Heft 261 Juni 2012
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Handwerk

Von Gardinen und Kissenbzügen bis zur Individuellen Oberbekleidung

Sonderwünsche, auch auf den Leib geschneidert


Eva Seitz
Eva Seitz drapiert das Modell eines Brautkleides. Die Schneidermeisterin hat ihr Atelier in Gonsenheim.

Die Kundin hatte eine recht genaue Vorstellung von ihrem Traum-Brautkleid. Einen Entwurf hatte sie in einer Zeitschrift gesehen: Ein bodenlanges Korsagenkleid mit einer freien Schulter. Nur die Farbe gefiel ihr nicht. Einen bestimmten Grünton wollte sie anstatt des pinkfarbenen Originals. Dazu hatte sie mit ihren 1,75 Meter Körpergröße schon immer Probleme, Kleider zu finden, die lang genug für sie waren. Für die Hochzeit wollte sie keine Kompromisse eingehen. Mit dem ausgerissenen Zeitschriftenbild kam sie zu Eva Seitz.

Wer in das Atelier der Schneidermeisterin kommt, hat meist außergewöhnliche Wünsche - sei es für ein Abendkleid, ein Fastnachtskostüm oder eben auch beim Kleid für den schönsten Tag im Leben. »Ich kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal ein weißes Brautkleid angefertigt habe«, meint Eva Seitz. Sicher, das eine oder andere Champagnerfarbene sei dabei gewesen. »Wer ein weißes Kleid will und keine besondere Größe braucht, der wird meistens bei der Konfektion fündig.«

Das Atelier befindet sich im Erdgeschoss des Hauses, in dem Eva Seitz mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebt. »Dadurch bin ich flexibler mit der Terminvergabe«, erklärt Eva Seitz. »Manche Berufstätige können ja erst abends kommen.« Es komme auch vor, dass ein Fastnachtschor nach der Gesangsprobe um zehn Uhr abends zur Kostümvermessung kommt. Bei manchem Kunden reift die genaue Vorstellung vom Kleidungsstück erst im Atelier. Eva Seitz macht Vorschläge, fertigt Skizzen an. Wenn der Kunde schon eine Vorlage hat, geht es daran, den richtigen Stoff zu finden.

Von der Nessel- bis zur Stoffprobe


Skizze
Die Skizze ist der erste Schritt zum Maßkleid.
Für die Braut in spe soll es grünblau changierender Seidentaft sein. Ein erster Entwurf ist ruckzuck fertig: In nur wenigen Minuten hat die Schneiderin ein Kleid mit einer freien Schulter und einer gerafften Korsage auf die Schneiderpuppe drapiert. Während rundherum die Nähmaschinen von Eva Seitz' Mitarbeiterinnen rattern, schleicht sich das Maskottchen des Ateliers herein. Die schwarze Katze Emma begutachtet das Modell von Frauchen und spielt darunter Verstecken. Die Kundin macht den zweiten Termin für die so genannte Nesselprobe zwei Wochen später.

Die Nessel ist der Entwurf eines Kleidungsstücks aus einfachem weißen Stoff. Sie bringt den Schnitt zur Geltung. »Manchmal braucht es noch eine Zwischenprobe, etwa bei besonders ausgefallenen Modellen, oder wenn die Braut schwanger ist.« Heiratswillige in anderen Umständen seien häufig Kundinnen bei ihr, erklärt Eva Seitz, denn für sie sei das Konfektionsangebot begrenzt. Dazu kommt, dass man erst wenige Tage vor der Hochzeit die endgültigen Maße für das Kleid bestimmen kann.

Beim dritten Termin wird die Stoffprobe gemacht, bei der die Kundin die Rohversion des Kleides anprobiert und letzte Änderungen vornehmen lässt. Dann dauert es noch ein bis zwei Wochen, bis das Kleid fertig ist.

»Ein Kleid kann manchmal auch in drei Wochen fertig werden«, sagt Eva Seitz. »Generell sollte man aber zwei bis drei Monate vorher den ersten Termin machen.« Speziell für Brautkleider kämen die meisten aber ohnehin schon ein halbes Jahr vorher. Wenn der Bräutigam ebenfalls einen Maßanzug haben will, bietet sich das umso mehr an. Als Beispiele für Sonderausstattungen im Set zeigt Eva Seitz Fotos: Zwei Filmfans, die sich gewandet wie das Liebespaar Aragorn und Arwen aus »Der Herr der Ringe« das Jawort gaben; ein schwules Paar in grau-weißen und grau-schwarzen Anzügen mit Rundkragen; eine Braut in Weiß-Rot mit passenden Kleidern für die bereits vorhandenen Kinder.

Ein maßgeschneidertes Kleid hat seinen Preis. Ab 600 Euro kostet die Anfertigung. Ein Kleid mit Korsage kann bis zu 1.500 Euro kosten. Dazu kommt der Materialpreis, der in der Regel bei 200 bis 300 Euro liegt. Wer so viel ausgibt, möchte das Kleid vielleicht nicht nur einmal tragen - auch das kann ein Grund sein, sich für ein farbiges Brautkleid zu entscheiden. Neben dem Stoffangebot im Atelier bietet Eva Seitz auch an, Kunden ins Stoffgeschäft zu begleiten und den richtigen Stoff auszuwählen. Der Kunde kann aber auch seinen Lieblingsstoff mitbringen.

Außergewöhnliches Tagesgeschäft


Schere
Ohne sie geht gar nichts: Die Schere zum Schneidern
Eine festangestellte Mitarbeiterin und zwei Lehrlinge arbeiten im Atelier von Eva Seitz. Dazu sind regelmäßig ein bis zwei Praktikanten im Betrieb. »In der Zeit zwischen August und Dezember, wenn wir viele Aufträge für Kostüme für die Bühnenfastnacht haben, sind wir für jede zusätzliche helfende Hand dankbar«, erklärt Eva Seitz.

Privatpersonen, die sich Fastnachtskostüme maßschneidern lassen, seien nicht so häufig - ein Kostüm kostet schließlich im Schnitt 350 Euro. Ein neuer Trend beschere ihr aber neuerdings immer mehr Kunden, sagt die Schneiderin: die Cosplay-Szene. Cosplay steht für »Costume Play« (»Kostümspiel«). Die Anhänger dieser Szene treffen sich für Live-Rollenspiele oder auf Messen in Kostümen, die den japanischen Comicstilen Manga und Anime entlehnt sind.

Zum Tagesgeschäft gehören im Atelier auch die Anfertigung von Gardinen, Kissenbezügen, Couchbezügen oder Tischdecken. Auch hier können die Wünsche außergewöhnlich sein. »Für eine Kundin habe ich einmal einen Couchbezug zu einer Jacke umgenäht«, schmunzelt Eva Seitz.

Alice Gundlach