Heft 257 Februar 2012
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Mainzer Köpfe

Tom Peifer, Mitbegründer und Regisseur der Mainzer Kammerspiele

»Theater ist eine Passion, die ich lebe.«


Tom Peifer
Tom Peifer, Mitbegründer und Regisseur der Mainzer Kammerspiele

Mit Tom Peifer einen Erkundungsgang durch sein Leben zu machen, geht nicht, ohne die Geschichte der Mainzer Kammerspiele aus der Perspektive eines ihrer Gründer und Regisseure zu streifen. »Wir waren damals Pioniere für Mainz und sind immer noch wichtig für diese Stadt, ein integraler Bestandteil, eine Ergänzung des etablierten Theaterbetriebs und ein Werbeträger.«

Beim Streifzug durch das Peifersche (Theater-)Leben kam auch noch ein Jubiläum zum Vorschein: Vor 25 Jahren inszenierte er sein erstes Stück.


Aus der Perspektive des in Pirmasens Geborenen erschien der Studienort Mainz Ende der 1970er Jahre mindestens wie eine kleine Großstadt. Weit genug weg, um einen eigenen Weg gehen und nah genug dran, um die sozialen Kontakte aufrechterhalten zu können.

Dann kam Toronto. Das kam so.

Amerikanistik, Anglistik und Germanistik waren die Studienfächer. Aus der Freude an der englischen Sprache und der Lust am Reisen resultierte die Bewerbung für ein Auslandsstipendium. Als es schon fast nicht wahr sein konnte, klappte es. Ausgerechnet in einem Stadium heftigstem Verliebtseins. Egal. Toronto wartete.

»Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens«, sagt Peifer und: »In Toronto ist die Entscheidung gefallen, ich gehe ans Theater!«

Ans Theater mit Amerikanistik, Anglistik und Germanistik im Gepäck?

»Ich hatte nie den Traum, auf der Bühne stehen zu wollen. Fürs Theater arbeiten, ja. Aber nicht im Rampenlicht. Sondern als Regisseur. Das ist zwar ungewöhnlich, funktioniert aber.«

Vor Toronto gab es bereits Impulse für diese Entscheidung. Die Aufführung des Musicals »Hair« in der Pirmasenser Festhalle erlebt der 15-jährige Peifer als »seine Welt«: Es ging gegen den Krieg, das Ensemble bezog das Publikum mit ein. Dann die erste Studententheatergruppe 1978: »Da habe ich Oliver Blank kennengelernt.« Blank ist ebenfalls Mitbegründer der Kammerspiele und einer von vier Köpfen im Leitungsteam.

In Toronto kam Peifer mit Stücken von Sam Shepard in Berührung. Dieses Wilde, die Grenzen überspringende Spielen, mit Gesang - damals stand Patti Smith auf der Bühne - das passte, erinnert sich Peifer. Es gab dort auch Dozenten ohne akademische Ausbildung, es wurde assoziativ gearbeitet: »Anfang der 80er, das war eine wichtige, spannende Zeit fürs Theater!«

Von Toronto bringt Peifer einige Grundlagen für seine Theaterarbeit mit: »Ich habe auf der Bühne nie Grenzen akzeptiert.« Das betrifft sowohl spielerische Grenzen als auch Hierarchien: »Ich arbeite in Kollaboration mit den Schauspielern, sehe den Regisseur nicht als Lehrer. Ich will nicht dogmatisch sein und belehren, sondern Hilfestellungen geben, damit die Darsteller ihre Rollen finden.«

Auf dem Weg zu den Mainzer Kammerspielen


Seine Magisterarbeit widmete Peifer »Beyond Mozambique«, ein Stück des kanadischen Theaterautors und Regisseurs George F. Walker. Als »Jenseits von Mozambique« bringt Peifer seine Übersetzung auf die Bühne - und wollte selbst spielen. Eine Ausnahme.

Die Bühne war die kurz zuvor vom Mainzer Theater gekündigte Studiobühne in der Emmerich Josef-Straße. Die Hausbesitzerin ließ sich von den Vorteilen eines weiteren Spielbetriebs überzeugen. So startete 1984 das »Pilotprojekt Mainzer Kammerspiele«. Das Stück kam gut an, aus den geplanten sieben wurden 15 Vorstellungen.

1986 dann die offizielle Gründung der Mainzer Kammerspiele. »Wir machten anderes Theater, experimentierten auch mit den Formen. Damals nannte man das ,alternatives Theater', also eine Alternative zum etablierten Theater, später hieß es das dann auch ,freies Theater'.« Alternative versteht Peifer im positiven Sinne, ohne dogmatische Ansprüche. »Kunst ist für Menschen da, als Regisseur sage ich etwas über die Welt, gebe dem Publikum die Freiheit, darüber nachzudenken.«

»Anders« eben.

Wie die Organisationsform: eine kollektive Leitung bestimmt das Geschehen. Heute noch. »Anders« war und ist auch die Finanzierung: die Darsteller erhalten die Eintrittsgelder, d.h.: ohne Zuschauer kein Geld. Das ist ein hohes Risiko. Den organisatorischen Theaterbetrieb leiten vier Hauptangestellte gemeinsam. Deren Stellen, Miete und Nebenkosten werden mit öffentlichen Zuschüssen bezahlt.

»Wir haben immer am Limit gearbeitet und mussten die finanziellen Beklemmungen mit Ideen ausgleichen - man muss Originalität im Stil entwickeln - man hat nix, muss aber viel draus machen.« Der 54-Jährige sagt überzeugend, das mache auch noch Spaß, er könne mit tollen Kollegen zusammenarbeiten und gute Arbeit machen.

1987, vor 25 Jahren, inszenierte Tom Peifer sein erstes Stück: »Titanic: Ein Untergang. Eine dramatische Zuspitzung in sieben Bildern.« Keine in sich geschlossene Geschichte, sondern assoziative Bilder und die berühmte »vierte Wand«: Zeitungspapierrollen, auf denen der Einstieg ins Geschehen mit Schattenspielen startete, über klei­ne bis große Löcher einen Schauspieler nach dem anderen durchs Papier steigen ließ. Das Bühnenbild kostete ganze 250 D-Mark.

Tom Peifer produziert, führt Regie - und macht die Öffentlichkeitsarbeit, Sponsorensuche inklusive. Das ist schön und anstrengend. »Es ist eine Form des Freiseins, aber man steht auch ständig unter Strom.«

Haben Sie manchmal Existenzängste?

»Dazu habe ich gar keine Zeit!« Immerhin bleibt ein wenig Zeit für das Leben außerhalb des Theaters, um gemeinsam mit der Lebensgefährtin zu reisen, gute Stücke anzuschauen, Festivals zu besuchen, Musik zu hören: »Ich mag alles, was schön ist«, sagt Tom Peifer.

So wie Theater eben ist.

SoS

Hinweis:
Die Premiere des neuesten Tom Peifer-Stücks »Der Gott des Gemetzels«, eine Komödie von Yasmina Reza, findet am 1. März statt.
www.mainzer-kammerspiele.de