Heft 258 März 2012
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Zeitreise

Ebersheimer entdeckt alten Brunnen im Töngeshof

Fundgrube der Zeitgeschichte


Matthias Gill
Matthias Gill mit einem seiner Lieblingsfundstücke aus dem alten Brunnen im Töngeshof: Eine Pfeife, gefertigt aus einer Patronenhülse aus dem Ersten Weltkrieg.

Gut zehn Meter geht das Loch in die Tiefe. Durch das Abdeckgitter sieht man ganz unten dunkles Wasser stehen. Auf etwa einem halben Meter Höhe von der Öffnung abwärts erkennt man zwischen zwei Reihen Natursteine eine dünne Linie aus roten Ziegeln. »Dort fing der Brunnenschacht an, bevor wir ihn ausgegraben haben«, erklärt Matthias Gill. Das Loch im Innenhof des Töngeshofes in Ebersheim ist sein Projekt. Der 50-jährige Installateur gräbt mit der Unterstützung seiner Nachbarn seit einem halben Jahr den zugeschütteten Brunnen aus. Das Unterfangen gleicht einer Zeitreise, der alte Brunnen birgt viele Gegenstände, die in den vergangenen 100 Jahren in ihm entsorgt wurden.

Allmählich verwahrlost


Matthias Gill wohnt seit 25 Jahren in einem ehemaligen Bauernhaus am Töngeshof. Der Gebäudekomplex, der im 14. Jahrhundert als »Antonishof« von Antonitermönchen als Landgut gegründet wurde, ist seit 1983 Denkmalzone. Schon lange hatte Gill sich gefragt, warum das Pflaster im Innenhof der Anlage an einer Stelle uneben war. »Die alteingesessenen Nachbarn erzählten mir dann, dass dort einmal ein Brunnen war«, berichtet Gill. Einer zeigte ihm ein Foto aus den 1950er Jahren, das das damals schon nicht mehr genutzte Wasserloch mit Pumpe zeigt. Gill erfuhr, dass der Brunnen seit der Anbindung des Hofes an die Wasserversorgung um 1910 langsam verwahrlost war. Mitte der 1970er Jahre wurde er komplett zugeschüttet und mit Pflaster bedeckt.

Militärgegenstände
Militärgegenstände aus dem Ersten Weltkrieg gab der Ebersheimer Brunnenschacht preis: eine Gasmaske, ein französischer Helm, eine Pistole und leere Patronenhülsen.

Gills Neugier war geweckt. Mehr als ein Jahr lang fragte er bei verschiedenen Stellen der Stadt an, ob er diesen Brunnen wieder ausheben dürfe. Nachdem keine von ihnen Bedenken äußerte, machte er sich im September vergangenen Jahres an die Arbeit.

Helfende Hände waren nicht weit: Einige Anwohner, die den Brunnen teilweise noch aus Kindertagen kannten, holten ihre Schaufeln und schlossen sich Gill an. Eine Baufirma aus Budenheim stellte Gill einen Kran zur Verfügung, um das Erdreich nach oben zu befördern. Von einem Transport- und Baggerbetrieb aus Ebersheim bekam Gill einen Container ausgeliehen.

Nachdem das Pflaster abgedeckt und die erste Schicht Erde abgetragen war, galt es zunächst, einen oberhalb noch fehlenden festen Rand zu mauern. Die Stelle markierte Gill mit der Schicht aus roten Ziegelsteinen. Als sie am eigentlichen Brunnenrand ankamen, stießen sie auf »klebrige, müllige Masse«, berichtet Gill. Die Brunnengräber blieben zudem im Ort nicht lange unentdeckt: Schnell hatte sich eine Schar neugieriger Kinder um sie versammelt. Sie band Gill kurzerhand in die Arbeit mit ein. Mit kleinen, geschickten Fingern pulten sie Fundstücke aus vergangenen Zeiten aus den angehäuften Erdbergen und sortierten sie nach Flaschen, Metall, Steingut und Emaille.

Kinder waren es wohl auch, die einen Gutteil der Gegenstände im Laufe der Zeit in den Brunnen warfen. Murmeln, Spielzeugautos, Puppen und Puppengeschirr haben Gill und seine Helfer aus dem Brunnen geholt. Aber nicht nur: »Wir haben auch einen ganzen Ofen und eine Standuhr herausgeholt«, berichtet Gill. Es habe ihn verwundert, so viele Metallteile - Fahrradteile, Werkzeuge, Drahtspulen - gefunden zu haben: »Früher kam noch wöchentlich der Schrotthändler vorbei, bei dem man dafür noch ein wenig Geld bekommen hätte.«

Je tiefer Gill und seine Helfer gruben, umso schwieriger wurde es - aber auch umso interessanter. »In sieben Meter Tiefe stießen wir auf den Grundwasserspiegel und mussten ab dann das Wasser abpumpen, um weiter graben zu können«, erklärt er. Langsam erwartete er auch, Gegenstände aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden. »Nachbarn hatten mir erzählt, sie hätten als Kinder beobachtet, wie amerikanische Soldaten nach Kriegsende deutsche Uniformen und Auszeichnungen in den Brunnen warfen«, berichtet er. »Aber so sehr wir auch gesucht haben - kein Nazizeug.« Er vermutet, dass sich jemand schon lange vorher die Devotionalien wieder aus dem Brunnen geholt hatte. Aus dem Ersten Weltkrieg wiederum fand Gill einiges: eine Gasmaske, einen französischen Helm, den Teil einer Pistole und jede Menge Patronenhülsen.

Aufbau Nach altem Vorbild


Alles, was er aus dem Brunnen gefischt und für interessant befunden hat, trug Matthias Gill in seinem Keller zu einer kleinen Ausstellung zusammen. Begleitet werden die Exponate von Schwarzweiß-Fotografien der sortierten Fundstücke des Mainzer Film- und Fotokünstlers Ben Kaufmann.

Sobald es wieder etwas wärmer ist, will Gill weiter graben. »Der Grund des Brunnens ist fast erreicht«, schätzt er. Wenn der Brunnen komplett ausgehoben ist, würde er ihn gerne wieder nach altem Vorbild aufgebaut sehen. Doch dafür braucht er Unterstützung. Nun sucht er nach Sponsoren, die ein Gitter und Naturstein für den oberirdischen Brunnenkörper zur Verfügung stellen würden. »Eine antike Pumpe habe ich schon ersteigert«, sagt er. Außerdem hofft er, dass sich die Untere Denkmalschutzbehörde bald mehr für sein Projekt interessiert und ihn beim denkmalschutzgerechten Aufbau des Brunnens unterstützt. »Ich wünsche mir, dass Ebersheim bald wieder einen intakten öffentlichen Brunnen hat.«

Info: Besichtigung der Fundstücke bei Matthias Gill nach Vereinbarung. Telefon: 06136/44567


Alice Gundlach