Heft 262 Juli 2012
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Sport

Sportlerinnen mit Handicap:

Lebensfreude und Erfolg


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Die Verständigung klappt auch mit Handicap: Britta Näpel dirgiert ihr Pferd zu Internationalen Erfolgen im Dressurreiterin.

»Ich wollte gar nichts mehr machen nach meiner Erkrankung.« Wenn Britta Näpel heute von ihrer Vergangenheit erzählt, von den Anfängen ihrer spastischen Lähmungen, dann spürt man noch ein wenig die Frustration und den leichten Ärger - über sich selbst. »Schließlich habe ich mir diese körperliche Beeinträchtigung zugefügt«, sagt sie. »Früher war ich immer enorm sportlich aktiv, Springreiten, Volleyball und Taekwondo.

Mit 14 Jahren habe ich mit dem Reiten begonnen, und dann passiert mir das.« Ohne Schutzkleidung sprüht sie 1998 verschiedene Insektenschutzmittel gegen Parasiten in einer Pferdebox, und vergiftet dabei ihren Körper. Beine und Hände versagen ihren Dienst, fangen bei jeder Anspannung an zu zittern. Diagnose: Unheilbare Nervenschädigung. Sie bekommt Orthesen, die ihre Unterschenkel stützen, damit sie an Gehhilfen laufen kann.

Erstaunliche Leistungen


Die Geschäftsführerin des Zentrums für Therapeutisches Reiten in Wonsheim, das sie mit einer Tierärztin gründete und in dem sie auch ausbildet, ist auf einmal selbst in der Patientenrolle und erhält Therapiestunden: »Was mir überhaupt nicht behagte, aber jetzt weiß ich immerhin, wie sich Behinderte bei den Übungen wirklich fühlen.«

Es dauert fünf Jahre, bis sie sich wieder für das aktive Reiten entscheidet. Der ausschlaggebende Anstoß kommt beim Ausbilderseminar mit ihren Schülern. »Die Gruppe hat mich mehrfach motiviert, wieder anzufangen, und mich damit zurück zum Reitsport gebracht.«

Näpel wählt das für ihre Behinderung geeignete Dressurreiten. Anstelle des Schenkeldrucks gibt sie dem Pferd Befehle mit zwei Gerten, ihrer Stimme und Gewichtsverlagerungen. Besser als erwartet verläuft die Verständigung mit dem Tier. Bald trainiert sie täglich und entscheidet kurzerhand im selben Jahr an der Deutschen Meisterschaft im Behindertenreiten teilzunehmen, für das ihre Erkrankung mit Grad II, dem zweit schwersten Handicap, von insgesamt IV eingestuft wird.

Nach dem erfolgreichen 3. Platz in ihrer Kategorie spricht sie der Bundesstrainer an, der zu der Zeit das Team für die Paralympics in Athen zusammenstellte. »Für die Aufnahme in den Kader fehlte mir allerdings ein Auslandsturnier. Das letzte für 2003 fand in Argentinien statt, wo ich jedoch ohne mein Pferd starten musste. Trotzdem gewann ich drei Goldmedaillen«, erzählt die Pferdewirtschaftsmeisterin immer noch sichtlich erstaunt über ihre Leistungen. Damit waren die Spiele gesichert, bei denen sie Mannschaftssilber holt.

Auch bei den Paralympics 2008 ist Britta Näpel am Start, und dieses Mal erhält sie Gold und Bronze in den Einzelwertungen sowie erneut Silber im Team.

Im März dieses Jahres ist die 46-Jährige unter anderem für ihre Erfolge bei den Europameisterschaften vom Behinderten- und Rehabilitationssport-Verband Rheinland-Pfalz e.V (BSV) geehrt worden.

Ihr größter Wunsch wäre eine Teilnahme an den Wettkämpfen in London. »Bei den deutschen Meisterschaften Mitte Juni entscheidet sich die Nominierung, denn es dürfen insgesamt nur fünf Reiter mitfahren«, sagt Näpel und erklärt ihre Begeisterung für den Leistungssport so: »Jeder Mensch, mit oder ohne Behinderung, kann in der Lage sein, etwas zu finden, woraus er Lebensfreude zieht.«

Disziplin und Elan


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Im Wasser ist Julia Lunkenheimer in ihrem Element - und gewinnt nach einer Krebsbehandlung als Leistungssportlerin Wettbewerbe.

Dieses Motto könnte in gleicher Weise auf Julia Lunkenheimer zutreffen. Mit Disziplin und großem Elan zieht die Zehnjährige im 50-Meter-Schwimmbecken ihre Bahnen, von Freistil über Rücken bis zu ihrem derzeitigen Lieblingsstil Delphin.

»Ich fühle mich im Wasser wohl. Das Schwimmen macht mir viel Spaß«, sagt sie kaum außer Atem und lächelnd während einer kurzen Pause. Zwei Stunden pro Tag trainiert sie, fünf Mal die Woche. Im Wasser sei sie in ihrem Element und es werde ihr auch nie zu anstrengend, bemerkt Mutter Ortrud Lunkenheimer, schließlich sei Julia eine kleine Kämpferin.

Das habe sie bereits vor fünf Jahren gezeigt, als ein Gehirntumor bei ihr entdeckt wird. Seitdem leidet die junge Bingerin an Störungen der Motorik, hat Koordinationsprobleme und ihr Denken sowie ihre Aufnahmefähigkeit sind verlangsamt. »Nach anderthalb Jahren Chemotherapie und Bestrahlung wollte Julia wieder schwimmen und auch an Wettkämpfen teilnehmen. Bei den »normalen« hat sie logischerweise immer verloren, also suchte ich nach Alternativen«, erinnert sich Lunkenheimer, die selbst Schwimmtrainerin ist.

Vom Deutschen Behindertenverband bekommt sie Informationen zu Vereinen, die auch Leistungssport anbieten, und die Grundschülerin startet zunächst für das Team Bingerbrück. Die Erfolge lassen nicht lange auf sich warten: 2010 wird sie in ihrer Altersgruppe vier Mal Erste bei den Süddeutschen Meisterschaften im Behindertenschwimmen und Erste bei den rheinland-pfälzischen Landesmeisterschaften. Für die drei Erstplatzierungen bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften für Behinderte in 2011 wird sie sogar vom BSV geehrt.

Im August letzten Jahres wechselt Julia Lunkenheimer zum Mainzer Schwimm-Verein, in dem sie nun die Einzige mit Behinderung, »jedoch voll integriert ist«, wie ihre Mutter betont. »Das Leistungslevel ist auch ein Ansporn für sie, mit den anderen mithalten zu wollen. Schwimmen ist in dieser Gruppe mehr als nur ein Sport, alle gehen mit ihr so freundlich, kameradschaftlich um.«

KH