Heft 257 Februar 2012
Werbung




Ausgehen

Rauchen in Mainzer Kneipen:

Draußen immer, drinnen immer seltener


Toto Benjrid
Toto Benjrid ist der Pächter des »Krokodils«. Seit 2011 geht er zum Rauchen vor die Tür

Toto Benjrid nimmt einen Zug von seiner Zigarette und ascht in den Aschenbecher auf dem Bistrotisch vor sich. Er hat seine dicke Winterjacke über die Kellnerschürze gezogen, denn im »Krokodil« muss er zum Rauchen raus vor die Tür. Toto Benjrid ist der Pächter der Gaststätte. »Früher hat man zuerst gegessen und danach geraucht. Das ist jetzt eben anders«, sagt er. Zwei Stammgäste von der Theke gesellen sich zu ihm und stecken ihre Kippen an. »Man hat sich mittlerweile dran gewöhnt, dass man überall zum Rauchen raus muss«, sagt einer von ihnen. Lieber wäre ihm natürlich etwas anderes.

Für Raucher, die beim Ausgehen nicht auf die Zigarette verzichten wollen, wird es in Mainz schwerer. Vier Jahre nach Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes und drei Jahre nach der Änderung zugunsten von kleinen Einraumgaststätten werden die Raucherkneipen weniger. Und das nicht immer auf Geheiß der Ordnungshüter.

Verzicht auf Umsatz


Das »Krokodil« in der Neustadt ist seit September 2011 rauchfrei. Das hat der Inhaber der Kneipe, Gerd Sieben, entschieden - auf Wunsch der Gäste. »Mehrere Stammgäste haben mich darauf angesprochen, dass sie die leckere Küche vermissen, seit wir das Angebot einschränken mussten.« Deshalb wagte er den Schritt, auf die Raucherlaubnis zu verzichten und dafür wieder Schnitzel, Rumpsteaks und Pfannengerichte zu servieren. Ob das dauerhaft so bleibt, darauf will er sich noch nicht festlegen. Wenn sich abzeichne, dass man mit nichtessenden Rauchern mehr Gewinn gemacht habe, sei es möglich, dass er wieder zum Rauchergaststätten-Prinzip zurückkehre. Es könne durchaus sein, dass viele, die auf ein Bier am Tresen kommen, jetzt früher gingen. Auf ein Stück Umsatz verzichten müsse er »so oder so«, stellt Gerd Sieben fest. Jetzt muss sich noch herausstellen, was mehr weh tut.

Das Nichtraucherschutzgesetz trat in Rheinland-Pfalz am 15. Februar 2008 in Kraft. Diese erste Version sah ein generelles Rauchverbot in allen Gaststätten vor. Kurz darauf beschied der Verfassungsgerichtshof Rheinland-Pfalz dem Landtag, dass er das Gesetz ändern müsse, um Besitzer kleiner Kneipen eine Ausnahme zu ermöglichen. Seit dem 6. Juni 2009 dürfen Betreiber von Einraumkneipen mit weniger als 75 Quadratmetern das Rauchen erlauben, wenn sie nur einfach zubereitete Speisen anbieten. Doch hier gibt es ein Problem: Was genau sind »einfach zubereitete Speisen«? Die Abgrenzung ist im Einzelfall schwierig. Brezeln oder belegte Brötchen sind einfache Speisen, Schnitzel mit Beilagen nicht, darüber besteht Einigkeit. Aber wenn heiße Würstchen eine einfache Speise sind, sind es aufgebackene Baguettes dann auch? Wenn nein, warum nicht? So mancher Wirt musste seit der Gesetzesänderung einige Kämpfe ausfechten, bis das Ordnungsamt zufrieden mit seinem Angebot war.

Die »Fiszbah« in der Mainzer Neustadt wies sich bis Mai 2011 als »Raucherlounge« aus. An den Abenden von Montag bis Samstag durfte hier zu Bier und Cocktail gequalmt werden. Der Sonntag blieb rauchfrei, denn dann bietet die Kneipe Frühstück an. Doch dann kam das Ordnungsamt und erklärte diese Nutzung für nicht zulässig. Die Prüfer stellten die Inhaberin Irina Kremer vor die Wahl: Entweder schafft sie das Frühstück ab, oder sie muss das Rauchen ganz verbieten. Sie entschied sich gegen das Rauchen. Ob sie dadurch starke Einbußen spürt? »Für eine Bilanz ist es noch zu früh«, meint sie. Die Gäste seien geteilter Meinung: »Die eine Hälfte findet es gut, die andere Hälfte nicht.« Jedenfalls braucht sie nun mehr Personal: »Wir haben jetzt Türsteher, die aufpassen, dass die Raucher vor der Tür sich nicht zu laut unterhalten.«

Einigermaßen eingependelt


Nach Angaben der Stadt gab es im vergangenen Jahr nur noch eine einzige Beschwerde beim Ordnungsamt über Nichteinhalten des Gesetzes. 2010 und 2009 waren es zusammen fünf Beschwerden - und die nicht einmal alle zu Recht. Trotzdem: Die Raucherkneipen halten sich bei dem Thema lieber bedeckt. Auch wenn alles gesetzeskonform läuft, zitieren lassen will sich lieber niemand. Die Inhaber sind froh, dass sich der Betrieb einigermaßen eingependelt hat. Der Vermutung, dass Raucher den Kneipen den Vorzug geben, in denen sie unbehelligt qualmen können, wird allerdings widersprochen: Mehr Gäste habe man durch die Raucherlaubnis nicht gewonnen, heißt es. Außerdem seien vorher schon nichtrauchende Gäste gekommen, die sich am Qualm nicht störten und nach wie vor kämen.

»Im Großen und Ganzen halten wir die Gesetzgebung in Rheinland-Pfalz für praktikabel«, sagt Karl-Heinz Schott, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga Rheinhessen-Pfalz. Speiserestaurants und Hotels spürten durch das Nichtraucherschutzgesetz in der Regel keine gravierenden Nachteile. Nur bei den Schankwirtschaften hätte man sich etwas mehr Freiheit gewünscht, erklärt Schott. »Es wäre aus unserer Sicht besser gewesen, wenn die einzelne Kneipe hätte wählen können, ob sie sich als Raucherkneipe ausweist oder nicht.« Oder wenn der Begriff »einfach zubereitete Speisen« generell etwas kulanter ausgelegt würde. Immerhin sei es gut für die Kneipen mit mehreren Räumen, dass sie einen Raucherraum einrichten dürfen

Alice Gundlach