Heft 261 Juni 2012
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Mobilität Teil 2

Wie steht es mit der Barrierefreiheit in Mainz?

Lösungen immer mitdenken


Marita Boos-Waidosch
Fällt kaum auf: Die Rampe, die es Rollstuhlfahrern ermöglicht ins Staatstheater zu gelangen, ist in die Treppe integriert: So soll Barrierefreiheit im Idealfall aussehen, meint Marita Boos-Waidosch.

Wer durch die Mainzer Innenstadt läuft, und dabei den Boden etwas genauer betrachtet, stellt fest, dass sich durch die gesamte Citymeile ein schwarzes Rillenband schlängelt, das von weißen Steinen eingerahmt wird. Dahinter verbirgt sich nicht etwa eine neue Art der Straßenverschönerung, sondern ein Stück Barrierefreiheit.

»In punkto Barrierefreiheit ist Mainz mittlerweile wirklich sehr vorbildlich«, lobt Marita Boos-Waidosch, Behindertenbeauftragte der Stadt und selbst Rollstuhlfahrerin. Gute Beispiele fallen ihr gleich zuhauf ein: Neben dem Blindenleitsystem in der Innenstadt, verweist sie auf die Anzeigentafeln an den Bushaltestellen, die für Hörgeschädigte eine große Hilfe sind.

Licht und Schatten


Blindenleitsystem
Das Blindenleitsystem zieht sich durch die gesamte Citymeile. Auch um die meisten Bushaltestellen findet sich ein solches Rillensystem.

Weitere Erfolgserlebnisse in Sachen Barrierefreiheit sieht sie in den vielen Rampen, die Rollstuhlfahrern beispielsweise den Zugang zum Staatstheater, zur Volkshochschule oder zur Christuskirche ermöglichen und die Tatsache, dass in Mainz ausschließlich Niederflurbusse verkehren. »Wir haben wirklich schon viel erreicht in Mainz, nicht nur für Rollstuhlfahrer, sondern auch für Menschen mit Sehbehinderungen oder Hörgeschädigte.« So bietet die Touristikzentrale eigens ausgearbeitete Führungen in Gebärdensprache oder für Blinde an: »Da wird dann eben sehr genau beschrieben, wie die einzelnen Gebäude aussehen«, erläutert Boos-Waidosch und fügt hinzu: »Auch für Hörgeschädigte gibt es in Mainz gute Angebote. In der Volkshochschule und im Staatstheater werden zum Beispiel Induktionsschleifen angeboten. Dort kann das Hörgerät angeschlossen werden, damit der Vortrag akustisch verstärkt wird.« Großes Lob findet Boos-Waidosch an dieser Stelle für die Kollegen aus der Stadtverwaltung: »Hier wird Barrierefreiheit wirklich mitgedacht, das finde ich sehr schön. Man merkt einfach, dass da eine hohe Sensibilität herrscht.« Wenn von städtischer Seite neu gebaut oder restauriert wird, sitzt sie daher meistens mit am Tisch: »Es ist so viel einfacher und kostengünstiger behindertengerechte Maßnahmen gleich von Anfang an mit einzuplanen. Teuer werden erst die im Nachhinein vorgenommenen Umbaumaßnahmen.« Ihre mittlerweile knapp 20-jährige Tätigkeit als Behindertenbeauftragte, habe also durchaus Früchte getragen, meint Boos-Waidosch. Die Hände möchte sie aber dennoch nicht in den Schoß legen, dazu gäbe es noch zu viel Handlungsbedarf.

»Was mich manchmal in den Wahnsinn treibt ist der sogenann­te privat-öffentliche Bereich, also Geschäfte oder Gaststätten«, meint Boos-Waidosch. Ein Gang durch die Augustinerstraße verdeutlicht dann auch schnell: Barrierefreiheit sieht anders aus. Geschäfte, die ihrer Rollstuhlfahrenden Kundschaft den Zugang in den Laden mit Hilfe von Rampen ermöglichen, bilden die Ausnahme.

Weitaus häufiger wird das Bild von »Ein-Stufen-Geschäften« geprägt: »Türschwellen, bei denen man erst eine Kante von fünf Zentimetern oder eine richtige Treppenstufe überwinden muss, stellen ein echtes Hindernis für mich dar. In diese Läden komme ich mit meinem Rollstuhl einfach nicht hinein«, ärgert sich Boos-Waidosch. »Auch die meisten Weinstuben in der Altstadt haben eine solche Barriere vor ihren Türen. Mit einer einfachen Rampe ließe sich dieses Problem lösen, aber manchmal habe ich das Gefühl, es besteht schlichtweg kein Interesse an einer Lösung.«

Argumente überzeugen


Dabei würden viele Maßnahmen, die für mehr Barrierefreiheit ausgelegt sind, auch Menschen ohne Behinderungen zu Gute kommen: »Mütter mit Kinderwagen, oder alte Menschen mit Krücken oder Rollatoren profitieren ja auch von Rampen«, bekräftigt Boos-Waidosch und ergänzt nachdenklich: »Manchmal denke ich, die größte Barriere befindet sich in den Köpfen der Menschen. Ich versuche sie mit Argumenten zu überwinden, aber oft rennt man immer noch gegen eine Mauer. Da wünsche ich mir manchmal gesetzliche Vorgaben, die Barrierefreiheit in der Gastronomie und im Einzelhandel regeln.« Umso mehr freut sie sich, wenn sie einen Laden- oder Gaststättenbesitzer mit ihren Argumenten überzeugt hat: »Wir sind ja auch Kunden, vielleicht sollte man das mal so sehen«, schmunzelt sie. Ein Erfolgserlebnis kann sie auch im Hinblick auf das Touristenbähnchen, den Gutenberg-Express, vermelden: »Hier gibt es jetzt eine Bahn, die über eine Hebebühne für Rollstuhlfahrer verfügt.« Ihr Fazit im Kampf für mehr Barrierefreiheit lautet daher: »Nie locker lassen, denn wo ein Wille ist, findet sich auch meistens ein Weg.«

Infos:

Infos: Die Behindertenbeauftragte der Stadt Mainz, Marita Boos-Waidosch, ist Do von 14-17 Uhr unter 06131 122963 und 06131 226919 vor allem nach Terminvereinbarung zu erreichen.

Für eine barrierefreie Stadt setzt sich auch der Verein »Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen« (ZSL) in Mainz ein. Ein Arbeitsschwerpunkt des ZSL sind Beratungsgespräche für behinderte Menschen. www.zsl-mz.de

Katrin Henrich