Heft 263 August 2012
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Mainzer Köpfe

»Ulli's Nachtschicht« zieht in den »Äppelwoikeller«

Zurück zu den Wurzeln


Ulli
Ulli Willenbacher gründete die Kultkneipe »Ulli's Nachtschicht«

In der Mainzer Clubszene war »Ulli's Nachtschicht« in der Rheinstraße 53 ein Kultereignis, das im Mai ein jähes Ende fand. Ab August kann der Kult weiter gehen. In der Parcusstraße, im Äppelwoikeller. Ulli Willenbacher kehrt in das Lokal zurück, in dem sie ihren »Kneipenkult« begründete.

Da werden einige staunen. Insbesondere diejenigen, die schon länger auf Ullis Spuren die Mainzer Kneipenlandschaft erkunden. Zehn Jahre war Ulli Willenbacher im »Äppelwoikeller« Herrin über Bit-Fässer, überbackene Mohnstangen, Dartscheiben und Piccolos. Äppelwoi gab es übrigens auch. Trinken mochten ihn aber nur wenige.

Knapp 20 Jahre später wandert Ulli nun mit der »Nachtschicht« in diesen Keller - allerdings wird sie nicht mehr an »vorderster Front« stehen: »Ich bin jetzt wirklich alt genug, dass ich kürzer treten und den Jungs die geschäftliche Verantwortung überlassen kann und in erster Linie beratend zur Seite stehe, wie diese mir bislang zur Seite gestanden haben.« »Die Jungs«, insbesondere Andy, trugen einen erheblichen Teil zum Erfolg von »Ulli's Nachtschicht« bei. Als Türsteher passte Andy vor allem auf, dass der Laden sauber blieb und sein Umgang mit Facebook und Co. ließ die Internet-Fangemeinde und mit ihr die reale Besucherschar wachsen.

Geboren ist Ulli Willenbacher 1953 in Kaiserlautern, ihr Vater war Metzgermeister - ein gutes Rumpsteak gehört zu ihren Leibspeisen. Nach Mainz kam sie 1972 um zu studieren, seit 1978 ist sie Diplom- Sozialpädagogin. Während des Studiums jobbte Ulli in der »Pinte« und wechselte von dort mit dem legendären »HP« (Hans Peter Grohs) in den »Leierkasten« im Kaiser-Wilhelm-Ring, in dem sie mit ihrem damaligen Ehemann, Thomas Müller, die Geschäftsführung übernahm. 1983 zog es beide in den »Äppelwoikeller« - nach zehn Jahren war für Ulli dort Schluss. Die Liste der Lokalitäten, in denen sie danach das Regiment übernahm, liest sich wie ein Auszug aus einem 90er Jahre-Kneipenführer: »Schöner Brunnen«, »PJ«, »Cafe Central«, »Maxwell«, »Kumana Club«...

2003 dann »Romans Piano Bar«: »Ich habe immer einen Laden gesucht, der nachts aufhat.« Ulli schmiss das Lokal meist alleine und übernahm es 2006 komplett: »Ulli's Nachtschicht« war geboren und der Kult nahm seinen Lauf. Immer mit dabei Ullis Markenzeichen: Das Stirnband. Schwarz muss es sein. Und breit. Ohne geht sie nicht aus dem Haus. Man würde sie vielleicht nicht erkennen?

Mit Leib und Seele Wirtin


Den Erfolg ihrer »Nachtschicht« kann sich Ulli nicht wirklich erklären: »Man überschätzt sich ja leicht selbst, dabei ist jeder ersetzbar.« Dass es dennoch irgendwie mit ihrer Persönlichkeit zusammenhängt will sie aber nicht ganz ausschließen - nur verstehen kann sie es nicht: »So unfreundlich und merkwürdig ich manchmal bin.«

Unfreundlich? Merkwürdig? Wer die Frau beim Arbeiten erlebt, wundert sich vielleicht über die klaren Ansagen: »Füße vom Stuhl«, »Lass mich mal vorbei«. Ungewohnt in Zeiten, in denen sich in vollen Kneipen vor lauter »könnten Sie bitte vielleicht eventuell mal .« oft nichts bewegt. Ulli lässt das sprachliche Brimborium, weist aber Gäste, die das Einmaleins der Höflichkeiten an der Tür abgeben, ausgesprochen liebenswürdig auf den Mangel hin: »Wenn statt einer ordentlichen Bestellung nur ,Bier' gebrüllt wird, gibt's zuerst mal ein ,Guten Abend, was darf's denn sein?'« Außerdem kann sie sich herzlich mit ihren Gästen amüsieren und hat ein offenes Ohr für deren Sorgen und Nöte.

Dass Ullis Nachtschichten oft bis in den Vormittag hinein andauern macht ihr nichts aus, im Gegenteil: »Ich war schon immer ein Nachtmensch.« Außer ihr selbst gibt es genügend andere Nachtschwärmer, die weggehen (müssen), wenn andere schlafen (müssen): Bedienstete in Kneipen, Discos, Krankenschwestern. Ullis Publikum ist gut durchmischt, kommt aus Wiesbaden, Kelsterbach und Rüsselsheim, aus Oppenheim und Nieder-Olm: »Der Laden hat alles getoppt, was ich vorher in Kneipen erlebt habe, was da an zwischenmenschlichen und sonstigen Sachen alles passiert ist .«

Flexibel und eisern


Passiert ist auch einiges in punkto Ansprüche der Gäste: »Wo früher zwei, drei Wodkasorten ausreichten, braucht es heute schon 60.« Dazu noch 15 verschiedene Gin-Marken und den ganz normalen Tequilla, den trinkt eh keiner mehr - und schon gar nicht mit Salz und Zitrone. Geht es um Getränke, probiert Ulli mit ihrem Team gerne aus. Geht es um Musik, bleibt sie eisern: die 80er und 90er rauf und runter, vielleicht mal in den frühen Vormittagsstunden ein bisschen House und ein klein wenig Tecno. »Ich kann zwar die Backstreet Boys selbst schon lange nicht mehr hören, aber die werden gewünscht. Und bei uns werden solche Wünsche erfüllt.«

Fast vierzig Jahre nächtliche Kneipenarbeit - dass Ulli immer noch so fit ist, hängt sicher nicht nur an den heißgeliebten Rot-Händle (ohne Filter!). Eher, glaubt sie selbst, an den ausgedehnten »Spaziergängen«, die sie so oft es geht unternimmt: »Einmal die Woche muss ich auf jeden Fall bis Hochheim laufen und zurück, Budenheim ist auch kein Problem und selbst zum Schiersteiner Hafenfest geht es zu Fuß.« Das Tempo, das die Frau dabei drauf hat, ist aber nichts für »Spaziergänger«.

Im Urlaub fährt Ulli gerne - an den Wörthersee! Denn: »Da geht die Post ab - nachts und beim Wasserskifahren.« Eine von Ullis sportlichen Leidenschaften. Vor 20 Jahren hat sie die »Nachtschichten« an dem See entdeckt. Und die Metzgerei, die morgens um 5 Uhr frische Wurstsemmeln verkauft.

SoS