Heft 263 August 2012
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Nullfünfer

1. FSV Mainz 05

Notizen aus der »Sommerpause«


Sliskovic gratuliert Ujah
Sliskovic gratuliert Ujah zum Tor
Foto: Silke Bannick/Mainz 05

Was den Fußballfreunden meist viel zu lange vorkommt, hat in den Ohren von Spielern und Verantwortlichen seinen Namen eigentlich gar nicht verdient: Wenn sich die Fans in Balkonien oder am Atlantik noch im Liegestuhl aalen und Ersatzdrogen wie die Tour de France und die Olympischen Spiele medial konsumieren, sind die Nullfünfer schon wieder in Aktion - planen, trainieren und taktieren.

»Nach der Saison« ist »vor der Saison« - und vor der Saison gibt es meistens drei Fragenkomplexe, die die Anhänger in ihren Bann ziehen und Gesprächsstoff für die Wochen ohne Bundesligaspieltage liefern:

1) Wie ändert sich der Kader im Vergleich zur Vorsaison? (Sprich: Wer geht? Wer kommt?)
2) Wer hat sich welches Ziel für die neue Saison gestellt?
3) Wie geht es im Pokal los?

Der Kader


In diesem Sommer drehte sich die Diskussion mehr um die Ab- als die Zugänge. Es war ein offenes Geheimnis, dass der Kader entschlackt werden sollte, aber bei einigen Spielern zeigten sich - zumindest die Fans - doch überrascht. Relativ früh war klar, dass Mohamed Abdullah Zidan, der »Retter«, nicht bleiben würde. Er konnte sich mit dem FSV auf keinen neuen Vertrag einigen und sucht jetzt einen neuen Verein.

Unbekannt ist auch das Ziel von Mittelfeldspieler Eugen Gopko. Adieu sagten auch Zoltán Stieber (Vierjahresvertrag beim Erstligaaufsteiger SpVgg Greuther Fürth), Fabian Schönheim (er wurde an den 1. FC Union Berlin ausgeliehen) und der in der letzten Saison vom FC Schalke 04 ausgeliehene Mario Gavranovic, der inzwischen einen Vierjahresvertrag beim FC Zürich unterschrieben hat.

In der zweiten Juli-Hälfte wurde auch klar, dass der tunesische Nationalspieler Sami Allagui (vor zwei Jahren von der SpVgg Greuther Fürth gekommen: 47 Spiele und 14 Tore für Mainz) zu seinem Wunschverein Hertha BSC wechseln durfte.

Auch in diesem Jahr setzt Mainz 05 wieder auf die eigene Jugend. Der offensive Shawn Parker, bisher U 23, steht jetzt im Profikader. Beim Training der »Ersten« sah man in diesem Sommer auch schon Manuel Schneider, Benedikt Saller (beide U23) und den von den A-Junioren in die U23 aufgerückten Lukas Röser.

Ebenfalls offensiv ausgerichtet ist der Kroate Petar Sliskovic, der in der letzten Saison an den FC St. Pauli ausgeliehen war und ab sofort wieder in Mainz kicken wird.

Neu in die Coface-Arena werden (bisher) nur zwei Spieler einlaufen: Der costa-ricanische Nationalspieler Júnior Enrique Díaz Campbell und Chinedu Ede - ein Berliner mit nigerianischen Wurzeln.

Diaz, 28-jähriger Linksverteidiger, unterschrieb einen Dreijahresvertrag bis Juni 2015. Er trug bisher 50-mal das Nationaltrikot seines Heimatlandes, war aber in den letzten Jahren in Europa aktiv: Er spielte von 2008 bis 2010 für das polnische Spitzenteam Wisla Krakau (Europa League-Erfahrung!), wechselte dann zum FC Brügge und wurde von diesem in der vergangenen Saison wieder an Krakau ausgeliehen.

»Junior Diaz ist ein technisch versierter, athletischer und zweikampfstarker Verteidiger, der überwiegend links in der Viererkette spielt, aber auch zentral in der Abwehr eingesetzt werden kann«, sagt Christian Heidel, Manager des 1. FSV Mainz 05, auf der Homepage des Vereins. »Unseren Trainern ist er erstmals vor einem knappen Jahr bei einer Spielbeobachtung positiv aufgefallen, wir haben ihn danach nicht aus den Augen verloren. Jetzt hat die Chance ihn zu verpflichten sportlich und wirtschaftlich für uns sehr gut gepasst.«

Vor einem knappen Jahr vermeldete der 1. FC Union Berlin noch eine langfristige Bindung Chinedu Edes an den Verein, inzwischen ist die Vertragsunterzeichnung nach einem Hin- und Her beim FSV unter Dach und Fach. In der Presse war vereinzelt von einem Tauschgeschäft »Allagui vs. Ede« zu lesen - was so allerdings nicht stimmt.

