Heft 261 Juni 2012
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Kirchtürme

Die mächtige Kuppel der Christuskirche

Ausdruck des Selbstbewusstseins


Christuskirche
Ganz oben auf der Kuppel der Christuskirche in fast 80 Metern Höhe haben die Wanderfalken ihren Fressplatz.

Sie ist genauso prägend für das Mainzer Stadtbild wie der Dom. Die Christuskirche, mitten in der Kaiserstraße gelegen, zieht alle Blicke auf sich. Exakt das hatte ihr Architekt Eduard Kreyßig auch im Sinn. Einen Boulevard sollte sie krönen. »Wenn man heute auf dem Turm steht, dann kann man sich noch richtig vorstellen, wie die feinen Damen mit Sonnenschirmen unten entlang flaniert sind«, erklärt Küster Uwe Dreißigacker. »Das war sicher ein wunderbarer Anblick.«

Was man heute sieht, ist aber nicht mehr zu hundert Prozent das, was Architekt Kreyßig und sein Bauleiter Franz Frederiksson aus dem schwedischen Malmö geplant und gebaut hatten. Als die Christuskirche 1903 eingeweiht wurde, gab es zum Beispiel noch keine Vorhalle. Das heutige Bild wird beherrscht von der Rekonstruktion durch Otto Vogel nach dem Zweiten Weltkrieg. Eines allerdings ist heute wie damals immer noch identisch: die große Kuppel, mit der die größte evangelische Kirche von Mainz immerhin eine Höhe von 80 Metern erreicht.

Diese Kuppel ist schon von außen ein echter Hingucker, richtig spannend wird es allerdings, wenn man ihr Inneres erforschen kann. Wie bei den Turmführungen, die ab Juli wieder regelmäßig stattfinden. Der erste Schritt ist, wie bei vielen anderen Kirchtürmen auch, eine unglaublich hohe, enge Stufe.

Versteckt: Die Ursprüngliche Pracht


Doch was danach kommt, kann einfach nur ein »Neubau« bieten - wobei neu hier in Relation gesetzt werden muss mit den oft mehrere Jahrhunderte alten katholischen Kirchtürmen. Gesicherte Stahltreppen, Geländer, Platz nach rechts und links. Überhaupt kommt einem der Aufstieg auf den rund 50 Meter hoch liegenden Rundgang ganz leicht vor. »Das liegt daran, dass man schon etwas höher beginnt und die Treppenflucht ständig unterbrochen wird«, weiß Dreißigacker. Erster Stopp ist die Zwischenebene mit einem Fenster in den Chorraum und einer riesengroßen modernen Klimaanlage. »Der Sandstein, mit dem die Christuskirche innen und außen verkleidet ist, entzieht der Kirche viel Wärme. Deshalb ist so eine Anlage ein Muss, wenn man im Winter nicht frieren will. Wäre die Christuskirche ausschließlich aus Backstein, hätten wir dieses Problem nicht.« Ganz so imposant wäre der Bau dann aber vielleicht auch nicht.

Eine Etage weiter oben setzen sich Säulen, Ornamente, Überbleibsel gigantischer Rundbögen eindrucksvoll fort. »Wir stehen jetzt oberhalb der heutigen Vorhalle«, erläutert der Küster. »1903 ist man gleich in den Kirchraum eingetreten und konnte die circa 23 Meter hohe Decke bewundern, bevor man unter die große Kuppel trat. Das war sicher sehr beeindruckend.« Nach dem Krieg und dem verheerendem Feuer am 1. Februar 1945 standen von der Christuskirche nur noch die Außenmauern und das Stahlskelett der Kuppel. »Vogel hat damals den Kirchraum aufgeteilt und die Decke abgehängt. Die ursprüngliche Pracht ist heutzutage versteckt.« Über die Rundbögen geht es dann auf einem Holzsteg Richtung innerer Kuppel. Die einstige Steinkonstruktion wurde nach dem Krieg durch einen hölzernen Aufbau ersetzt. Es war schlichtweg keiner da, der eine Kuppel hätte mauern können.

Christuskirche
Das Stahlgerüst in der Kuppel der Christuskirche hat den Brand von 1945 fast unbeschadet überstanden. Die innere Kuppel allerdings wurde komplett neu aus Holz aufgebaut.
Der nächste kurze Aufstieg führt in den Glockenstuhl. Vier große Glocken haben hier ein luftiges Zuhause. Es sind inzwischen die dritten. »Im Sommer sitze ich gerne hier und lese ein Buch. Hier weht immer ein leichtes Lüftchen.« Während des Krieges wurden die Glocken der Christuskirche genauso eingeschmolzen wie viele andere in Deutschland. Nur die kleinste konnte gerettet werden. »Die E-Glocke wurde von Gemeindemitgliedern abmontiert und im Zollhafen versteckt. Wie die die Glocke allerdings rausbekommen haben, ist mir ein Rätsel.«

Probates Mittel gegen die Taubenplage


Von der Glockenstube hat man einen tollen Blick über Mainz (noch schöner ist nur der vom Rundlauf in 50 Meter Höhe), allerdings von Maschendrahtzaun beschränkt. »Der hilft gegen die Tauben.« Gegen die hat man seit mehreren Jahren allerdings noch ein probateres Mittel: die Wanderfalken, die den Rundgang bewohnen und hier auch brüten. »Die Falken sammeln kleine Steine aus dem Rhein und befüllen damit ihre Nester. So kann man nie sagen was Stein ist und was Ei.« Wanderfalken gehören zu den größten Falkenarten. Spektakulär ist ihre Jagdmethode.

Sie kreisen weit oben. Ist ein lohnendes Ziel gefunden klappt der Wanderfalke seine Flügel ein und stößt mit circa 300 km/h nach unten. »Es ist absolut beeindruckend, das zu beobachten.« Verzehrt wird die Beute in der Turmspitze, direkt unter dem Glockenspiel. »Wir machen dort oben dreimal im Jahr sauber. Das ist nicht wirklich appetitlich. Überall Mist, Federn, abgenagte Knochen. Aber das ist eben die Natur.«

Der Wanderfalke jagt übrigens nicht nur, wenn er Hunger hat. »Die verteidigen ihr Revier. Alle paar Tage reißt einer unserer drei Falken einer unbedachten Taube den Kopf ab und lässt sie als Warnung für die anderen Vögel einfach fallen. Das wirkt. Wer den Falken hört, verzieht sich.« Nicht so die Spaziergänger - die damit rechnen müssen, dass nahe der Christuskirche manchmal tote Tauben vom Himmel fallen.

Daniela Tratschitt