Heft 258 März 2012
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Frauen + Sport

Taktik, Strategie und Psychologie

Frauen am (Schach-) Zug


Damenschach
Die Deutsche Meisterin im Einzel Sarah Hoolt aus Hamburg (rechts) und Vizemeisterin Alisa Frey lieferten sich beim TSV-SCHOTT ein spannendes Bundesliga-Spiel.

Sie sind zwar noch in der Minderheit, aber immer mehr Frauen entdecken eines der populärsten Brettspiele für sich. Das zeigen auch die zwei weiblichen Schach-Teams, die für die Sportvereine FC Vorwärts Orient und TSV SCHOTT in der 1990 eingeführten Frauenschach-Bundesliga spielen.

»Schachspielen ist für mich eine Kombination aus Strategie und Psychologie, weil man nicht einfach nur mit den Figuren Züge ausführt, sondern gegen Menschen spielt«, sagt Julia Schlein, die seit einem Jahr für den TSV antritt. »Beispielsweise schaut man sich während der Partie nicht in die Augen, das wäre unhöflich, aber die Körpersprache verrät schon, ob man sich in einer Situation wohl fühlt oder nicht.« Opfer, Gabelangriff, technisches Remis, Matt oder eine Partie aufgeben, wenn man sieht, dass »es keinen Sinn mehr macht.« Die 31-Jährige erklärt im ruhigen Ton, aber mit erkennbarem Enthusiasmus komplizierte Regeln, Begriffe und Techniken als wäre Schach das einfachste Spiel der Welt.

Auch Abiturientin Chantal Voss lässt keinen Zweifel daran, dass jeder Zug der Brettfiguren für sie eine besondere Herausforderung ist, die ihr enormen Spaß bereitet, weil sie »tiefes Denken erfordert und meinen Ehrgeiz anspornt«.

Beide gehören zum 14 Frauen starken Team, zu dem die Deutsche Vizemeisterin im Einzel, die 20-Jährige Alisa Frey, und sogar Gastspielerinnen aus Polen zählen. Bereits 1989 wurde beim TSV SCHOTT die Schachabteilung für Damen gegründet, seit fünf Jahren spielen sie in der 1. Bundesliga. In der Saison 2011/12, die von Oktober bis April andauert, könnte allerdings ihr Abstieg in die 2. Liga drohen (Anm.: Bis Redaktionsschluss lag das endgültige Ergebnis noch nicht vor). Mannschaftsführer Erich Siebenhaar sieht der möglichen neue Situation gelassen entgegen: »Das bringt uns nicht um, dann versuchen wir eben so schnell wie möglich wieder aufzusteigen.«

Entscheidungen fällen


Während der Turnierzeit zuversichtlich zeigten sich ebenfalls die Schach-Frauen vom FC Vorwärts Orient, die jedoch ihren Platzerhalt in der 2. Bundesliga Süd knapp verfehlten und somit wieder in der Regionalliga spielen. Verena Rotermund ist trotzdem optimistisch, dass es in der nächsten Saison wieder aufwärts geht. Sie ist mit über 15 Jahren am längsten dabei, und ihre Leidenschaft für den Sport ist unverkennbar: »Nicht nur mit Kreativität, Kombinationsfähigkeit und Taktieren hat das Spiel zu tun, sondern man lernt auch viele andere Schachbegeisterte kennen. Und man kann es auch auf andere Lebensbereiche übertragen, da man ständig eine Auswahl treffen und Entscheidungen fällen muss.« Die selbstständige Lektorin begann im Alter von vier Jahren über ihre Eltern mit Schach.

Auch Team-Kollegin Esther Imelmann startete in frühster Kindheit, aber »eher per Zufall, denn in einem Winterurlaub beobachtete ich, wie ein Vater seiner Tochter Schach beibrachte.« Diese interessierte sich jedoch nicht dafür, und so spielte sie stattdessen mit dem Vater, erinnert sich die Diplom-Biologin schmunzelnd und ergänzt: »Je mehr man das Spiel versteht, desto faszinierender ist es. Außerdem ist es möglich, sich permanent weiterzuentwickeln.«

Die Frauen, die vor der Gründung ihrer Abteilung in 2008 bei den Herren mitspielten und das bis heute noch tun, bilden ein Team aus neun Personen: Fünf Stammspielerinnen, zu denen Verena Rotermund und Esther Imelmann gehören, sowie vier Gäste, unter ihnen Larissa Schwarz, die im Jugendkader trainiert und 2011 Deutsche Meisterin in der Altersklasse U 14 wurde.

Fit für Turniere


In regelmäßigen Gruppen- sowie autodidaktischen Trainings, mit Unterstützung von Computerprogrammen und gemeinsamen Spielanalysen macht sich das Team fit für Turniere. Um die Mannschaft weiter auszubauen, sucht die Rheinland-Pfalz-Meisterin im Schnellschach von 2006, Verena Rotermund, noch Verstärkung: »Wir freuen uns, wenn sich interessierte Frauen bei uns melden würden.«

KH

Infos zu den Frauenschach-Clubs:
www.vorwaerts-orient.de
www.tsvschott.de