Heft 259 April 2012
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Mainzer Köpfe

Hartwig Daniels will die Stadt »reparieren«

»Ich muss mich einmischen«


Hartwig Daniels
Hartwig Daniels


Vielleicht war das zweite Gutachten zum Einkaufszentrum Ludwigsstraße so etwas wie ein Etappensieg. Auf dem Weg »zu einer behutsamen Stadterneuerung, die unsere historischen Schätze bewahrt und auf anspruchsvolle Weise weiterentwickelt.« So formuliert Hartwig Daniels als Sprecher ein Ziel der Bürgerinitiative Ludwigsstraße. Der Sozialwissenschaftler denkt allerdings weit über dieses ehrenamtliche Engagement hinaus.

Man nehme eine ordentliche Portion Sachverstand, gefestigte, über Jahre gewachsene Positionen, die Bereitschaft, das eigene Wissen stetig zu ergänzen und eine Sprachfertigkeit, die Botschaften eindeutig formuliert: Fertig ist einer der Repräsentanten der Bürgerinitiative Ludwigsstraße. Oder fast. Der BI-Sprecher muss außerdem noch Klinken putzen, Konflikte, auch persönlicher Art, aushalten, klug und strategisch denken. Viel Zeit braucht er sowieso.

Auslaufmodell Shopping-Mall


Im Durchschnitt, sagt Hartwig Daniels, schaffe er es mit seinem Engagement für die BI Ludwigsstraße auf eine Drittel- bis Halbtagsstelle. Hartwig Daniels ist einer von Vielen, die sich seit Monaten mit dem Thema beschäftigen. Alle, die in der BI zusammenarbeiten verfolgen ein klar definiertes Interesse. Mit den Worten von Daniels: »Wir brauchen keine Stadt in der Stadt nach dem Vorbild der nach innen gekehrten amerikanischen Shopping-Mall. Das führt zu Zerstörung und Verwahrlosung des städtischen Umfelds - wie es andernorts nach der Ansiedlung von ECE-Centern studiert werden kann - Wetzlar oder Passau, zum Beispiel. Auch brauchen wir keine Investitionsruine im Herzen unserer Altstadt: Shopping-Malls sind überall Auslaufmodelle des vergangenen Jahrhunderts.« Daniels kam von Frankfurt über Wilhelmshaven und wieder Frankfurt nach Mainz, um hier zu studieren. Sozialwissenschaften, das heißt in seinem Fall: Politik, Volkswirtschaftslehre, Soziologie, Pädagogik. Beruflich konzentrierte er sich auf Industriesoziologie, arbeitete lange als Selbstständiger und begeistert sich bis heute für stadtsoziologische Entwicklungen.

Mainz stehe städtebaulich in der schönen Tradition der Europäischen Stadt, erklärt er. Das bringe eine Urbanität und eine Lebensqualität mit sich, wie sie etwa in amerikanischen Städten nicht vorzufinden sei.

Eine Spur von verwüstungen


»Bedauerlich ist allerdings, dass in den letzten Jahren die Stadt zusehends verkommt und verdreckt. Betrachten Sie sich Straßen wie die Große Langgasse oder die Große Bleiche mit ihren Billigläden, Pornoshops und Spielhallen. Und dann diese Reklameflut! Und schließlich hat die Stadt mit Prestigeprojekten die falschen Prioritäten gesetzt und die Stadtentwicklung als Ganzes vernachlässigt. Das können andere Städte besser!«

Richtig alarmiert wurde Daniels durch Ereignisse in Kaiserslautern. ECE habe dort sein Projekt hinter dem Rücken der Bevölkerung, durchgedrückt. Internetrecherchen zu diversen »Einkaufszentren« in Deutschland ergaben: »ECE hat eine Spur von Verwüstungen hinterlassen. Da sind bei mir alle roten Lampen angegangen. Das darf uns hier nicht passieren! Ich habe mir, die ersten ECE-Pläne vor Augen, das Areal angeschaut, habe mir vorgestellt, wie das dann aussehen würde.« Für Daniels war klar, jetzt muss er sich einmischen.

Den gesammelten Sachverstand aus den Reihen der Bürgerinitiative und von anderen engagierten Bürgern konnte man bei den Ludwigsstraßen-Foren erleben. Interessante Vergleiche, präzise Fragen, fundierte Vorschläge: »Wir kämpfen vor allem für etwas! Alle sollen etwas davon haben, Bürger wie Einzelhandel und nicht zuletzt die wachsende Zahl von Touristen, die unsere Stadt besuchen.«

Daniels sieht die Diskussionen pragmatisch und emotionslos: Wenn ECE ein Angebot mache, das mit den Vorstellungen der Stadt und der Architekten zusammenpasst, dann sollten sie bauen: »Wer baut, ist mir persönlich egal, die Bedingungen müssen stimmen, es stehen schließlich genug Interessenten auf der Matte.«

Antrieb für weitere Baustellen


In zwei bis drei Jahren, meint Daniels, werde Baurecht bestehen. Bis dahin wolle die BI den Prozess intensiv begleiten, sich mit eigener inhaltlicher Arbeit und mit Recherchen einbringen. Nach dem letzten LU-Forum starte die Phase der Meinungsbildung bei Stadt, Ratsfraktionen, Parteien und bei den Fachgremien, wie Planungs- und Gestaltungsbeirat, Verbände und Einzelhändlern. »Ab April werden wir wieder regelmäßig Infostände veranstalten. Dann werden wir sicherlich noch die eine oder andere öffentliche Veranstaltung zum Thema machen. Mal sehen, was den Mitstreitern noch so einfällt.«

Klar ist, dass der 62-jährige Unternehmensberater mindestens so lange seinen »privaten« Interessen kaum nachgehen kann. Daniels spielt seit fast 50 Jahren Cello. Früher sogar im Orchester und in Kammermusikensembles. Zum Spielen kommt er nur noch selten. Sogar die Urlaube mit seiner Frau sind weniger und kürzer geworden und die Leidenschaft, in den Bergen zu wandern, wird gezügelt. Es ist ihm anzusehen, dass er das bedauert. Aber: »Demokratie ist die Einmischung in die eigenen Angelegenheiten« habe Max Frisch einmal gesagt. Das treffe ziemlich genau den Kern vieler neuer Bürgerbewegungen und sei auch der Antrieb für die BI Ludwigsstraße.

Und für eine der anderen »Baustellen«, an denen Daniels arbeitet, die Initiative kommunaler Bürgerhaushalt: »Die muss nun, nach den OB-Wahlen, energisch angegangen werden, dem werde ich mich verstärkt widmen.«

SoS