Heft 258 März 2012
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Mainzer Köpfe

Dietrich Elsner rückt dem Fluglärm zuleibe:

Sachlich & fundiert, engagiert & mit Biss


Dietrich Elsner
Dietrich Elsner
Manche Sätze haben es in sich. Ragen hervor aus dem ruhig-sachlichen Berichtston. All das Wissen, all die Erfahrungen und Erkenntnisse. Über Jahre angesammelt. In einen Satz gepackt. »Wenn der Flughafen weiter wachsen soll, muss man die Menschen in den Einflugschneisen absiedeln.« Absiedeln! O-Ton Dietrich Elsner, Sprecher des Arbeitskreises Fluglärm Mainz-Lerchenberg und Koordinator der Initiativen Fluglärm in Mainz und Rheinhessen. Eine Art alter Ego der Fluglärmgegner. Was treibt den 71-Jährigen an?

Dietrich Elsner ist ständig unterwegs. Im Auftrag der Ruhe. »Ich halte es für eine Unverschämtheit, dass quer über Wohngebiete Flugrouten mit einer Flughöhe von weniger als 1.000 Metern gelegt werden.«

1968 zogen Elsner und seine fünfköpfige Familie in ein Haus auf dem Mainzer Lerchenberg. »Ich will nicht zum dritten Mal flüchten müssen«, lautet eine Begründung, warum er seit seiner Pensionierung 2005 so viel Zeit mit Fluglärm verbringt.

Betroffenheit ist immer der Anstoss


Die erste Flucht fand 1945 statt. Vor den Russen aus Potsdam flohen Dietrich Elsner und seine fünf Geschwister. Die Mutter blieb mit dem gerade geborenen jüngsten Bruder in Potsdam zurück, der Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft. 1950 kam die Familie in Marxlohe, im Norden von Duisburg, wieder zusammen. Elsner ging hier zur Schule, lernte in der Thyssen-Hütte Starkstromelektriker. Das Thyssen-Stahlwerk - der Arbeitgeber, der alles beherrschte in der Region. Die Hütte, die immer weiter in die Region hineinwuchs. Wie der Frankfurter Flughafen im Rhein-Main-Gebiet.

Die zweite »Flucht« stand an, vor einem wuchernden Hüttenmonster. Sie gelang Elsner mittels einer Stelle bei IBM in Sindelfingen, seine Frau, geboren am Niederrhein, fühlte sich in Baden-Württemberg aber nicht sonderlich wohl. Das Rhein-Main-Gebiet lernte Elsner bei Aufträgen für die IBM kennen, es gefiel ihm. Den Frankfurter Flughafen schaute er sich erstmals 1965 an: »Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass jemals so viele Tiefflüge über diese Region geführt würden.«

Als Mitarbeiter für den neuen IBM-Standort in Mainz gesucht wurden, hob Elsner sofort den Finger, die Familie landete auf dem Lerchenberg. »Von der US-Raketenstation im Ober-Olmer-Wald hat man uns nichts erzählt.« Übungslärm, Panzer, Atomwaffenlagerung - »spätestens dann hatten wir Angst.« Als die Raketen weg waren, kam der Fluglärm. Am 19. April 2001 änderte die Deutsche Flugsicherung die Einflugprozeduren, der »Frankfurter Schweinehaken« führte die Flugzeuge auch über den Lerchenberg. Dietrich Elsner begann sich zu informieren und zu engagieren. Sporadisch. Im Außendienst für die IBM unterwegs, kriegte er so viel Fluglärm nicht mit, aber seine Familie. »Ich betrachte es als eine gesellschaftliche Verantwortung, jetzt, wo ich als Pensionär die Zeit dazu habe, mich entsprechend einzusetzen.« Zeit, ein Faktor für jedwedes ehrenamtliche Engagement. Betroffenheit ein anderer: »Das ist immer der Anstoß, sich zu engagieren.«

Demonstration der Machtlosigkeit


2006, als die Klage der Stadt Mainz gegen den Nordanflug in Kassel abgelehnt wurde, war Elsner dabei. Auf seinem Grundstück hat er eine eigene Fluglärmmessstation eingerichtet. Deren und die Daten von weiteren Stationen informieren auf der Webseite www.dfld.de über Details des Fluglärms. Während des Erörterungstermins zum Planfeststellungsantrag für die Nordwestbahn in Offenbach war er dabei. »Zwei Sätze, in sieben Zeilen genügten als Antwort auf die 150.000 Einwendungen, die in 101 Tagen Erörterung abgehandelt wurden und, um uns unsere Machtlosigkeit zu demonstrieren.« Gleich ob die Anhörung, die Mediation, das Regionale Dialogforum oder jetzt das Forum Flughafen und Region: »Alles sind Durchsetzungsstrukturen der Fraport, die Bürger haben gegen diese Strukturen keine Chance.«

Resignation? Bitterkeit?


»Nein, wir müssen diese Strukturen aufbrechen.«

Es folgt das fundierte Vokabular des engagierten Fluglärmgegners, der weit über den Tellerrand der eigenen Betroffenheit blickt.

Die Umweltbelastungen des Flugverkehrs: Welche Wirkungen haben die Kondensstreifen, die Emissionen für Starts und Landungen müssen berechnet werden. . Das Arbeitsplatzargument: Es wird immer bloß gezählt, was am Flughafen entsteht, dabei ist es ein altes physikalisches Gesetz: Masse zieht Masse an. Die Arbeitsplätze, die am Flughafen neu entstehen, gehen zumeist in der Region verloren. . Die Lärmgesetzgebung muss harmonisiert werden: privater Lärm, öffentlicher Lärm, Fluglärm - alles muss zusammengeführt werden auf der Basis der TA-Lärm. Die Grenze darf nicht der Durchschnittschallpegel sein, sondern der Einzelschallpegel - der weckt uns auf!...

Warum sollten nach so vielen Jahren fruchtloser Proteste ausgerechnet jetzt diese Argumente Wirkung zeigen? »Der 21. Oktober 2011 hat die Notwendigkeit und die Bereitschaft, sich zu engagieren ungemein befördert. Jetzt wissen alle, dass sie jahrelang hinters Licht geführt wurden.«

Montagsdemonstrationen, Vorbereitungen auf die Entscheidung in Leipzig, Reaktionen auf die EU-Verordnung - Dietrich Elsner ist weiter unterwegs.

SoS