Heft 260 Mai 2012
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Kirchentürme

Kirchtürme Altmünsterkirche

Die ältesten Zwillingstürme der Stadt


Altmünsterkirche
Hervorgegangen aus einem Kloster im siebten Jahrhundert wurde die Altmünsterkirche im Stile der 50er Jahre grundlegend neu gestaltet.

Ein Turm hat etwas Majestätisches. Niemand kommt umhin ihn zu bemerken, bei so manchem drängen sich Fragen auf: Wie hoch ist der wohl? Wie ist die

Aussicht von ganz oben? Wie wäre es so weit über der restlichen Stadt zu wohnen? Die Skylines von New York oder Frankfurt werden gerne und oft fotografiert, bestaunt, gemalt.

Mainz kann zwar nicht mit so vielen Hochhäusern aufwarten wie andere Städte, trotzdem haben auch wir viele Türme. Mancherorts sind es sogar so viele, dass man den ein oder anderen übersehen kann. So wie zum Beispiel in der Münsterstraße. Man bekommt dort zwar keine Genickstarre vom dauernden Hochschauen (bei einigen der Gebäude würde es sich auch nicht unbedingt lohnen), trotzdem sieht man von unten auf der Straße nicht allzu viel blauen Himmel. Und dann passiert es ganz leicht, dass man an den beiden wahrscheinlich ältesten Zwillingstürmen der Stadt vorbeigeht.

Wechselvolle Geschichte


Mitten drin zwischen Hauptbahnhof, Unterhaus, Proviantmagazin und Kupferbergterrasse liegt die Altmünsterkirche. Wenn man nicht nach oben schaut vollkommen unspektakulär. Weiße, schlichte Fassaden, eine Tür, ein paar Fenster, ein Schaukasten und ein Schild. Der einzige Farbklecks stammt von einem Graffiti. Schon ist man vorbei, ohne dass sich die Anwesenheit der Kirche überhaupt ins Gedächtnis gedrängt hätte. Spielt man aber nur für eine kurze Weile den Hans Guck-in-die-Luft, dann sieht man etwas Unerwartetes: zwei schlanke, weiße Türme, ohne viel Schnickschnack, die allein durch ihre Höhe beeindrucken.

Altmünsterkirche
Die steilen Treppen sind der einzige Zugang zur Glockenstube.

Als geübter Tourist oder regelmäßiger Kirchgänger erwartet man eigentlich zwischen diesen beiden 25 Meter hohen Türmen, die direkt an der Straße stehen, den Eingang zu dem evangelischen Kirchenhaus. Weit gefehlt. Seit Ende der 1950er Jahre betritt man diese Kirche praktisch von hinten.

»Damit hat der Architekt den Türmen natürlich einiges von ihrer Bedeutung und Funktion genommen«, erklärt Pfarrer Hendrik Maskus. Warum Baurat Otto Vogel aus Trier sich für einen kompletten Umbau des Gotteshauses entschied, ist Maskus ein Rätsel. »Vogel hat vorher die Christuskirche renoviert und dabei sehr viel Wert darauf gelegt, die historischen Wurzeln zu erhalten. Bei uns hat er genau das Gegenteil gemacht.«

Dabei gehen die Wurzeln der Altmünsterkirche bis ins siebte Jahrhundert zurück. Wie genau es zur Gründung der Kirche und des damit verbundenen Klosters kam, ist nicht bekannt. Die eine Version spricht von der Mainzer Heiligen St. Bilhildis, die am Münsterplatz einen kleinen Frauenkonvent aufbaute. Die andere Version ist, dass das Kloster eine Gründung der iro-schottischen Mission ist.

Wie auch immer, damit ist Altmünster auf jeden Fall deutlich historischer als die große Stadtkirche der Mainzer Protestanten. Fast 1.000 Jahre lang blieb das Gelände in klösterlicher Hand. Dann allerdings mussten die Nonnen umziehen. Mainz wurde größer, die Stadtmauern mussten erweitert werden und lag man vor 1657 noch außerhalb der Stadt, lag man ab 1662 darinnen. Die Kirche wurde an einem neuen Platz wiederaufgebaut, diesmal im Stile des Frühbarocks und schon mit den zwei Türmen.

Zu ihren Füßen lud ein reichgeschmücktes Portal die Besucher jeden Ostermontag dazu ein, den wertvollsten Schatz des Klosters, das Schweißtuch Christi, welches sich heute in der Ostkrypta des Mainzer Domes befindet, zu besuchen. War der Andrang der Pilger zu groß, wurde von den Türmen aus mit der Reliquie der Segen an das draußen wartende Volk erteilt.

Über die Jahrhunderte hinweg erlebte das Gebäude vielerlei Veränderungen. Das Kloster wurde aufgelöst, die dazugehörigen Teile abgerissen, es wurde mal der Universität als Labor zugeteilt, mal war es Entbindungsstation, mal Militärlazarett, mal gehörte es den Franzosen, mal den Deutschen. Wenn es zwischendrin wieder eine Kirche wurde, dann mal katholisch, mal evangelisch. Erst 1930 wurde wenigstens die Funktion des Hauses geklärt. Die evangelische Kirche kaufte Altmünster. Seitdem ist sie eine der drei Stadtkirchen von Mainz.

Mehr Platz nach der Umgestaltung


Altmünsterkirche
Das Karfreitagskreuz wird nur einmal im Jahr gebraucht, den Rest der Zeit steht es auf dem Treppenaufgang des nördlichen Turmes.

Die letzte große Veränderung fand nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Die zerstörte Kirche wurde von Otto Vogel wieder aufgebaut. Allerdings mit radikalen Änderungen: das Portal aus der Spätrenaissance wurde abgerissen, der Altar geostet, der Eingang in die Walpodenstraße verlegt, die Verzierung an der Ostfassade entfernt, die Türme umgestaltet, die Fenster verkleinert oder zugemauert. »Auch wenn ich die Beweggründe für diese Drehung nicht verstehe, bin ich doch nicht unglücklich darüber«, erklärt der evangelische Pfarrer. »So haben wir mehr Platz bekommen für einen Gemeindesaal und einen Kindergarten.«

Die Türme, die durch diese Drehung einiges von ihrer ursprünglichen Bedeutung verloren haben, werden nur noch selten besucht. Sie dienen als Abstellkammer für Karfreitagskreuze, Krippen, Adventskränze oder Bühnenteile. Die einzigen Bewohner sind die drei Glocken, von denen auch nur eine historisch ist. Noch nicht einmal Tauben verirren sich ins Innere.

»Es ist alles automatisiert«, weiß Maskus. »Vor einigen Jahren haben wir die Türme zum Tag des offenen Denkmals geöffnet. Allerdings kann man bei uns nicht so viel sehen, da man nur schwer an die oberen Fenster herankommt.« Eine Besucherin ließ sich aber von der fünf Meter langen Holzleiter nicht abhalten. »Mir ist ganz schwindlig geworden bei dem Anblick. Und als sie dann meinte: ,Wer weiß ob ich das im nächsten Jahr mit 83 noch kann?' war ich fertig.« Die Dame wollte anscheinend die Frage nach dem Ausblick auf jeden Fall beantwortet haben.

Daniela Tratschitt