Heft 261 Juni 2012
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Rheinhessen

Bingen am Rhein

Mittelalterliche Machtspielchen und musikalische Meister


Bingen
Genau am Zusammenfluss von Rhein und Nahe gelegen, wird Bingen auch Tor zum Mittelrhein genannt.

Im klassischen Sinne schön ist Bingen nicht: die Fußgängerzone ist schnell durchlaufen, der Autoverkehr scheint die Innenstadt in seiner Hand zu haben. Das mag vielleicht daran liegen, dass die Stadt, die genau am Zusammenfluss von Rhein und Nahe liegt schon seit jeher als Verkehrsknotenpunkt gilt. Immerhin schätzten bereits die Römer die logistische Lage der Stadt und profitierten sowohl von den Verbindungen ins Nahetal, als auch entlang des Rheins in Richtung Mainz und Köln.

Die Vielzahl der Bahngleise, die das äußere Erscheinungsbild Bingens heute prägen signalisieren, dass sich an diesem »Verkehrsknotenpunkt-Dasein« nicht viel geändert hat. Auch wenn der erste Blick eine idyllische Rheinschönheit vermissen lässt, ist die Stadt eine Reise wert: Bingen fasziniert durch eine Vielzahl interessanter Geschichten und führt den Besucher auf eine bemerkenswerte Reise in die von Machtkämpfen bestimmten Zeiten des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Darüber hinaus lässt es sich im Sommer in Bingen recht gut feiern und die Rheinpromenade lädt zu sportlichen Aktivitäten ein.

Idyllisches Motiv - »zum Lauern«


Bingen
Lauernd steht der schlanke Binger Mäuseturm auf der Rheininsel: Im Mittelalter sorgte er für volle Kassen bei den Mainzer Domherren.

Nahe des ehemaligen Landesgartenschaugeländes am Rhein findet sich das wohl bekannteste Wahrzeichen der Stadt: der Binger Mäuseturm. Auf einer schmalen Rheininsel stehend markiert er das Tor zum Mittelrheintal und ist somit Teil des UNESCO Weltkulturerbes. Der Turm, der insbesondere zu Zeiten der Romantik zahlreichen Malern als Motiv für ihre idyllischen Rheingemälde diente, erfüllte zur Zeit seiner Erbauung einen weitaus weniger malerischen Zweck. Zusammen mit der auf der anderen Rheinseite gelegenen Burg Ehrenfels und der in Bingen erbauten Burg Klopp sollte das Eintreiben des Rheinzolls sichergestellt werden. Nutznießer dieses Zolls war kein Geringerer als der Mainzer Erzbischof, zu dessen Herrschaftsgebiet auch Bingen gehörte.

Betrachtet man den namentlichen Ursprung des Mäuseturms fühlt man sich hingegen eher an Raubritter als an christliche Geistliche erinnert: Immerhin leitet sich der Name von dem mittelhochdeutschen »musen« ab, was in etwa so viel bedeutet wie »lauern«. Weitaus spektakulärer klingt die Namensgebungslegende, die sich um den Mainzer Erzbischof Hatto rankt: Dieser soll ob seiner Unbarmherzigkeit im Turm festgesetzt und bei lebendigem Leib von Mäusen gefressen worden sein. Quellenkundlich belegen lässt sich diese blutrünstige Geschichte allerdings nicht.

Die Geschichte von Kaiser Heinrich IV., der am Weihnachtstag 1105 von seinem eigenen Sohn in der Burg Klopp festgesetzt wurde, hingegen schon. Sohn Heinrich V. wollte mit diesem Manöver die Abdankung seines Vaters erzwingen und sich so den Weg an die Spitze des Reiches bahnen. Heute sind derartige Szenarien in der wuchtigen Burganlage schwer vorstellbar - sie dient als Sitz der Binger Stadtverwaltung.

Heilsam, mystisch und beschwingt


Bingen
Heute Sitz der Stadtverwaltung - im Mittelalter Teil der Kurmainzer Zollbarriere: die Burg Klopp.

Doch nicht alle mittelalterlichen Geschichten aus Bingen sind durch Machtspiele geprägt. Die wohl berühmteste Tochter Bingens hat vielmehr ein Werk geschaffen, das in Kreisen der alternativen Medizin auch gegenwärtig noch eine gewisse Bedeutung hat: Im 12. Jahrhundert gründete Hildegard von Bingen auf dem Rupertsberg ein Kloster und verfasste dort ihre mystischen und heilkundlichen Schriften. Noch heute gilt die mittlerweile heiliggesprochene Mystikerin als eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters. Ihr zu Ehren findet in Bingen jedes Jahr der sogenannte Hildegard Herbst statt, in dem ihre Texte, Kräuterlehren, Musik und Mystik im Vordergrund stehen.

Weniger mystisch, dafür umso beschwingter geht es hingegen im Juni zu. Vom 22. bis 24. Juni ist Bingen fest in der Hand des Jazz, dann heißt es auf insgesamt acht Bühnen in der Innenstadt: »Bingen swingt«. Hochkarätige Jazzmusiker wie Emil Mangelsdorff oder das Glen Miller Orchestra geben sich die Klinke in die Hand und jammen mit (noch) unbekannten Nachwuchsmusikern.

Gänzlich kostenlos sind die Veranstaltungen, die am 3. Juni anlässlich des »Welterbetags 2012« angeboten werden. Zwischen 10 und 17 Uhr kann entlang der Rheinpromenade unter anderem der Hildegarten oder der historische Kran besichtigt werden. Letzterer hatte in früheren Zeiten eine wichtige Bedeutung für die Stadt - immerhin war er im 15. Jahrhundert der einzige Landkran zwischen Mainz und Köln. Benutzt wurde er zum Be- und Entladen von Handelsschiffen, die dafür anfallende Gebühr füllte allerdings die Schatztruhen der Mainzer Erzbischöfe.

Info:

Die Tourist-Information bietet zahlreiche Möglichkeiten Bingen zu entdecken: Neben herkömmlichen Stadtführungen stehen Kostümführungen auf dem Programm. Am 10.06. entführt Sie beispielsweise der Amtmann Bernhard von Breidenbach in die frühe Neuzeit, während am 17.06 Vater Rhein seine Geschichten zum Besten gibt. Anmeldungen über die Tourist-Information.

Darüber hinaus können hier auch GPS-Geräte entliehen werden, um die Stadt eigenhändig und als Geocaching Tour, also einer Art modernen Schnitzeljagd kennen zu lernen.

Tickets und Informationen zum Festival »Bingen swingt« gibt es ebenfalls in der Tourist-Information.

www.bingen.de

Katrin Henrich