Heft 262 Juli 2012
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Reportage

Mit Nachrichten im Virtuellen Raum

Auf die Zuschauer zugehen


ZDF Studio
Im 700 Quadratmeter großen High-Tech-Studio des ZDF sorgen 195 Scheinwerfer für das richtige Licht.

Nahezu überwältigend ist der Eindruck auf den ersten Blick: Aufgrund seiner abgerundeten Ecken wirkt das schrille Grün in dem Raum wie eine einzige große Masse, unterbrochen von einem schier unendlichen Meer an schwarzen Scheinwerfern (195 an der Zahl) und dem überdimensionalen Tisch. »Grüne Hölle« wurde die Halle damals in der Medienberichterstattung genannt, doch vergleichbare Temperaturen, wie man sie im Fegefeuer vermuten könnte, entstehen hier dank der hoch modernen Klimaanlage nicht.

Die skurrile Bezeichnung für das virtuelle Nachrichtenstudio des ZDF, das nach vierjähriger Planung erstmals am 17. Juli 2009 mit Steffen Seibert und der heute-Sendung in Betrieb ging, ist Robert Sarter ein Rätsel. Er kennt niemanden in seinem Team, der das Studio dem Begriff entsprechend als Hölle empfindet, und die Wahl der Farbe hat ganz einfache, praktische Gründe: »Die ehemalige Blue-Box hat ausgedient, weil Blau inzwischen von den Moderatoren häufiger getragen wird, und Grün eben nicht. Außerdem eignet es sich gut, da es lichtintensiv und reflexionsfrei ist.«

Das Wichtigste sei jedoch, dass der Farbton ebenmäßig auf den Wänden und dem Boden zu sehen ist, ohne Kratzer und Schatten, deshalb wurden die Raumecken abgerundet, weil der Computer genau dieses Grün aus dem Kamerabild herausrechnet, um danach jeden beliebigen Hintergrund sowie 3-D-Modelle und Animationen virtuell darstellen zu können.

ZDF Studio Kamera
Die Ummantelung der 500 Kilogramm schweren Roboterkameras dämpft die Geräusche, die beim Rotieren der Lenkungsarme entstehen.

Mit dem 30 Millionen Euro teuren Studio und seiner digitalen Ausrichtung hat das ZDF als eine der größten europäischen Sendeanstalten deutliche Maßstäbe gesetzt. Das erklärte Ziel für den Neubau war es, Nachrichten verständlicher und anschaulicher zu vermitteln.

Vor allem junge Zuschauer sollten mit der Modernisierung angesprochen und ihnen Nachrichten näher gebracht werden, so Sarter. Das sei erreicht worden. Nach Umfrageergebnissen kommt bei der Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen die neue Visualisierung von Informationen gut an. Positive Resonanz in der Öffentlichkeit erzeugten aber auch die Ganzkörperansicht der Moderatoren und ihre dadurch stärkere Präsenz im Bild sowie ihr Umherlaufen etwa entlang raumhoher, freischwebender virtueller Landkarten oder Grafiken.

Für die Umsetzung der komplexen digitalen Sendekonzepte sorgen innovative Technik und Geräte. Dazu gehören auch die zwei eigens für das ZDF gefertigten Kameraroboter im 700 Quadratmeter großen Studio, die auf Industrierobotern der Autoindustrie basieren. Komplett computergesteuert fahren die halbe Tonne schweren Systeme Millimeter genaue Einstellungen und bewegen sich auf einer Luftkissenplattform entsprechend dem Hovercraft-Prinzip von einer Stelle zur nächsten.

Bei so viel Hightech nimmt der elf Meter lange dreiflügelige Moderationstisch aus Nussbaum, Acrylglas und Kunstleder allein optisch und aufgrund seiner Position mitten im Studio eine Schlüsselfunktion ein. »Die Informationen sollen hier geerdet werden, eil alles andere im Raum virtuell ist«, erklärt Sarter. Zudem ist die so genannte Insel redaktionell eingeteilt: An der langen rechten Seite werden die Formate heute und heute journal von Klaus Kleber, Marietta Slomka und ihren Kollegen moderiert.

Die linke Seite hingegen ist den Magazinen logo!, mittagsmagazin, blickpunkt und wochenjournal zugeordnet. Hier befindet sich auch eine »Talk-Ecke", in der die Moderatoren im Sitzen Interviews führen und Beiträge ansagen können. »Das wirkt weniger dynamisch, und somit für den Zuschauer ruhiger«, sagt der Leiter des Nachrichtenstudios.

ZDF Studio Regie
Der Regieraum ist die Schaltzentrale für das große und kleine Studio.

Gesteuert werden alle Sendungen, Kameras, Einspielungen und Computeranimationen zentral vom Regieraum, der bei einem Störfall im Hauptnachrichtenstudio sofort in das angrenzende Ausweichstudio umschalten kann. Dieses Studio, in dem WISO plus und Europa plus für den Infokanal aufgezeichnet werden, misst zwar nur 340 Quadratmeter, ist jedoch mit denselben technischen Anforderungen ausgestattet wie sein größeres Pendant und produziert dessen Sendungen daher ohne gravierende Einschränkungen.

Dass für den reibungslosen Ablauf der Sendungen in den beiden Studios nicht nur die Technik ohne Probleme funktionieren muss, sondern sehr vielmehr ein eingespieltes Team wichtig ist, macht Robert Sarter deutlich. Es sei entscheidend, dass die insgesamt 100 Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Bereichen an einem Strang zögen. Sonst könnte er drei Jahre nach dem Start des virtuellen ZDF-Studios nicht die positive Bilanz ziehen, wie er es heute tun kann.

Sarter schmunzelt, als er sich daran erinnert, dass bis kurz vor der Ausstrahlung der ersten Sendungen am Abend des 17. Juli keine der Testphasen fehlerfrei verlief. »Bei der Premiere hat dann aber alles geklappt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Studio. Es lässt sich gut in der vermeintlichen Hölle arbeiten und leben.«

KH