Heft 260 Mai 2012
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Open Ohr

System neu starten?

Bereit zum Aufbruch


open-ohr-willsher Wenn am PC plötzlich nichts mehr geht, hilft oft nur noch ein Neustart. Genau das hat man sich beim diesjährigen Open-Ohr-Festival wohl auch gedacht und ruft nach dem vergangen Motto »Rien ne va plus« 2012 zum System-Neustart auf. »Mit dem diesjährigen Festival knüpfen wir an 2011 an«, weiß Nora Weisbrod von der Freien Projektgruppe. »Diesmal wollen wir wissen, was sich seit letztem Jahr auf der Welt geändert hat und was nicht. Ob und wie ein Neustart nötig ist?«

2011 war ein Jahr des Wandels - zum Positiven und zum Negativen: von der Atompolitik über den arabischen Frühling bis hin zur Eurokrise. So viel weltweite Aufbruchsstimmung und Protestwillen schlägt sich auch auf das Mainzer Open-Ohr-Festival nieder. »Wir wollen das Ganze auf unsere Festival-Besucher runter brechen«, erklärt Weisbrod. »Wir wollen wissen, was unsere Besucher auf die Straße treibt. Wo für sie persönlich die Knackpunkte in ihrem Leben liegen.«

open-ohr-schmidtskatzen Von den Montagsspaziergängen bis hin zu Stuttgart 21 - auch in Deutschland hat sich inzwischen einiges bewegt. »Die heutige Aufbruchsbewegung hat sich verändert, wenn wir sie mit früheren Protestbewegungen vergleichen. Die Menschen vernetzen sich heute auch über die Sozialen Netzwerke im Internet, oft anonym und ohne Galionsfigur. Wir wollen von den Open-Ohr-Besuchern wissen, wie sie den Wandel erleben, wo ihre Motivation für Veränderung liegt - und ob und wie sie sich überhaupt beteiligen«, so Diane Ackermann von der Freien Projektgruppe.

Nora Weisbrod ergänzt: »Natürlich geht es auch um die Zukunft, aber eigentlich wollen wir eher den Ist-Zustand unserer Besucher herausfinden.« Saskia Ferretti, ebenfalls Mitglied in der Freien Projektgruppe, erklärt: »Das diesjährige Open-Ohr-Festival beschäftigt sich auch mit der Frage, wohin diese Reise gehen soll. Wir wollen herausfinden, was die ,Empörten' erreichen wollen - werfen ihnen Kritiker doch vor, keine klaren Ziele und Alternativen zu formulieren. Uns stellt sich die Frage, ob dies tatsächlich so ist!«

Bewährtes im Angebot


Um an die Infos zu kommen und auch um vielleicht die ein oder andere Antwort zu finden, bedient sich das inzwischen 38. Open-Ohr-Festival bewährter Techniken: Workshops, Gesprächs­foren, Podiumsveranstaltungen und Aktionen rund um das Festival-Thema »System neu starten?« - mit dabei Esther Saoub, ARD-Korrespondentin in Kairo und der österreichische Sozialwissenschaftler Rolf Schwendter. Das Gesamtkonzept des »Mainzer Woodstocks« ist deutschlandweit einmalig und lockt jedes Jahr überregionales Publikum zum traditionsreichen Pfingstfestival auf die Zitadelle. »Wir wollen diese Einzigartig erhalten und auf diesem Weg weitermachen,« erklärt Weisbrod.

open-ohr-babylon Zu diesem Gesamtkonzept gehören auch Musik, Kabarett und Theater. Headliner auf der musikalischen Seite ist die französische Ska-Reggae-Band Babylon Circus. »Außerdem auf der Bühne Erland and the Carnival, Jaune Toujours, Mujuice, Fantazio, Subvasion und Dub a la Pub. Einen besonderen Part nimmt das Kabarett in diesem Jahr ein. Immerhin kommen in diesem Jahr echte Hinhörer nach Mainz. Horst Evers macht »Großen Bahnhof«. In seinem aktuellen Programm geht es um die großen, die ewigen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und will ich da mit? Der Sänger, Dichter und Kabarettist Sebastian Krämer nimmt sein Publikum mit in die »Akademie der Sehnsucht« und »Matthias Tretter möchte nicht Dein Freund sein«. Für die Mainzer im Publikum gibt es mit Büb Käzmann sogar einen echten Lokal-Matador.

Für das Theater beim Open Ohr ist Emily Härtel zuständig. »Das Theaterprogramm gliedert sich natürlich auch in das Gesamtkonzept ein,« erläutert sie. »Das geht von der Neu-Inszenierung von ,Dantons Tod' der Frankfurter Landungsbrücken bis hin zu ,Heute: Kohlhaas' des Agora-Theaters.« Besonders stolz ist Härtel auf die Vielfalt des Theaterprogramms. »Vom traditionellen Theater über Schattenspiele bis hin zum Tanztheater - alles in allem wirklich sehr inspirierend.«

Änderungen für Camper


open-ohr-affen Beim Programm des Open-Ohrs ist kein echter Neustart notwendig gewesen, auf dem beliebten Zeltplatz allerdings schon. »In den letzten Jahren hat die Anzahl der Zeltplatz-Bewohner stetig zugenommen,« erklärt Weisbrod. »Wir finden das auch ganz toll. Allerdings artet das in immer mehr Arbeit aus, die wir von der Freien Projektgruppe nicht mehr leisten können.« Überprüfung der Gaskocher, Müllentsorgung, Streitschlichtung und Entfernen der Überreste diverser »Wohnzimmer« beanspruchen zu viel Zeit. »Deshalb haben wir den Zeltplatz an einen externen Betreiber abgeben.«

Für die Camper bedeutet das vor allem: die Zeltplatztickets werden teurer. Zeltplätze in der Windmühlenstraße kosten dieses Jahr 15 Euro, der Wohnmobilplatz auf dem Sandplatz schlägt mit 30 Euro zu Buche. »Ich weiß, das wirkt jetzt gleich wie eine ganze Menge. Aber im Vergleich mit anderen Festivals liegen wir unter dem Durchschnitt.« Jetzt müssen die langjährigen Open-Ohrler nur schauen, ob ihnen dieser Neustart schmeckt.

Daniela Tratschitt

Open Ohr Festival:
www.openohr.de
Pfingsten, 25. bis 28. Mai, Zitadelle Mainz