Heft 260 Mai 2012
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Protest

Für Familien & für gerechte Vergütung

Hebammen-Einsatz


Hebammen-Einsatz

Sie gehören dazu: Hebammen. Vor, während und nach der Geburt. In den Geburtskliniken und -abteilungen, bei Hausgeburten, der Wochenbettpflege. Ihre Bezahlung ist unzureichend. Insbesondere dort, wo Hebammen Frauen und Familien in schwierigen Situationen zur Seite stehen. Am 5. Mai, dem Internationalen Hebammentag, zeigen sie u.a. in Koblenz bei einer Demonstration Präsenz.

»Hebammen sind ungemein wichtig für das gesunde Aufwachsen und Wohlergehen der Kinder und ihrer Mütter, sagt Mariangela Bonsignore-Scheuffele. Seit 24 Jahren arbeitet sie als Hebamme. In Bad-Kreuznach bietet die Freiberuflerin Geburtsvorbereitungskurse an und übernimmt die Wochenbettpflege. Maximal 36 Leistungen können im Rahmen der Wochenbettpflege mit den Krankenkassen abgerechnet werden.

Dazu zählen Hausbesuche, Besuche von Mutter und Kind in der Hebammenpraxis, telefonische und schriftliche Beratung. Bis zum zehnten Tag müssen 20 Leistungen (maximal 2 pro Tag) erfolgen - kommt die Mutter erst am 4. Tag nach der Geburt aus der Klinik und kann diese Leistungen nicht mehr ausschöpfen, verfallen sie. Pech für Kind, Mutter und Hebamme, die den Verdienstausfall tragen muss. Ab dem elften Tag können weitere 16 Leistungen in Anspruch und abgerechnet werden. Für einen Hausbesuch erhält die Hebamme 27 Euro - egal wie lange er dauert. Dazu noch »Wegegeld«, 33 Cent pro Kilometer.

Zieht die Freiberuflerin alle ihre Kosten, wie Renten-, Kranken-, Berufshaftpflichtversicherung, Telefon, Raummiete etc. ab, bleibt ein Stundenlohn von knapp 7 Euro.

Große und kleine Leiden


Ein Hungerlohn für eine qualifizierte Fachkraft. »Unser Anliegen ist, der Politik und den Frauen deutlich zu machen, wie viel Kompetenz wir für das gesundheitliche Wohlergehen mitbringen und unsere Arbeit angemessen zu vergüten. Sonst müssen viele Hebammen ihren Beruf aufgeben.«

Ein Verlust, der die Prävention von Gesundheitsgefahren für Mutter und Kind beeinträchtigen könnte, stellt der Deutsche Hebammenverband fest. Die gute Betreuung der Wöchnerinnen, die Still- und Ernährungsberatungen seien Voraussetzungen für eine gute Familienbildung.

Dass Hebammen auch eine wichtige Rolle spielen, geht es um Kindeswohl und Kindesschutz, steht außer Frage. Denn Hebammen haben automatisch Zugang zu allen Müttern. Sie lernen die meisten ihrer Klientinnen kennen, bevor die Babys auf die Welt kommen. Sie kennen die familiären Verhältnisse, bekommen automatisch mit, ob irgendwo der Schuh drückt.

Familienberatung


»Zum Glück habe ich noch nie einen Fall erlebt, wo ich Polizei und Rettungskräfte anrufen musste.« »Sanfte Hände« heißt die Hebammenpraxis, in der Susanne Truxa arbeitet. Die freiberufliche Hebamme betreut seit 25 Jahren Frauen vor und nach der Geburt. Sie kennt viele große und noch viel mehr kleine Leiden, die Familien durchleben. Oft unabhängig von der Tatsache, dass ein Kind erwartet wird. 2005 hat sie an der ersten Schulung »Hebammen und andere Gesundheitsberufe beraten Familien« teilgenommen. Ein Modellprojekt der rheinland-pfälzischen Landesregierung, das insbesondere denjenigen Familien zugute kommen soll, die einen erhöhten Unterstützungsbedarf haben und vorher nicht erreicht worden sind.

»Es gibt Situationen, da möchte ich das Kind am liebsten mitnehmen«, sagt Susanne Truxa. Aber das gehe natürlich nicht: »Ich muss die Mutter, die Familie überzeugen, Hilfe anzunehmen.« Wer welche Hilfe anbietet weiß die Hebamme aufgrund ihrer »Netzwerkpflege«: »Das ist auf der einen Seite zeitaufwändig. Auf der anderen Seite kann ich viel Verantwortung teilen und abgeben.

Es hilft mir sehr zu wissen, da sind andere, die sind kompetent, die können weiter helfen.« Dabei gehe es manchmal »nur« darum, Unsicherheiten zu überwinden. Junge Mütter müssen das Verhalten ihres Säuglings einschätzen lernen. Schreit er, weil er Hunger hat oder tut ihm etwas weh? Manche Einrichtungen verteilen Gutscheinhefte an Familien, die sich die Teilnahme an Kursen nicht leisten können. Oder sie erheben einen ganz geringen Beitrag für Spiel- und Bewegungs- oder für Elternkurse.

»Ich bin mir manchmal nicht ganz sicher, ob ich die Lage richtig beurteile und eine Familie tatsächlich Unterstützung braucht oder ob meine Sensoren vielleicht zu sensibel sind«, sagt Susanne Truxa. Dann ruft sie beim Jugendamt an, erklärt die Sachlage - ohne Namen zu nennen. Die anonyme Darstellung erleichtert die Versachlichung, der Druck, durch das Eingreifen der Behörden würden Hilfsangebote erst recht verweigert, weicht.

Besser vorbereitet


Die zusätzliche Beratungs- Betreuungs- und Vermittlungsarbeit, die Susanne Truxa erbringt, werden nicht entlohnt. »Es war klar, dass die kostenlose Schulung keine finanziellen Vorteile für uns hat«, sagt Truxa. Inhaltlich aber, unterstreicht sie, gebe es viele Vorteile. »Man ist besser auf schwierige Situationen vorbereitet und kann damit umgehen. Ich habe auch keine Scheu mehr, die zuständigen Stellen um Unterstützung zu bitten, ich bin deshalb mit meiner eigenen Arbeit zufriedener.« Noch zufriedener wäre sie, würde auch diese Leistung entsprechend entlohnt.

SoS

Infos:
Demonstration am 5. Mai, 11 Uhr Hauptbahnhof Koblenz: »Frauen wollen Hebammen!"

www.hebammen-rlp.de
www.vivafamilia.de
www.netzwerke-elternbildung.de