Jahren aktiv sind, gesellten sich zwischenzeitlich neue. Die einen engagieren sich mehr in der Augustinerstraße, die anderen mehr am Kirschgarten, manche sowohl als auch: »Kreativ-Team« und »Altstadtviertel Kirschgarten« ergänzen und befruchten einander. Dinge, um die sie sich kümmern (müssen) gibt es genügend: die Laternen brauchen einen Anstrich, die Mülleimer sind zu klein, eine ordentliche Beschilderung soll Kunden den Weg in die angrenzenden Gassen weisen, die Weihnachtsbeleuchtung muss organisiert werden .

»Wir sind mit unserem Tun ganz nah an den Händlern«, sagt Gabriele Lehnert. Die Altstadtgaleristin ist in beiden Initiativen Mitglied. Die Ideen, Anregungen, Wünsche müssten von unten nach oben getragen und wo möglich, gleich unten umgesetzt werden. Heißt: Was in Eigeninitiative gemacht werden kann, wird gemacht.

Zum Beispiel der Farbanstrich für die Laternen. Annette Plachetka und das »Kreativ-Team« haben das in die Hand genommen. Sie suchten und fanden Paten, die für die Farbe »ihrer« Laterne 200 bis 250 Euro zahlen. »Die Bereitschaft mitzumachen, war enorm«, freut sich die Inhaberin von »Schuh Passion«.

»Die Aufgaben sind auf viele Schultern verteilt, alle machen bereitwillig mit und wenn wir zusammen sitzen, kommen immer wieder neue Ideen.« Gabriele Lehnert meint, für Aktionen direkt vor den Türen der Händler brauche es keine übergeordnete Instanz. Gleichwohl sieht sie sowohl für die Werbegemeinschaft als auch für den City-Manager genügend zu tun, um den Einzelhändlern unter die Arme zu greifen. »Die agieren auch mit Institutionen wie Uni, FH, Medien, Vereinen und Museen, also können Aktionen weiträumiger geplant und umgesetzt werden.«

Ende Juli stellten die »Kreativen«- und die »Kirschgarten«-Händler ihr Engagement wieder unter Beweis: »Licht ins Dunkle« brachten sie mit dem »Late-Night-Shopping« in die weiß dekorierte Altstadt, selbst die frisch gestrichenen Laternen wurden mit weißen Schleifen verziert. »Es ist ein so besonderes Viertel, in dem Einkaufen, Genießen und Historie wunderbar miteinander harmonieren« schwärmt Gabriele Lehnert »und unsere Gäste freuen sich immer, wenn wir ihnen etwas Besonderes anbieten.«

Von unten nach oben


Maratin Lepold
Maratin Lepold

Martin Lepold ist seit 2008 Vorsitzender der Werbegemeinschaft Mainzer Einzelhändler. Sein Geschäft in der Augustinerstraße betreibt er seit 27 Jahren, seit zehn Jahren ist er im Quartier Altstadt aktiv. Angefangen beim Geld einsammeln für die Weihnachtsbeleuchtung, über unzählige Sitzungen zur Vorbereitung von gemeinsamen Aktionen wie dem »Krempelmakrt« bis zu den vielen Behördengängen - für die Genehmigung von verkaufsoffenen Sonntagen, zum Beispiel.

Engagement in den Einzelhandelsquartieren, Werbegemeinschaft und City-Management - Lepold beschreibt die drei Aktionsebenen als Pyramide: Die Einzelhändler erledigen, was ganz nah vor ihrer Haustüre passiert, die Werbegemeinschaft organisiert die Quartierübergreifenden Aktionen wie die verkaufsoffenen Sonntage und das Citymanagement kümmert sich um die »dicken Brocken«.

