Heft 263 August 2012
Werbung




Service

Verkaufen? Verschenken?

Wo alte Bücher ein neues Zuhause finden


Bücherschrank in Drais
Der Bücherschrank in Drais ist der jüngste unter den Mainzer Bücherschränken. Seit dem 11. Juli ist er eine Drehscheibe für alle ausgelesene Bücher: befüllen und bedienen kann sich jeder. Designt und konstruiert von den Stadtwerken, pflegt ihn die Draiser Ortsverwaltung.

Meine Bücher sind wie meine Freunde. Ich hege und pflege sie, besuche sie hin und wieder - sprich ich lese sie mehr als einmal -, freue mich immer einen fast vergessenen Freund in den Tiefen meines Bücherregals zu finden. Man kann eigentlich nie genügend Freunde haben. Das habe ich immer gedacht. Nun ist es aber so, dass mein großes Bücherregal, es nimmt etwa sechs Quadratmeter Wand ein und ist circa 40 Zentimeter tief, überquillt. Wenn ich es so gemeinhin überschlage, komme ich auf über 1000 Bücher. Das ist zu viel. Wenigstens in meiner Wohnung. Ich muss mich also von einigen meiner Freunde trennen. Nur wie und vor allem von welchen?

Klar, ich könnte sie ganz profan in die Altpapier-Tonne schmeißen. Aber mal ehrlich, geht man so mit treuen Wegbegleitern um? Nein, ich muss ein gutes Zuhause für sie finden. Einen Ort, an dem sie genauso geschätzt werden wie bei mir.

Abgeben an Unbekannt?


Die erste Idee sind die öffentlichen Büchereien. Also auf die Seiten der Stadt Mainz und des Bistums. Die Stadtteil-Büchereien und die KÖBs (Katholische Öffentliche Büchereien) werden sich doch auf ein bisschen Zuwachs freuen. Aber so einfach ist das nicht, denn anscheinend gibt es eine ganze Menge Mainzer, die auch ihre Bücher loswerden wollen. Wichtig ist zudem, um welche Bücher es sich handelt: bei der einen nehmen sie keine Sachbücher, bei der anderen keine Krimis und zu blutig darf es auch nicht immer zugehen. Schwierig, allerdings bekomme ich den Hinweis, dass man sicher etwas beim Pfarrfest loswerden kann - auf dem Flohmarkt. Auch eine gute Idee, aber ich habe keine Lust, mich morgens um sieben Uhr ans Rheinufer zu begeben, um dort meine Freunde für einen Appel und ein Ei zu verscherbeln. Und wer weiß, ob ich die Bücher dann tatsächlich verkaufe oder es mir anders überlege? Auch wenn die KÖB-Dame nicht wirklich begeistert geklungen hat, packe ich einen Wäschekorb voller Bücher und bringe ihn an einem Samstag vorbei. Wenn ich erstmal da bin, wird sie mich schon nicht wegschicken.

Auch wenn ich jetzt ein paar Bücher los bin, die ultimative Lösung ist das noch nicht gewesen. Allein schon der Prozess des Auswählens. Jedes Buch wird angeschaut, sein immaterieller Wert bestimmt, in Erinnerungen geschwelgt und am Ende kommt doch nur jedes dritte auf den Stapel. Gut, das wird wohl nicht zu ändern sein, aber ich wollte ihnen doch ein liebevolles Zuhause besorgen. Vielleicht wenn ich sie an Unbekannt abgebe? An Menschen, die sich meine Bücher ganz gezielt aussuchen? Da fallen mir die öffentlichen Bücherschränke ein. In Mainz gibt es gleich mehrere, der älteste steht am Feldbergplatz, der neueste an der Ortsverwaltung in Drais. Das Prinzip ist ganz einfach, jeder der möchte kann Bücher einstellen oder mitnehmen - keine Leihfrist, kein Mitgliedsausweis, kein Stress. Und wer will, kann den Büchern auch eine neue Heimat geben. Also ein weiterer Wäschekorb geht nach Drais. Schon beim Einräumen kommt eine Dame vorbei und sagt: »Ach toll, da bringe ich meine Bücher auch hin. Und eines das ich mitnehme hab ich auch schon gefunden!«

Gut für die Umwelt?


Von einer Freundin bekomme ich den Tipp, dass ich nicht auf Bücherschränke angewiesen bin. Unter www.bookcrossing.de kann ich meine Bücher mit der ganzen Welt teilen, ihre Reise verfolgen und selber auch neue Bücher finden. Für ganz wilde Crosser, kann das so etwas wie Geocaching mit Büchern sein. Wer will kann den Ort des Freilassens auf Thema oder Titel anpassen. Ist doch lustig. Aber für mich nicht unbedingt das richtige.

Mir geht die Sache mit dem Flohmarkt nicht aus dem Kopf und ich sehe eine Werbung im Fernsehen. »Momox« kauft meine alten Bücher. Das ist einen Blick wert. Auf dem Weg dahin, finde ich im Internet auch noch »Rebuy«. Ich probiere mal beides. »Die Bücher müssen natürlich in einem guten Zustand sein, das heißt Bücher mit Wasserschäden können wir beispielsweise nicht ankaufen«, erklärt Julia Wohllebe, Marketing und PR Managerin des Berliner Unternehmens Momox. »Der Zustand ist wichtig, damit die Bücher auch vom neuen Besitzer gern gelesen werden können. Als Recommerce-Unternehmen wollen wir für die Artikel, die Zuhause aussortiert und an uns verkauft wurden, neue Besitzer finden. Dazu werden die gebrauchten Bücher, Spiele, DVDs und Handys zuerst auf ihren Zustand geprüft, aufbereitet, eingelagert und günstig wieder zum Kauf angeboten. Damit tut man nicht nur seinem Geldbeutel etwas Gutes, sondern leistet auch einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz.« Seit der Gründung von Momox 2006 sind 26 Millionen Artikel angekauft worden.

Jedes Buch muss einzeln eingegeben werden, für die meisten gibt es 5 bis 9 Cent - je nach Ankäufer. Einige Bücher gehen aber auch gar nicht. »Wir gleichen das mit unserem Lagerbestand und mit der vorhandenen Nachfrage ab - so entscheiden wir, was wir kaufen und was nicht.« Deswegen kauft die eine Internetplattform das eine Buch an, was die andere ablehnt. Die Prozedere dauern zwar lange, aber ein paar Euro bringts und im Gegensatz zu Ebay und Amazon ist das Ganze versandkostenfrei.

Daniela Tratschitt

www.offenebibliothek.de
www.bookcrossing.de
www.momox.de
www.rebuy.de