Heft 262 Juli 2012
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Gesucht

Wohnungsmarkt in Mainz prekär

Letzter Ausweg Wiesbaden


Wohnungssuche Katrin und Cornelius hatten ein Dreivierteljahr in Mainz nach einer gemeinsamen Wohnung gesucht. Bezahlbare drei Zimmer, Küche, Bad, Balkon sollten es sein. Ein gutes Dutzend Besichtigungen hatten die Innenarchitektin und der Mediengestalter mitgemacht, selbst mehrmals Mietgesuche in der Tageszeitung geschaltet - das Richtige war nie dabei.

Ähnlich wie ihnen geht es auch mir und meinem Partner. Dabei sind wir als Mieter keine schlechte Partie, wie ich finde: Wir sind sehr verträglich, verdienen beide, haben keine Kinder, keine Haustiere und wenn wir laute Musik hören wollen, gehen wir aus. Wir haben aber einen Fehler: Wir wollen in Mainz wohnen. Nicht irgendwo in Mainz, sondern in Innenstadtnähe. Am besten in der Neustadt, Hartenberg-Münchfeld oder Mombach, damit der Liebste morgens schnell in Richtung seiner Praxis im Rheingau abdüsen kann. Seit einem halben Jahr suchen wir: dreieinhalb bis vier Zimmer mit Balkon oder Terrasse, kein Hoch- oder Reihenhaus. Ein bisschen anspruchsvoll, zugegeben, aber wir wollen da auch für länger wohnen.

Der Wohnungsmarkt in den innenstadtnahen Lagen in Mainz ist so eng wie nie zuvor. Spitzenreiter ist Gonsenheim: Laut immobilienscout.de stiegen hier im vergangenen Jahr die Mieten der auf der Internetseite angebotenen Bestandsimmobilien im Durchschnitt um 9,2 Prozent. Auf Platz zwei rangiert die Altstadt mit 5,3 Prozent höheren Mieten. In der Neustadt war es immerhin ein Plus von 3,3 Prozent. Der aktuelle Mainzer Mietspiegel sieht, je nach Lage, Größe und Ausstattung, eine Kaltmiete von 5,83 Euro bis 9,50 Euro pro Quadratmeter vor. Doch diese Werte werden teilweise deutlich überschritten.

Denn das Angebot ist knapp. Immer mehr Studenten zieht es in die Gutenbergstadt. Einzimmer-Wohnungen oder WG-taugliche Räume sind Mangelware. Dazu kommt, dass auch viele Ex-Studenten in ihrem Kiez wohnen bleiben, weil sie, auch wenn sie Kinder bekommen, auf das Einkaufs- und Ausgeh-Angebot der Stadt nicht verzichten wollen.

So kommt es, dass Mietpreise von 10 Euro kalt pro Quadratmeter in der ehemals günstigen Neustadt keine Seltenheit mehr sind. Manche Wohnungsgesellschaft geht hier nach dem Prinzip vor: Sobald Mieter ausziehen, wird die Wohnung generalsaniert - Parkett auslegen, Bad neu, Einbauküche rein - um sie dann an gehobenes Publikum zu vermieten. WGs oder Alleinstehende mit Kind haben schlechte Chancen. Aber auch für Doppelverdiener sind 1000 Euro kalt, am besten noch im Bahnhofsviertel und ohne Stellplatz, happig.

Wohnung in Bechtolsheim gefällig?


Es gibt Wohnungen, die standen noch nie in den Mietangeboten der Zeitungen. So wie meine derzeitige. Die günstigen zwei Zimmer, Küche, Bad mit Loggia habe ich von einem Kollegen übernommen. Die Hausbesitzerin verlässt sich auf Empfehlungen von Vormietern. »Damit bin ich immer gut gefahren«, sagt sie. Das denken offenbar viele, denn in der Zeitung stehen kaum noch Angebote. Vier-Zimmer-Wohnungen werden entweder in Bechtolsheim, Harxheim, Nieder-Olm angeboten oder wenn in Mainz, dann sind sie in Hochhäusern und erfordern einen Wohnberechtigungsschein.

Bleibt das Internet. Auf den Immobilienseiten finden sich fast nur Maklerangebote. Ich fand das Maklergeschäft immer unfair: Wie­so soll ich einen Makler bezahlen, den doch der Vermieter angeheuert hat? Mittlerweile habe ich mich aber von dem Gedanken verabschiedet, ohne Makler noch etwas Vernünftiges zu finden.

Wieso ruft der Makler nicht zurück?


»Haben Sie vielleicht noch etwas anderes im Angebot?«, frage ich den Makler, als wir in einer eher suboptimal geschnittenen Wohnung in Weisenau stehen. Der zuckt entschuldigend die Schultern: »Tut mir leid, aber Mainz ist gerade ausverkauft.« Große Firmen wie Boehringer stünden Schlange, weil sie Wohnungen und Häuser für ihre Mitarbeiter in Mainz suchten.

Kurz darauf sehen wir im Internet eine Wohnung in Mombach, die uns gut gefällt. Gesucht werden »ruhige, solvente Mieter«. Na bitte. Der Makler ruft aber nicht zurück. Als wir es ein zweites Mal versuchen, geht er dran und will erst einmal eine Selbstauskunft: Wie viele ziehen ein? Berufe? Einkommen? Wir geben schriftlich Auskunft. Seitdem herrscht Funkstille. Ob es daran liegt, dass der Vermieter zwei Selbstständige nicht solvent genug findet, oder ob ihn der ausländische Nachname meines Freundes irritiert, darüber kann man nur spekulieren. Angeboten wird die Wohnung jedenfalls weiterhin. Aber nicht uns.

So kommt es, dass wir uns entschieden haben, den undenkbaren Schritt zu gehen: Auch Wohnungen in Wiesbaden anzusehen. Es schmerzt, doch das Angebot ist im größeren Wiesbaden bedeutend reichhaltiger - und dabei sogar meist günstiger: Auch hier bewegen sich die Mieten zwar meist zwischen acht und neun Euro pro Quadratmeter - dafür gibt es aber häufiger einen Balkon, ein Gäste-WC oder eine attraktivere Lage.

Das hatte auch Katrin bemerkt. Cornelius, ein gebürtiger Mainzer, wollte zwar auf jeden Fall in Mainz wohnen bleiben. Doch nach fast einem Jahr Suche hatte Katrin genug. Sie machte einen Termin für eine Besichtigung in Biebrich aus und schleifte ihren Freund hin. Was sie vorfanden, begeisterte beide sofort: 3,5 Zimmer auf zwei Etagen in Rheinnähe, einen Balkon und nicht zuletzt eine traumhafte Terrasse. Ein Trost für Cornelius: Der Bus nach Mainz fährt direkt vor der Tür ab. »Zum Bummeln fahren wir nach wie vor fast immer in die Mainzer Innenstadt«, sagt Katrin. Immer wenn wir ihr von unserer Suche erzählen, seufzt sie: »Ich glaube, wir können hier einfach nie wieder wegziehen.«

Alice Gundlach