Als Vorsitzender der Werbegemeinschaft sucht er die noch aktiven Sprecher der Einzelhandelsquartiere und alle, die sich in den Quartieren engagieren einzubinden: »Wir laden sie zu unseren Vorstandssitzungen immer als Gäste ein, um uns auszutauschen, wir wollen die Vernetzung zwischen den Quartieren vorantreiben und kümmern uns um die handelsbezogenen Aktivitäten.« Es helfe nicht, darauf zu warten, dass die Stadt etwas für die Einzelhändler tue, fasst Lepold seine Einstellung zusammen. »Allerdings erwarten wir Unterstützung, wenn es beispielsweise um die Genehmigung für Veranstaltungen geht.«

Ein »dicker Brocken«, als Aufgabe für den neuen Citymanager ist aus Lepolds Sicht die Weihnachtsbeleuchtung: Ein zusammenhängendes Beleuchtungskonzept für die gesamte Innenstadt, statt dem mehr oder weniger hellen Flickenteppich der vergangenen Jahre, ist angesagt. Außerdem müsse in diesem Jahr mindestens der Weihnachtsbaum vor dem Staatstheater »gesponsert« werden, die Stadt könne den auch nicht mehr bezahlen. »So etwas zu organisieren, das kostet sehr viel Zeit, da muss jemand kontinuierlich dran bleiben, das geht nicht mit unseren ehrenamtlichen Strukturen«, meint Lepold. Den City-Mananger sieht er außerdem in der Rolle des Vermittlers zwischen Anwohnern, Hausbesitzern und Einzelhändlern

Für das Große Ganze


Walter Strutz Walter Strutz, Citymanager seit dem 1. Juli, ist häufig in Geschäften zu sehen - er hört sich die Analysen und Erwartungen der Einzelhändler an. Seine Aufgabe als Citymanager bezüglich des Mainzer Einzelhandels beschreibt er im Gespräch mit dem MAINZER als eine Moderatorenrolle um die einzelnen Quartiere in enger Abstimmung mit den Einzelhändlern zu einem Gesamtbild Innenstadt zusammenfügen.

In die praktische Arbeit will Strutz mit zwei Projekten starten:

1. Eine Neuauflage von »Zu Gast in der eigenen Stadt« für 2013. Strutz meint, die Aktion biete nicht nur den Hoteliers eine gute Profilierungsmöglichkeit sondern auch den Einzelhandelsquartieren: Die Teilnehmer erhalten Gutscheine für Geschenke oder Preisnachlässe, so würden selbst bekennende Mainzer in Quartiere und Geschäfte gelockt, in die sie sonst nicht kämen.

2. Unter Federführung der Werbegemeinschaft will der Citymanager die Weihnachtsbeleuchtung organisieren, auf der Basis des Beleuchtungskonzepts der Stadt. Dabei stellt er klar, ohne finanzielle Beteiligung der Einzelhändler wird das nicht zu leisten sein. Der Citymanager ist aber guter Dinge, in seinem Etat für das zweite Halbjahr 2012 noch Geld einstellen zu können.

SoS


Kommentar

Viele Mainzer Einzelhändler wissen längst, dass ihr Überleben nicht nur von der Quadratmeterzahl eines Einkaufstempels abhängt. Allgemeine wirtschaftliche Lage, Internethandel, Uniformität des Angebots sind allgegenwärtige »Bedrohungen«. Ob viele Main­zer wissen, dass die Attraktivität der gesamten Stadt auch von einem belebenden Handel abhängt, ist zu bezweifeln. Wer leerstehende Ladenlokale hässlich findet und Billigketten als Stadtverschandelung, gleichzeitig aber die Internetschnäppchen dem Kauf im Geschäft vorzieht, hat den Zusammenhang von Angebot und Nachfrage nicht kapiert.

Die Haltung vieler Händler, alles was geht, selbst in die Hand zu nehmen, verdient Anerkennung. Keine beleidigte Leberwurst, kein Trotzverhalten, auch nicht gegenüber der Politik. Die sich gerne mit den Aktionen und Erfolgen auch der Einzelhändler in Szene setzt, ansonsten aber zurückhält.

Engagement und Eigenregie funktionieren so lange, wie die Händler genügend Geld verdienen, um nicht nur Aktionen, wie verkaufsoffene Sonntage oder Late Night-Shopping selbst zu organisieren und zu finanzieren, sondern auch »Kleinigkeiten« wie Farbe und Weihnachtsbeleuchtung. Wohlgemerkt all das immer zusätzlich zu Pacht, Nebenkosten, Steuern und Abgaben. Aus Sicht der Kunden bleibt zu hoffen, dass es die Werbgemeinschaft als Moderator zwischen den verschiedenen Quartieren versteht die kreativen Funken weiterzutragen. Wenn dazu der neue Citymanager seinen Teil beiträgt und nicht nur »Großprojekte« stemmt, steigen die Chancen, dass Mainz als Stadt und als Einkaufsstadt attraktiv bleibt.