Klar ist, dass der Stürmer Allagui nur gehen konn­te, weil die Rot-Weißen einen neuen Offensivmann - eben Ede - bekamen. Obwohl über die finanziellen Aspekte der beiden Berlin-Transfers Stillschweigen bewahrt wird, darf davon ausgegangen werden, dass der Erlös für Allagui wesentlich höher ausfällt als die Zahlungen an Union. Der FSV hat hier also ein klares »Plus« gemacht.

Klassenerhalt oder Europa League?


Fragt man nach den Wünschen für die kommende Saison, dürfte man bei der »Realo-Fraktion« wohl überwiegend die Formulierung »frühzeitiger Klassenerhalt« hören - Optimisten werden auch weiterhin von einer erneuten Europa League-Teilnahme träumen: ». wenn alle Spieler frühzeitig ihre Bestform erreichen, das Team vom Verletzungspech verschont bleibt, einige Schiedsrichter nicht wieder gegen uns pfeifen und wir keine Punkte unglücklich abgeben bzw. leichtfertig verspielen.«

Klar ist, dass man sich mit Spitzenteams wie Dortmund, München und Schalke - aber auch mit aktuell kapitalstarken, auf dem Transfermarkt hyperaktiven Mannschaften wie Wolfsburg, Gladbach und Hoffenheim - auch in absehbarer Zeit nicht messen (lassen) kann. Dahinter ist einiges möglich - im positiven wie im negativen Sinn.

Die Ergebnisse der bisherigen Testspiele sind nur insoweit aussagekräftig, dass es offensichtlich keine größeren Lücken im Team gibt: 2:0 bei TuS Koblenz (Regionalliga), 2:1 in Eschborn (Regionalliga), 4:0 beim SV Wehen Wiesbaden (3. Liga) und 2:0 beim FSV Frankfurt (2. Liga): Vier »Pflichtsiege« gegen unterklassige Vereine, bei denen einiges ausprobiert wurde - nicht mehr und nicht weniger.

Es wird wieder einmal an Thomas Tuchel liegen, ob aus einer dem Mainzer Verein wirtschaftlich angepassten Mannschaft auch eine schlagkräftige Truppe wird. Natürlich ist auch vor dieser Saison wieder vereinzelt zu hören, dass man wesentlich höher investieren müsse, um in der Saisonabschlusstabelle besser dazustehen. Nur: teuere Spieler sind noch lange keine Garantie für bessere Ergebnisse und wirtschaftliche Hasardeure gibt es im nationalen wie internationalen Profigeschäft schon mehr als genug.

Und im DFB-Pokal?


Zugegeben - von einigen ruhmreichen Ausnahmen abgesehen - hat es im DFB-Pokal nicht immer soooooo toll geklappt und bei manchem unterklassigen Verein ging es knapper zu, als die Papierform vermuten ließ - von einigen unerwarteten Niederlagen ganz zu schweigen.

Sicherlich klingt das Los in der ersten DFB-Pokal Hauptrunde 2012/13 - SV Roßbach/Verscheid (Oberliga) - mehr als einfach. Alles andere als ein klarer Sieg beim Fünftligisten dürfte eigentlich nicht in Frage kommen. Alleine: da waren das knappe 2:1 (nach Verlängerung) gegen den SVN Zweibrücken (Oberliga) im letzten Jahr, das glückliche 2:1 gegen den Regionalligisten Berliner AK 07 (2010/2011) und die 1:2 Niederlage beim VfB Lübeck (ebenfalls Regionalliga, Pokalsaison 2009/2010).

Etwas mehr als ein Zittersieg wäre ein wichtiges Signal für die bevorstehende Runde.

Die Verantwortlichen aus dem Westerwald freuen sich jedenfalls schon: Eine Mannschaft aus dem regionalen Einzugsgebiet war ihr große Wunsch. Das Spiel verspricht dem Fünftligisten eine große Kulisse in Koblenz und entsprechende Einnahmen - an einen Sieg wollen dort selbst die größten Optimisten nicht glauben. Drücken wir also die Daumen für einen optimalen Mainzer Start!

(Matthias Dietz-Lenssen)