Heft 259 April 2012
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Handwerk

Kein Schlüsseldienst, keine Schilder - nur Schuhreparatur

Eine Ausnahmeerscheinung


Dejung
Willi Dejung ist seit 51 Jahren Schumachermeister in Gonsenheim und Tochter Christine Motz arbeitet mit ihrem Vater in der Schusterei. »Das war schon immer mein Wunsch«, sagt sie.

Manchmal brennt das Licht schon morgens um sechs Uhr in der Schusterwerkstatt von Willi Dejung. »Wenn noch etwas am Vortag liegen geblieben ist, kommt mein Schwiegersohn früh morgens und erledigt es«, erklärt der Schumachermeister. Spätestens um 7.30 Uhr steht auch Dejung selbst da. Jeden Tag, von Montag bis Samstag, seit 51 Jahren. Nach Hause geht er selten vor 22 Uhr abends.

Die meisten Schuster müssen heute zusätzlich Schlüsseldienst oder Schildergravur anbieten, um über die Runden zu kommen. Willi Dejung bietet ausschließlich Reparaturen an Schuhen und anderen Lederwaren an. »Wir haben nie zu wenig Arbeit gehabt«, sagt er stolz. Zahlreiche Stammkunden, die nicht nur aus ganz Mainz, sondern auch aus Rheinhessen, Wiesbaden und dem Rheingau kämen, bescherten ihm 80 bis 100 Paar Schuhe pro Tag, die es zu flicken gilt. »Eine Familie aus Gonsenheim, die in die Schweiz gezogen ist, bringt mir immer noch Schuhe, wenn sie hier zu Besuch ist«, berichtet Dejung. Dazu kämen rund 40 Taschen pro Woche, plus Koffer, Gürtel, Reitgeschirre, Sättel. Willi Dejung repariert, näht, leimt alles, was es an Lederwaren gibt.

Gelernt ist gelernt


Der 77-Jährige betreibt sein Geschäft als Familienunternehmen. Seine Tochter Christine Motz steht mit ihm im Laden, sie nimmt die Schuhe an. Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung stieg sie sofort ins Geschäft des Vaters ein. »Das war schon immer mein Wunsch«, sagt sie. Schwiegersohn Andreas Motz hat seit 20 Jahren halbtags neben seinem bisherigen Hauptberuf als Metzger in der Schusterwerkstatt mitgearbeitet, seit dem 1. April ist er nun offiziell Geschäftsführer. Von Pension will Willi Dejung dennoch nichts wissen, er arbeitet weiter als Angestellter mit. »Wenn er nicht mehr arbeiten würde, würde er krank werden«, lacht die Tochter.

Nicht jeder, der heute Schuhreparatur anbietet, muss gelernter Schuster sein. »Die meisten machen heute einen Lehrgang, bei dem sie vieles gar nicht lernen. Nähen zum Beispiel können nur die echten Schuhmacher,« erklärt Dejung. Dejung kann nähen. Das geht aber nicht blitzschnell. Bei schwierigeren Reparaturen müssen die Kunden bis zu zwei Tage warten, bis sie ihre Schuhe oder ihre Tasche wieder abholen können. »Wenn die Absätze aber nur neue Flecken brauchen, wird das auf Wunsch sofort erledigt«, sagt Dejung. Eine solche Reparatur ist bei ihm sogar günstiger als bei so mancher Schnellannahme. Ein paar Flecken gibt es schon, je nach Größe, ab 5,60 Euro.

Er nehme auch nicht jedes Paar Schuhe an, sagt Dejung. »Wenn die Reparatur mehr kosten würde, als der Schuh wert ist, sage ich das den Kunden ganz klar.« Mancher Schuhservice habe gleich mehrere Annahmestellen, wo erst einmal alles weitergeleitet werde. Für Dejung wäre das nichts. »Wir können dafür dem Kunden direkt sagen, ob es sich noch lohnt.« Natürlich würde mancher Kunde trotzdem darauf bestehen, seine Lieblingsschuhe noch einmal geflickt zu bekommen.

Mit 17 Jahren ging Willi Dejung in die Lehre in Stadecken, arbeitete danach als Geselle in Saulheim und Mombach, bevor er nach Gonsenheim ging. Kurz nach seiner Meisterprüfung übernahm er 1961 die Werkstatt in Gonsenheim. Sein Meisterstück, ein paar elegante schwarze Herrenschuhe aus Ziegenleder, Größe 41 - seine Schuhgröße - stehen ausgestopft und sauber verpackt im Karton von damals in seiner Werkstatt. Zweimal habe er sie selbst getragen, sagt er.

Gummi und Plastik


Als monoton empfand er seine Arbeit noch nie, sagt Dejung. Im Gegenteil, sein Beruf sei sehr vielseitig. Auf sein gelerntes Handwerk könne er sich verlassen, sagt er, aber: »Es gibt immer neue Materialien, auf die man sich einstellen muss. Jedes braucht einen anderen Leim oder eine andere Naht.« Heute werden die meisten Schuhe mit viel Gummi und Plastik hergestellt. »Da kann man nicht mehr mit Holznägeln drangehen wie früher bei Schuhen, die komplett aus Leder waren.« Außerdem sind Schuhe nicht einfach Schuhe. Schuhe sind Stilettos und Sportschuhe, Sneakers und Sandalen, Slipper und Schnürschuhe, Wanderstiefel, Reitstiefel, Gardestiefel.

Urlaub hat sich Dejung in seinem Arbeitsleben nur zwei Mal gegönnt. Beide Male ging es nach Österreich, in die Nähe von Kufstein. »Da war ich aber noch in der Schule«, erinnert sich Tochter Christine. Mehr als 30 Jahre sei das her. Auch sie und ihr Mann führen nicht in Urlaub. »Danach könnten wir ja die angesammelten Aufträge gar nicht mehr aufholen«, meint sie und wirkt dabei erstaunlich gelassen.

Bis vor zehn Jahren fertigte Dejung auch noch Maßschuhe an, aber das lohne sich nun nicht mehr, sagt er. »Man müsste dafür alleine Leisten für rund 100 Euro bestellen, und mit einem Paar wäre ich zwei Tage oder mehr beschäftigt. Da bliebe zu viel liegen.« Maßschuhe würden heute viel zu selten angefragt. Dafür sind sie zu teuer. »Die Mode ist ja heute auch viel schnelllebiger. Jedes Jahr ist etwas anderes modern, nicht nur bei den Damen-, auch bei den Herrenschuhen. Aber gerade die jungen Damen brauchen ja zu jedem Kleidungsstück ein anderes Paar passende Schuhe«, schmunzelt er. Deshalb hat er sich darauf verdingt, die immer neuen Schuhe zu reparieren.

Info: Schuhmachermeister Willi Dejung, Schulstraße 2, 55124 Mainz-Gonsenheim, Telefon: 06131 43985



Alice Gundlach