Heft 261 Juni 2012
Werbung




Mainzer Köpfe

Gutenberg und Gautschmeister Ali Lange:

»Für meine Zunft und die Stadt Mainz«


Ali Lange Vor 45 Jahren war er einer der Initiatoren, in diesem Jahr steht er zum 25. Mal als Meister an der Bütt: Adalbert Johannes Lange. Den alle kennen - als Ali Lange. Er ist die leibhaftige Verkörperung von Johannes Gutenberg. Wenn er die Packer losschickt, die Gautschlinge zu greifen, gehen Promis im Publikum meist in Deckung.

Einen besseren Vertreter Gutenbergs kann man sich schwer vorstellen. Die tiefe und wohl tönende Stimme trägt weit. Das ist auch gut so. Wenn Ali Lange an der Gautschbütt stehend den Gästen der Johannisnacht erklärt, was es mit diesem Buchdruckerbrauch auf sich hat, kann ihn jeder der zahlreichen Gäste hören.

1934 wurde er als Adalbert Johannes Lange in Kalthof an der Nogat, gegenüber der Marienburg im Freistaat Danzig/Westpreußen geboren. Auf den Namen Ali hört er schon seit Kindertagen.

Die Buchdruckkunst war sein berufliches Metier, Schriftsetzer lernte Ali Lange im hessischen Korbach, mit Lettern, die aus einer Blei-Zinn-Antimon-Legierung gegossen sind. Unter Jockel Fuchs als Chefredakteur arbeitete Lange in den 60ern bei der »Freiheit«, einer Mainzer SPD-Zeitung. Dann der Wechsel ins Druckhaus der Allgemeinen Zeitung Mainz, Ende der 60er an der Großen Bleiche ansässig. Hier erlebte der Schriftsetzer Ali Lange die technische Revolution seines Metiers: In den 70ern büffelte er die Grundkenntnisse der EdV und fügte hernach am Bildschirm Sätze und Seiten zusammen. »Wir haben damals im Schicht-Betrieb gearbeitet und dann noch außerhalb unserer Arbeitszeit zusätzlich gelernt, das war anstrengend.«

»Reinwaschung« - auch für Promis


Anno 1968, anlässlich des 500. Todestags von Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, stellten sich die Gutenberg-Jünger die Frage: »Wie können wir dieses Jubiläum würdig begehen?«, erinnert sich Ali Lange. Gemeinsam mit dem damaligen Sozialdezernenten Karl Delorme erdachten sie ein Fest zu Ehren des Erfinders des Drucks mit beweglichen Lettern: Die Mainzer Johannisnacht war geboren. Dazu erweckten die Drucker und Schriftsetzer die Tradition des Gautschens zu neuem Leben. Ali Lange war von Anfang an dabei, der Gautsch-Hierarchie folgend, zehn Jahre Packer, zehn Jahre Schwammhalter, also »Oberpacker« und wenn er am 23. Juni ruft: »Packt an!«, steht er im 25. Jahr als Gautschmeister an der Bütt.

Es sei das äußere Zeichen in die Reihen Gutenbergs aufgenommen zu sein, eine Reinigung von Körper und Geist, beschreibt Ali Lange Sinn und Zweck des Gautschens. Sein Faible für Ge­schich­te, gepaart mit einem guten Gedächtnis, seine Offenheit den Menschen gegenüber machen es ihm leicht, die richtigen Worte zu finden, wenn ein Gautschling nach dem anderen getunkt werden muss. Schließlich soll sich das Publikum nicht langweiligen: »Johannes Gutenberg ist überall, weltweit, jederzeit, so auch hier«, beginnt die Begrüßung der Be­sucher.

Abgesehen von den normalen Gautschlingen, die ihre Ausbildung zum Mediengestalter und Drucker beendet haben, steht alle Jahre einer prominenten Persönlichkeit die »Reinwaschung« bevor. Alles was Rang und Namen hat und, das ist das entscheidende Kriterium, für und in der Johannisnacht aktiv ist, hat Ali Lange schon in die Bütt befördern lassen. Viele hätten nicht gewusst oder wenigstens geahnt, dass sie an der Reihe wären, schmunzelt »Herr Gutenberg«. Seine Frau und »Hofdame Gerda« hat für alle Fälle immer trockene Kleidung zur Hand, Malu Dreyer oder auch Michael Ebling sollen darüber schon froh gewesen sein.

Gutenberg - auf japanisch


46 Jahre sind Ali und Gerda Lange verheiratet, seit 1993 genießen beide ihren Ruhestand: »Ich möchte keinen Tag in meinem Leben versäumt haben«, sagt der 77-Jährige überzeugend. Es dürfte ihm nie langweilig gewesen sein, angesichts der vielen Interessen und Ehrenämter: Leseratte, Briefmarkensammler, Revisor bei der IG Druck und Papier, Vorsitzender im Kleingartenverein »Sonntagsfriede«, Fastnacht, Schöffe. Dazu kommen viele öffentliche Auftritte als Gutenberg und ein stolzer Opa ist Ali Lange auch.

Dass, wer in die Bütt getunkt wird, keinen Kälteschock erleidet, dafür sorgt Ali Lange - und prüft eigenhändig die Wassertemperatur. In Leipzig, anlässlich einer Gautschzeremonie fürs ZDF, wurden schon mal acht Tauchsieder für die Erwärmung des Wassers gebracht - Ali Lange erzählt es mit einem kurzen Blick gen Decke, von wo wohl immer der Beistand kommt, der noch alle organisatorischen Hindernisse aus dem Weg räumte.

Wie damals als ein japanisches Fernsehteam anfragte, die Johannisnacht und die Tradition des Gautschens filmen zu wollen. Ali Lange setzte Himmel und Hölle in Bewegung, damit alle rechtzeitig zur Stelle waren. Mit Erfolg. Zehn Minuten sei er im japanischen Vorabendprogramm zu sehen gewesen, berichtete ihm ein begeisterter Briefmarkenfreund, der just zu dieser Zeit in Japan weilte und ob des Gutenbergs in japanischer Übersetzung staunte.

Zu Eröffnung der Johannisnacht am 22. Juni hilft »Hofdame Gerda« ihrem Ali wieder in sein 15 kg schweres Kostüm - das passgenau auf seinen Leib geschneidert, Gutenberg ins Schwitzen bringt. Einen Tag später, um 16 Uhr ruft Gutenberg dann wieder: »Packt an!« und verspricht, dass garantiert ein bekanntes Gesicht samt Körper in der Bütt landet.

SoS