Heft 258 März 2012
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Ringen

Baris Baglan blickt zurück und nach vorn:

»Wir wollen die Euphorie weiter tragen!«


Cheftrainer Baris Baglan instruiert Pascal Eisele
»Du musst den Kopf hochnehmen!« Cheftrainer Baris Baglan instruiert Pascal Eisele, den 19-jährigen griechisch-römisch-Youngster der 88er beim Kampf gegen Fisnik Zahiti (RWG Mömbris-Königshofen, 84 G).

30.12.2011, kurz nach 23 Uhr: Soeben hat der ASV Mainz 88 den Einzug ins Finale um die Deutsche Ringermeisterschaft denkbar knapp verpasst. Nach Hin- und Rückkampf gegen den KSV Köllerbach fehlt am Ende ein einziges Pünktchen. Es herrscht eine merkwürdige Stimmung in der ausverkauften Sporthalle »Am Großen Sand«. Eine Mischung aus Enttäuschung darüber, so knapp am Titel-Showdown vorbei geschrammt zu sein und Stolz auf das Erreichte.

Wie sieht man das heute mit einigem Abstand? Sind Narben geblieben oder gilt das Motto: »Jetzt erst recht«? Und ginge das überhaupt? Wäre diese Erfolgsgeschichte wiederholbar? Fragen, auf die DER MAINZER Antworten wollte und sie bekam, von Cheftrainer Baris Baglan:

MAINZER: Herr Baglan, drei Monate nach dem Saisonende, was überwiegt da? Frust oder Freude?


Baris Baglan: Wir sind schon stolz auf das, was wir erreicht haben. Und da spreche ich im Namen des ganzen Vereins. Wir haben natürlich gehofft, möglichst weit zu kommen. Aber dass es wirklich so erfolgreich sein würde, damit konnten wir nicht rechnen. Man hat ja auch in den Play-offs gesehen, wie knapp Sieg und Niederlage zusammenhängen. Von daher war der Sieg der Köllerbacher, auch wenn es nur ein Punkt Unterschied war, gerecht. Und ich habe meinem Kollegen nach dem Kampf auch direkt dazu gratuliert. Aber natürlich saß der Stachel zuerst einmal tief. Auch weil die Saison ja nicht zu Ende war, sondern die Finals noch anstanden. Das zu verfolgen, fiel mir dann auch entsprechend schwer.

Blicken wir nach Vorne. Ist so ein Erfolg noch einmal drin? Und was muss alles passen, dass die Fans der 88er in diesem Jahr vielleicht sogar vom Titel träumen dürfen?


Baglan: Das zu wiederholen wird sehr, sehr schwer. Auch oder gerade, weil die Konkurrenz mit Sicherheit nicht schläft. Zudem hat die Leistungsdichte in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Und natürlich muss dann auch alles passen. Sprich: Aufstellungsvarianten, Deutsch-Quote, Taktik, Verletzungen. Aber wenn wir all diese Bausteine wirklich zusammenfügen können und wenn wir die Euphorie, die die vergangene Saison ausgelöst hat, weitertragen können, dann ist auch in der kommenden Saison einiges möglich.

Ein Thema, das den ASV seit seiner Rückkehr in die Bundesliga ständig begleitet, ist das liebe Geld. Überspitzt könnte man sagen, dass der Kampf um den Etat fast genauso spannend ist, wie die Duelle auf der Matte. Wie sind finanziell gesehen die Erfolgsaussichten?


Baglan: Also das ist nicht mei­ne Kernkompetenz, das vorneweg. Aber unser neuer Vorstand hat bei seinem Antritt gesagt, er habe einen gesunden Verein vorgefunden. Und diesen Satz, denke ich, kann man genau so stehen lassen.

