Heft 263 August 2012
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Fluglärm

Der Schöpfung verpflichtet

Auch die Kirchen machen gegen Fluglärm mobil


Kirche St. Peter und Paul in Hochheim
Kirche St. Peter und Paul in Hochheim

»Wir bitten für alle, die...«, hub einer aus der katholischen Gemeinde im Mainzer Stadtteil Kastel zur traditionellen Fürbitte an, als eine startende Maschine jedes weitere Wort zunichte machte. So massiv wie dieses Jahr wurden die Fronleichnamsprozessionen rund um den Frankfurter Flughafen noch nie gestört. Seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn klagen Geistliche beider Konfessionen über Behinderungen von Hochzeiten, Taufen und Gottesdiensten, vor allem aber von Beerdigungen. Erste Stimmen sprechen bereits von einem massiven Einschnitt ins Recht der ungestörten Religionsausübung, das im Grundgesetz garantiert ist. Sollten kirchliche Feiern künftig so weiter unmöglich werden, schließen Kirchenvertreter Verfassungsklagen nicht mehr aus.

Noch aber hoffen die Gottesmänner, dass die Verursacher des Lärms einlenken und die Belastungen für die Bevölkerung mindern. »Fluglärm«, sagt Wolfgang Drewello, evangelischer Pfarrer im Mainzer Stadtteil Laubenheim, »stört, wenn am Grab der Segen gesprochen werden soll.« Im Mainzer Stadtteil Marienborn hat der Kirchenvorstand deshalb eine sofortige Absenkung der Flugbewegungen gefordert und von einer Ausweitung des Terminals gewarnt. Dies »brächte für Hunderttausende unvorstellbares Leid... Reichtum für wenige, Armut und hohen Tablettenverbrauch für viele - und für zahllose »Kinder unter der Route« ein großes Bildungsproblem«. Inzwischen gibt es in den vom Fluglärm betroffenen Gemeinden sogar erhebliche Zweifel, ob ein kirchlicher Segen theologisch überhaupt wirksam ist, wenn ihn die Gemeinde akustisch nicht verstehen kann.

Ähnliche Probleme plagen auch die Katholiken. Schon im Mai letzten Jahres hatten sich die deutschen Bischöfe in ihrer Arbeitshilfe »Der Schöpfung verpflichtet« für eine Reduzierung des Flugverkehrs ausgesprochen. »Niedrigpreise produzieren eine Nachfrage nach Flugreisen, die im Widerspruch zu einer Entwicklung nachhaltiger Mobilitätskonzepte und Lebensstile steht«, heißt es in dem Schreiben der katholischen Oberhirten, das auch der Mainzer Kardinal mit unterzeichnete.

Protest ist Christenpflicht


Fluglärm Pfarrgemeinderäte in der ganzen Region haben sich für die Ausweitung der Nachtruhe, einschneidende Verringerungen der Schadstoff- und Lärmemissionen, sowie eine weitere Reduzierung des Flugverkehrs ausgesprochen. Solidarische Unterstützung bei allen Aktionen gegen die Ausweitung des Flugverkehrs und der damit verbundenen Belastungen hat das Dekanat Mainz in einer Resolution versprochen. »Das sind wir der Schöpfung schuldig«, sagte einer ihrer Initiatoren, für den der Kampf gegen Fluglärm zur Christenpflicht gehört.

Flugreisende, die über die neue Frankfurter Landebahn einschweben, können inzwischen schon von oben sehen, was die Menschen in der Region am meisten bedrückt Auf dem Dach der Hochheimer Kirche St. Peter und Paul mahnen zwei riesige Transparente, 120 Kilo schwer, 22 Meter lang und 11 Meter breit. »Hört unsere Stimmen« verheißen sie in schwarzer Schrift auf gelbem Banner. Daneben fordert ein großes, rotes Schild »Stop Fluglärm«. Inzwischen zieren ähnliche Transparente und Plakate immer mehr Kirchen in der Region.

»Wir müssen Zeichen setzen, die jeder sieht«, sagte einer der Geistlichen. Sollten die kirchlichen Proteste aber nicht fruchten, erwägen Kirchengemeinden wie die in Flörsheim den Gang zum Verfassungsgericht, wo sie das Recht auf ungestörte Religions­ausübung einklagen wollen. Es wäre das erste mal, das sich Juristen so um Artikel 4, Absatz 2 des Grundgesetzes kümmern müssten.

Spectator


Wir zitieren aus der Resolution des Katholischen Dekanats Mainz gegen steigende Beeinträchtigungen durch die Ausweitung des Flug­verkehrs am Frankfurter Flughafen:

Gesundheit geht vor Profit


Die Bewohner von Mainz leiden in zunehmendem Maße unter dem Lärm der am Flughafen Frankfurt startenden und landenden Maschinen. Die Lebens- und Wohnqualität wird dadurch für viele Menschen beeinträchtigt. Zahlreiche Studien belegen zudem gesundheitliche Beeinträchtigungen, z.B. des Herz- Kreislaufsystems, der Atemwege und der Haut (Allergien).

Der zunehmende Flugverkehr verstärkt darüber hinaus den Klimawandel (Treibhauseffekt) mit allen negativen Folgen wie Überschwemmungen oder der Dürren, unter deren Auswirkungen insbesondere Menschen in der sogenannten Dritten Welt leiden.

Menschen in der Rhein-Main-Region leiden unter der Schadstoffbelastung, hauptsächlich Kinder sowie alte und kranke Menschen. Eine zukunftsfähige Gesellschaft darf nicht kurzfristigen, rein profitorientierten Gesichtspunkten folgen, sondern muss nachhaltig, umwelt- und menschengerecht gestaltet werden.

Vor diesem Hintergrund fordert das Katholische Dekanat Mainz den Flughafenbetreiber Fraport, die politisch Verantwortlichen sowie die zuständigen Behörden auf:
  • den Schutz der Bevölkerung vorrangig vor rein wirtschaftlichen Interessen zu betrachten;
  • die verdeckten, klimaschädlichen Subventionen abzuschaffen, d. h. die Einführung der Ökosteuer wie bei Auto und Bahn, einer Kerosinsteuer sowie einer Abgabe, die sich an Emissions-, Schadstoff- und Lärmbelastung orientiert;
  • alle technischen und organisatorischen Maßnahmen zu nutzen um den Lärm sowie die Zahl der Flugbewegungen über Wohngebieten zu minimieren
  • das Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr einzuhalten. Das Katholische Dekanat Mainz unterstützt solidarisch die Initiativen, die sich um eine Begrenzung des Fluglärms bemühen.