Heft 261 Juni 2012
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs

Mainz ist von »My Lu« noch Lichtjahre entfernt


Schon irgendwie seltsam: Da will ein finanziell flexibler Investor Geld in die Hand und der Ludwigsstraße ihren Nachkriegsmief nehmen und die Einkaufsarchitektur in ein Zeitalter katapultieren, das einer Landeshauptstadt und Einkaufscity in Rhein-Main würdig wäre. Doch im Vergleich zum Frankfurter Großprojekt »My Zeil« sind die Mainzer noch Lichtjahre von »My Lu« entfernt - weil's vielleicht vom Namen her auch eher Assoziationen an einen Einkaufstempel in Südostasien hervorruft. Scherz beiseite: Dem Investor ECE, der den derzeit völlig veralteten Trakt rund um Karstadt neu gestalten will, muss vielmehr der Eindruck entstehen, man sei in Mainz eigentlich nicht willkommen. Und noch schlimmer: Die Mainzer halten als Shopping-Puritaner an der heutigen Ludwigsstraße fest. Dieser Eindruck verfestigt sich zusehends, wenn man die Diskussion beobachtet und zudem die Stellungnahmen der Bürgerinitiative kritisch auf ihren Inhalt prüft.

Klar fordert dieser Zusammenschluss: Maximal 50 Läden auf höchstens 25.000 Quadratmetern. Schön und gut. Auch in Branchen- und Sortimentmix greift die BI ein, die die Stadt noch mit ihren Bürgerforen gestärkt hat. Nichts gegen Bürgerbeteiligung. Doch im Fall der Ludwigsstraße muss man fast vermuten, dass jeder noch so artikulationsstarke Mainzer gehört werden will (und oft auch gehört wird). Was dazu führt: Wer gibt die Linie vor, wenn auch Rat und Verwaltung weiter lavieren und keine einheitliche Linie erkennen lassen. So lässt Baudezernentin Grosse erst gar keine Zweifel daran aufkommen, dass die Bürgerbeteiligung auch nach dem sechsten Forum Mitte Juni weiter geht. Dann soll es sogenannte Ludwigsstraßen-Consilien geben - was immer auch das sein soll. Man darf gespannt sein, ob auch der Investor selbst oder Fachgremien eine entsprechende Plattform zur Darstellung ihrer Meinung erhalten.

Feder Wie das Ganze dann in den notwendigen städtebaulichen Wettbewerb münden soll, bleibt abzuwarten. Hier wird auch Akteuren wie dem neuen Oberbürgermeister Michael Ebling oder dem neuen Citymanager Walter Strutz eine ganz zentrale Bedeutung zukommen. Sie werden Meinungen zusammenführen müssen. Und: Entscheidungen treffen müssen, die zwangsläufig zu treffen sind. Offensichtlich sieht auch kaum jemand in der Stadt die Gefahr, dass das Einkaufszentrum durchaus auf der Kippe stehen könnte, wenn sich ECE - wie bereits schon einmal geschehen - wieder zurückzieht.

Was nur heißen kann: Will der Stadtrat ernsthaft das Projekt, muss er auch irgendwann den Mumm haben, es durchzusetzen. Zu erwarten, dass irgendwann alle Einwände und Verbesserungsvorschläge abgearbeitet sind, wäre illusorisch. Und Wortspielereien wie aus dem Baudezernat helfen auch keinen Deut, wenn dort die Spitze verkündet, man wolle eher »ein Einkaufsquartier statt eines Einkaufscenters«.

Was den shoppenden Mainzer, der alle Tristesse an der LU ignorierte und etwa den jüngsten Einkaufssonntag nutzte, so richtig nervte, war die städtische Großoffensive in Sachen Knollen. Munter wurden in der ganzen Stadt am heiligen Sonntag Strafzettel geschrieben, weil das Rathaus hier offensichtlich die erkleckliche Geldquelle sah. Sehr kontraproduktiv. Da werden Kunden nach Mainz gelockt und auf ordentlichen Parkplätzen mit Knollen gerüffelt und zur Kasse gebeten. Wer immer diese Offensive gestartet hat, muss sich fragen lassen, ob er nicht die Belange der Einnahmen der finanziell angeschlagenen Stadt über die Attraktivierung der Einkaufscity stellt. Andere Städte sind da cleverer und verzichten auf solch drakonische Maßnahmen, die am Ende Kunden kosten. Im Herbst ist der nächste verkaufsoffene Sonntag - mal sehen, ob man in Mainz lernfähig ist.

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