In wieweit hätte der sportliche Leiter denn da eine Wunschliste? Stichwort: private Sponsoren und öffentliche Hand?
Cheftrainer Baris Baglan instruiert Pascal Eisele
66 Kilo, Freistil: 88er George Bucur war zwar aktiver, verliert dennoch gegen Saba Bolaghi (RWG Mömbris-Königshofen)
Fotos: ASV Mainz 88

Baglan: Insgesamt wollen wir uns breiter aufstellen, also mehr Angebote zum Mitmachen anbieten und so auch die Mitgliederzahlen erhöhen. Zudem wollen wir unser integratives Engagement weiter verstärken. Das und die Euphorie, die wir erfahren durften, trägt hoffentlich dazu bei, dass unsere jetzigen Sponsoren bei der Stange bleiben und vielleicht der ein oder andere neue dazukommt. Und als eine der vier besten Mannschaften Deutschlands haben wir uns ja auch ein kleines bisschen als Aushängeschild für ganz Mainz zeigen dürfen. Vielleicht kommt dadurch ja auch noch mal etwas zurück.

Wichtig für den sportlichen Erfolg sind ohne Zweifel auch die Fans. Was können Sie, was kann die Mannschaft, was der Vorstand tun, damit es nicht erst wieder in einem möglichen Halbfinale heißt: »Ausverkauftes Haus«?


Baglan: Das Stichwort Fans sorgt bei mir sofort für eine Gänsehaut. Was unsere Anhänger da geleistet haben, war der Hammer, das war ,mainzigartig', so sagt man glaube ich, oder? Wenn man bedenkt, dass wir die einzige Großstadt in der Ringer-Bundesliga sind und es dadurch bei uns natürlich ganz andere Freizeitmöglichkeiten gibt. Diese Unterstützung, diese Emotionen, die auch immer fair dem Gegner gegenüber waren, das war schon klasse. Dafür können wir uns auch jetzt nur noch einmal bedanken und wollen uns natürlich auch revanchieren. Nicht nur mit tollen sportlichen Leistungen, sondern auch mit speziellen Aktionen. Da gibt es viele Ideen, gerade was Mitgliedschaft und Dauerkarten angeht. Aber das ist jetzt noch nicht spruchreif. Was wir auf jeden Fall weiterführen, sind so kleine Bonbons, wie einen Blumenstrauß für die lautesten Fans. Oder ein öffentliches Dankeschön auf unserer Website. Und natürlich wollen wir die Preise weiterhin so gestalten, dass jeder der Lust hat, unsere Kämpfe auch wirklich besuchen kann.

Ende Januar wurde ein neuer Vorstand gewählt, der sich von der bisherigen Führungsriege wie unterscheidet?


Baglan: Von unterscheiden würde ich gar nicht sprechen, denn der neue Vorstand besteht ja zum Teil aus Mitgliedern des vorherigen. Von daher versuchen wir den Weg, den wir bisher beschritten haben, genauso weiterzugehen. Zudem bleibt uns der bisherige Vorstandsvorsitzende, Professor Eckhardt Pick, als Berater erhalten, was mich persönlich auch sehr freut. Neu ist eigentlich nur, dass wir versuchen wollen, uns breiter aufzustellen, was die Mitgliederzahlen angeht.

Die nächsten Wochen und Monate dürften Sie vor allem damit zu tun haben, am Kader für die neue Saison zu basteln. Oder sehen wir das Erfolgsteam der letzten Runde wieder?


Baglan: Das Gesicht der Mann­schaft wird sich natürlich ein Stück weit verändern, das ist klar. Aber die Leistungsträger werden uns wohl alle erhalten bleiben. Den Jungs gefällt es hier einfach supergut, die Stimmung in der Hal­le, das Zusammenspiel zwischen Mannschaft, Vorstand, Fans, das hat Eindruck hinterlassen. Das ist nicht unbedingt alltäglich und macht uns natürlich auch ein bis­schen stolz. Und das soll auch in Zukunft so bleiben. Sprich: Wenn wir alle auch weiterhin an einem Strang ziehen - und da beziehe ich die Fans ganz ausdrücklich mit ein - ist bis zum Jubiläumsjahr 2013, also wenn der ASV 125 Jahre jung wird, vieles möglich...

Mario Bast