Heft 257 Februar 2012
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Vorsorgen, zum Zweiten

Die Ärztliche Patientenverfügung

Sich auseinandersetzen ist angesagt


patientenverfuegung

Im Internet ein Formular herunterladen, ausfüllen, irgendwo beglaubigen lassen, den Angehörigen eine Kopie in die Hand drücken und erklären, wo sich das Original befindet. Geklärt ist die Frage, ob und welche lebenserhaltenden Maßnahmen im Falle des Falles abgelehnt werden.

Oder auch nicht!


Dr. Peter Wöhrlin wendet sich gegen diese Art von Funktionalität, von Formalität, die dem Leben widerspreche und dem Tod, als Teil des Lebens, auch. Mitinitiator des »Rheinhessischen Modells zur Patientenverfügung« argumentiert der Mainzer Neurologe auf der Basis eines ethisch-moralischen Verständnisses von Leben - das den Tod mitdenkt und mitfühlt. Sterben müsse als ein Teil des Lebens empfunden werden, jeder Mensch müsse sich grundlegend darüber klar werden, welche Auswirkungen eine Patientenverfügung haben könne.

Ärzte würden zum Vollstrecker eines Willens, dessen Tiefe und Ehrlichkeit sie nicht abschätzen könnten, so ein Gedankengang, der Ärzte als »natürliche« Ansprechpartner für die Abfassung der Patientenverfügung sieht: Beratung kontra diejenige Oberflächlichkeit, die sich unsere Gesellschaft im Umgang mit dem Tod von Menschen angewöhnt habe.

Dementsprechend basiert das von der Bezirksärztekammer erarbeitete Konzept »Ärztliche Patientenverfügung« auf dem vertrauensvollen Verhältnis zwischen Patient und Arzt, erkundet wird die Ernsthaftigkeit des Patientenwillens.

Rein formal gesehen haben alle Ärzte, die gemäß diesem Konzept arbeiten, eine Art Weiterbildung absolviert, in der insbesondere ethische Fragestellungen behandelt werden. Entwickelt hat das Curriculum der Neurologe und Psychiater Wöhrlin, die entsprechenden ethischen Bausteine brachte Prof. Dr. Norbert Paul, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Mainzer Unimedizin ein.

Ebenso formal sieht das Modell zwei Beratungsgespräche zur Erstellung einer ärztlichen Patientenverfügung vor. Im ersten Gespräch soll nach Wöhrlins Angaben ein Bild des Patienten und seiner Wertvorstellungen entstehen. Der Arzt solle auch über medizinische Möglichkeiten aufklären und einen ersten Entwurf der Verfügung erstellen. In einem zweiten Gespräch werde die Patientenverfügung erstellt. Der Patient erhalte von der Bezirksärztekammer einen Ausweis, auf dem vermerkt sei, wo die Patientenverfügung hinterlegt, wer beratender Arzt und wer Bevollmächtigter ist.

Klar ist, diese »medizinische« Leistung kann über keine Krankenkasse abgerechnet werden, sondern muss von den Patienten selbst bezahlt werden. Abgerechnet wird sie als »Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL)« nach einer mit der Bezirksärztekammer vereinbarten Gebührenordnung. Abhängig von der Intensität der Beratungsgespräche ist der Höchstbetrag mit 235,95 Euro festgesetzt. Darin enthalten sind die Kosten für Erstellen und Ausfüllen der Patientenverfügung, die Aushändigung zweier Exemplare an den Patienten sowie der Archivierung des Ärzteexemplars in Höhe von 40,23 Euro.

Im Gespräch mit dem Neurologen entsteht eine Ahnung, welche Wirkung diese Beratungsgespräche entfalten können - und wohl auch sollen. Wöhrlin schildert Situationen, in denen die vermeintliche Eindeutigkeit des Patientenwillens infrage gestellt werden muss. Und berichtet von Menschen, die aus sachlicher Unkenntnis von Behandlungen und den daraus resultierenden Ängsten voreilig bestimmte lebenserhaltende Maßnahmen ablehnten. Es geht um Menschen, die trotz der erklärten Ablehnung von Magensonde oder Beatmung ernährt und mit Sauerstoff versorgt, das vermeintlich anstehende Ende »überlebt« haben und nun wieder munter durchs Leben gehen.

Grenzen gesetzt


Dabei wird klar, das Ende von irgendwie die Körperfunktionen aufrechterhaltenden Maßnahmen ist nicht nur ein Knopfdruck oder Handgriff. Dem Trachten nach lebenslanger persönlicher Autonomie, dem Streben nach stetiger eigener Entscheidungsfähigkeit sind im Angesicht von Sterben und Tod Grenzen gesetzt. Die durch eine Patientenverfügung überwunden werden sollen. Damit der Wille des Einzelnen auch dann geschehe, wenn er ihn nicht mehr artikulieren kann. Damit der Mensch bis zum letzten Atemzug handlungsfähig bleibt.

Diese und ähnlich motivierte Grundgedanken, die den wenigsten bewusst sein dürften, können anhand solcher Gespräche deutlich werden. Der allzu eilfertigen, rein formalen »Erledigung« der Sache Patientenverfügung dürfte so tatsächlich ein Riegel vorgeschoben werden. Von Vorteil dürfte es zudem sein, wenn diese Gespräche mit dem Arzt stattfinden, der den Patienten über viele Jahre hinweg begleitet. Außerdem kann allein die sachliche Erläuterung von lebenserhaltenden Maßnahmen, ihren Wirkungen und ihrer Reichweite helfen, Vorurteile und Ängste abzubauen.

Fachlich qualifiziert


Für eine ärztliche Patientenverfügung mag auch sprechen, dass für den behandelnden Arzt allein die Tatsache, dieser Wille wurde im Beisein, Einklang mit einem Berufskollegen formuliert, der Durchsetzung des Willens förderlich ist.

SoS

Fazit:
Wer eine Patientenverfügung als sinnvolle und/oder notwendige Willensbekundung für eine Situation, in der keine eigenständige Entscheidungsfähigkeit mehr gegeben ist, erachtet, sollte sich mit deren Inhalten genau auseinandersetzen. Am besten gemeinsam mit den Bevollmächtigten - die müssen sicher sein, dass sie umsetzen, was tatsächlich gewollt ist. Das beinhaltet auch die Kenntnis der medizinischen Maßnahmen, die abgelehnt werden sollen. Der Arzt des Vertrauens ist dazu ein, auch fachlich qualifizierte Ansprechpartner. Dass diese Auskünfte nicht kostenlos gegeben werden, ist nachvollziehbar. Ob es unbedingt eine ärztliche Patientenverfügung sein muss, muss jeder selbst entscheiden.

Infos:
www.gesundheitsseiten.de/patientenverfuegung.php