Heft 262 Juli 2012
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Freizeit

Trendsport Slackline

Immer schön auf Linie bleiben


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Leander Greitemann auf der Longline: Im Sommer gehe er bis zu fünf Mal pro Woche in den Park zum Trainieren, berichtet der 25-jährige Student.

Freitagnachmittag im Goethepark. Leander Greitemann, Robert Lecher und Daniel Hoffmann packen aus: Zwei Gurte - einer lang, einer kurz - zwei Flaschen Wasser, Malzbier und eine Dockingstation für den MP3-Player. Dann spannen sie die Gurte zwischen jeweils zwei Bäume, den kurzen etwas niedriger, den langen rund einen Meter über dem Boden. Dann wird festgezurrt, die Gurte noch etwas mit einem kleinen Schwamm abgerieben, Musik an, und es geht los. Die drei Mainzer Studenten sind Slackliner. Wenn der Sommer kommt, treffen sie sich im Park oder am Rheinufer, um Kunststücke auf der Line zu trainieren oder neue Balancerekorde aufzustellen.

Auf einem Bein geht's besser


Slacklining ist in diesem Jahr der Trendsport in Mainz. Was von weitem aussieht wie Seiltanzen, ist ein recht neuer Sport. Kletterer in US-Nationalparks erfanden ihn in den 1980er Jahren als Nebenbeschäftigung. Die Massen begeisterte das Balancieren auf schlaff (»slack«) hängenden Gurten viel später. Während die Pioniere der Sportart in Deutschland vor vier oder fünf Jahren auf den Gurten balancierten, hat das Slackline-Fieber in diesem Jahr die Stadt endgültig erreicht. »Letztes Jahr haben wir nur vereinzelt andere Slackliner gesehen. Aber als ich dieses Jahr zum ersten Mal nach Kastel an den Rhein gefahren bin, waren da schon mindestens ein dutzend Gurte gespannt«, berichtet Leander.

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Robert Lecher zieht die Jibline fest, die für die Kunststücke etwas fester gezurrt sein muss als die Longline zum Balancieren.

Auch im Volkspark seien bei gutem Wetter regelrechte Massen von Slacklinern zu beobachten. Leander, Daniel und Robert gehören zu einer Gruppe von rund einem dutzend Slackline-Begeisterter, die sich regelmäßig in Mainz treffen. »Wo wir uns treffen, geben wir per SMS-Kette weiter«, berichtet Robert. Auf Facebook findet sich noch eine zweite Gruppe mit dem Namen »Slackline Mainz« und 19 Mitgliedern.

Leander hat vor drei Jahren mit dem Slacklining angefangen und war damit wohl einer der ersten in Mainz. »Am Anfang ist es ganz schön deprimierend, weil man nur runterfällt«, erinnert er sich. Leander selber war vom Slacklining so fasziniert, dass er den Dreh in wenigen Stunden heraus hatte. »Es hilft, wenn man schon vorher eine andere koordinative Sportart gemacht hat, zum Beispiel Skateboarden«, erklärt der 25-Jährige. Er selbst fährt schon seit vielen Jahren Snowboard.

»Als Anfänger denkt man immer, man hätte mehr Halt, wenn man auf beiden Füßen steht«, ergänzt Robert, der gerade seinen Abschluss in Wirtschaftspädagogik und Sport gemacht hat. »Aber das stimmt nicht: wenn man nur auf einem Bein auf der Line steht, hat man viel mehr Körperteile frei, mit denen man sich ausbalancieren kann.«

Auf der kurzen Line, der so genannten Jibline oder Trickline, übt man die Kunststücke, Sprünge und Drehungen. Leander, Robert und Daniel vollführen schon ziemlich beeindruckende Luftsprünge, und das, ohne danach runter zu fallen! Wettbewerbsreif, winken sie ab, sei das aber noch lange nicht. »Bei richtigen Meisterschaften gibt es Leute, die können die irrsten Sachen, zum Beispiel Saltos, nach denen sie auf dem Bauch aufkommen«, berichtet Leander.

Lange Leitung schult Konzentration


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Beim Balancieren auf der Longline geht es um Konzentration. »Das Training wirkt sich auch positiv aufs Lernen für die Uni aus«, sagt Leander Greitemann.

Der lange, höhere Gurt heißt Longline. Wer sich hier aufschwingt, dem geht es darum, eine möglichst lange Strecke zu balancieren. Das schult die Konzentration, sagt Leander: »Das Longline-Training wirkt sich auch positiv auf die Leistungsfähigkeit zum Beispiel beim Lernen für die Uni aus.« Und beim Longlining geht es darum, besonders spannende Orte zu finden, über die man balancieren kann, »zum Beispiel über einen Bach oder an einem Seeufer«, erklärt Leander.

Robert bietet direkt eine kleine Kostprobe zum Selbermachen an. Also, ran an die Hand, und hoch auf die Jibline. Und es stimmt, was Leander sagte: am Anfang ist es völlig unvorstellbar, wie man sich jemals alleine auf der Leine halten könnte. Die Line unter den nackten Füßen ruckelt hin und her, und je mehr sie ruckelt, desto mehr zit­tern auch die Beine und so weiter. Es ist ein Teufelskreis. »Ich lass' dich jetzt mal los, damit du bewusst runterfällst«, sagt Robert und zack - ist es schon passiert. Nach drei oder vier Versuchen aber wird die Zeit, die man sich auf dem Gurt halten kann, immer länger, immer mehr Schritte hintereinander werden möglich. Auf einmal ist auch das permanente oszillierende Zittern weg. Das ging schnell. Die Kinder, die eben noch neben dran auf der Wiese Fußball gespielt haben, stehen jetzt alle da in einer Reihe und gucken groß.

Lieblingsort: Das Kasteler Rheinufer


Im Goethepark stehen die Bäume ideal zum Slacklinen, und es ist für die Jungs nicht weit von ihren Wohnungen. Hierher kommen sie zum kurzfristigen Training zwischendurch. Bis zu fünf Mal die Woche übe er, sagt Leander. Der Lieblingsort zum Slacklinen der drei ist aber das Kasteler Rheinufer. »Da steht die Sonne abends noch ein bisschen länger, und man kann es mit einem Grillabend verbinden«, erklärt Robert.

Alice Gundlach