Heft 259 April 2012
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Mainzer Bier

Es prickelt auch in der Weinhauptstadt

Gerstensaft erleben und genießen


Herbert Quirin
Herbert Quirin braut seit einem Jahr das Eisgrubbier. Gegärt wird es in offenen Bottichen, damit die Gäste etwas zum Schauen haben.

Der Arbeitstag von Herbert Quirin beginnt um vier Uhr morgens. Wenn die meisten noch nicht einmal an Frühstück denken, setzt der 58-Jährige schon den Biersud an. Quirin ist der Braumeister des Eisgrubbräu, und die Sudkessel im Innenraum des Lokals, die manch ein Gast für eine originelle Dekoration halten könnte, sind sein Arbeitsplatz. Seit einem Jahr ist er für Helles Märzen und Schwarzbier im Eisgrub zuständig, nachdem sein Vorgänger Burkhardt Kühn in Rente gegangen ist. Im vergangenen Jahr hat er hier rund 160.000 Liter Bier gebraut. »Meine Lehre als Brauer habe ich mit 14 einhalb Jahren begonnen«, erklärt er lächelnd. Die Geschichte der drei heutigen Brauereien im Stadtgebiet ist relativ jung. Die Landeshauptstadt ist nun einmal die Weinhauptstadt Deutschlands. Doch es gab Zeiten, da spielte hier auch das Bier eine große Rolle.

»Ende des 19. Jahrhunderts war die Mainzer Aktienbrauerei die größte deutsche Brauerei außerhalb Bayerns«, berichtet Hans-Joachim Kaindl, Stadtführer vom Verein »Geographie für Alle«. Für den Verein vom Geographischen Institut der Mainzer Uni leitet er zweimal im Jahr die Stadtführung »Bier in Mainz - Vom Eis in der Hand bis zum Prickeln im Bauchnabel«. Der Titel verweist schon recht unverhohlen auf den Werbeslogan eines berühmten Weizenbieres - das man allerdings nicht sofort mit Mainz in Verbindung bringt. Es stimmt aber: das Schöfferhofer, das heute von der Frankfurter Radeberger-Gruppe gebraut wird, stammt ursprünglich aus Mainz. »Die Brauerei war ab 1840 zunächst im Mainzer Schöfferhof in der Korbgasse angesiedelt. Dieser war benannt nach dem Buchdrucker Peter Schöffer, der das Anwesen im 15. Jahrhundert erworben hatte«, erklärt Kaindl. Später zog sie auf den Kästrich, wo sie bis 1971 ihren Sitz hatte.

Kühl musste es sein


Wenn Kaindl bei seiner Führung von der Mainzer Aktienbrauerei berichtet, führt der Weg zur Kupferberg-Sektkellerei. In deren Gewölbe wurde bis 1983 das Mainzer Bier gebraut. Eine Inschrift über dem Torbogen des Haupteingangs weist darauf hin. Die Kellergewölbe, die teilweise noch aus Römerzeiten stammen, boten im 19. Jahrhundert ideale Bedingungen zum Bierbrauen. Denn um den Gärvorgang zu steuern, braucht es Kühlung. Das bedeutete zu Zeiten, in denen es noch keine elektrischen Kühlsysteme gab: Man braucht viel Eis. Dafür wiederum braucht es eine kalte Lagerstätte, und die Keller in der Altstadt waren dafür ideal. Ein Gewölbe, das die Mainzer Aktienbrauerei ebenfalls als Eiskeller nutzte, ist auch heute wieder mit Bier verbunden: die Gemäuer des heutigen Eisgrubbräu. »Daher hat die Straße, an der es liegt - der Eisgrubweg - auch seinen Namen«, berichtet Benjamin Dorn, Serviceleiter des Eisgrubbräu. Die Braugaststätte, die 1989 eröffnete, lehnte ihren Namen wiederum an den Straßennamen ein.

Heute kommt das Mainzer Aktienbier aus Frankfurt. Die Brauerei Binding, die 1968 eine Mehrheitsbeteiligung an der Mainzer Brauerei erworben hatte und seit 2002 alleiniger Eigentümer ist, stellt es seit 1983 im eigenen Hause her. Im Proviant Magazin wird es vom Fass ausgeschenkt. Sonst bekommt man es nur noch auf dem Mainzer Oktoberfest. Die jüngste Mainzer Brauerei ist Rheinhessen-Bräu aus Ebersheim: Der Diplombetriebswirt Christian Karl und sein Vater Peter eröffneten die Brauerei im Jahr 2007. Landwirt Peter Karl baut neben Wein, den er an die Ebersheimer Winzergenossenschaft liefert, auch auf 25 Hektar Land Braugerste an. So kamen er und sein Sohn auf die Idee, ein eigenes Bier zu brauen. »Auch wenn die Winzerkollegen da ein bisschen genörgelt haben«, schmunzelt Peter Karl. Rheinhessenbräu ist eine kleine Brauerei. Im Winter setzen die Karls nur alle zwei Wochen einen Sud an, im Sommer, zur Biergartensaison, aber zweimal pro Woche.

Rheinhessenbräu
Peter (links) und Christian Karl liefern ihr Rhein- hessenbräu an mehr als ein Dutzend Gaststätten.

Natürlich und aromatisch


Gut sechs Wochen braucht es, bis ein Sud zu Rheinhessenbräu wird. »Wir lassen dem Bier relativ lange Zeit,« sagt Peter Karl. Dann werden Helles, Dunkles, Pils und Weizen in Flaschen und Fässer gefüllt. Dass die Biere alle naturtrüb sind, erkennt man auf den ersten Blick kaum. »Wir filtern die Schwebstoffe, zum Beispiel von der Hefe, nicht heraus, wie es große Brauereien tun. Dadurch bleibt das Bier aromatischer, ist aber nicht so lange haltbar«, erklärt Christan Karl. Künstliche Konservierungsstoffe kommen sowieso nicht hinein. Deshalb muss das Bier auch immer gut gekühlt gelagert und spätestens nach acht Wochen getrunken werden. Rheinhessen-Bräu wird mittlerweile in mehr als einem Dutzend Gaststätten in Mainz und Rheinhessen serviert. Zuletzt kam in Mainz das »Sixties« als Abnehmer dazu. Das Bier kommt vom Fass oder in Literflaschen auf den Tisch - oder zum Kunden nach Hause: Es wird neben dem Verkauf ab Hof auch im Laubenheimer Edeka und bei Getränke Schnell in Finthen angeboten.

Das Brauhaus Castel auf der anderen Rheinseite besteht seit 1990. Seit 2001 führt sie die Frankfurter Familie Sonne, im Sudhaus steht seitdem auch Braumeister Friedrich Schulte. Die naturtrüben Biere werden nicht nur in der eigenen Gaststätte mit Biergarten, sondern auch als Flaschen- oder Fassbiere zum Mitnehmen verkauft.

Infos:

Die nächste Stadtführung »Bier in Mainz« von »Geographie für alle e.V.« findet am 6. Oktober 2012 statt.
www.geographie-fuer-alle.de

Am Rheinufer/Rathaus findet die 14. Mainzer Bierbörse vom 13. -15. Juli 2012 statt.

Auf dem Messegelände in Hechtsheim findet das 8. Mainzer Oktoberfest vom 11. - 21. Oktober statt. Die Geschichte und Gegenwart der Mainzer Brauereien hat der Mainzer Hans-Peter Goertz unter
www.mainzer-brauereien.de zusammengestellt.


Alice Gundlach