Heft 257 Februar 2012
Werbung




Kirchentürme

Der Gonsenheimer »Rheinhessendom«:

Den Finthern und Protestanten zum Trotz


Der Gonsenheimer Rheinhessendom
Über Gonsenheims Dächer, Aug in Aug mit dem Zwillingsturm bis zur »ebsch Seit«: Schauerlebnisse in 57 Metern Höhe.

Mainz hat zwei Dome. Neben dem bekannten, und von allen Mainzern geliebten von Erzbischof Willigis, gibt es noch den Rheinhessendom in Gonsenheim. Mindestens genauso geliebt, aber längst nicht so alt wie sein fast 1000-jähriger Bruder. Um ehrlich zu sein, ist St. Stephan um circa 900 Jahre jünger, auch wenn man es ihm nicht ansieht.

So wie der Rheinhessendom heute dasteht, sieht die Kirche nämlich erst seit 1906 aus. Natürlich gab es lange vorher eine St. Stephanskirche in dem zweitbevölkerungsstärksten Stadtteil von Mainz - aber nicht so eine. Vor allem hatte der Vorgänger des heutigen Gotteshauses nicht zwei so markante Türme. Obwohl man zugeben muss, dass der ursprüngliche Plan für den Neubau der Kirche längst nicht so pompös war, wie der tatsächlich umgesetzte. Eigentlich sollte St. Stephan seinen alten Turm behalten - doch dann kam 1900 der Neubau der evangelischen Kirche inmitten der Breiten Straße. Weil sich die Katholiken nicht an den Rand des Gonsenheimer Panoramas verbannen lassen und den Protestanten ein eigenes Wahrzeichen entgegensetzen wollten, musste man eben mit zwei Türmen auftrumpfen.

Der Gonsenheimer Rheinhessendom
In den Türmen wartet allerlei vergessenes wie diese Marienstatue, die ein zugemauertes Fenster »bewacht«.
Und weil sich die alten »Erzfeinde« aus Finthen erst kurz zuvor eine schöne neue Kirche mit einem 50 Meter hohen Turm gebaut hatten, mussten die Gonsenheimer Türme 57 Meter hoch sein. Dem Mainzer Architekten Ludwig Becker war's recht. »Der damalige Pfarrer Dominikus Grimm rief der Sage nach die Gonsenheimer auf, nicht hinter den Finthern zurückzustehen«, erklärt sein Nachfolger Hans-Peter Weindorf. »So konnte genügend Geld für den restlichen Umbau gesammelt werden.«

Heute ist all das Konkurrenzdenken längst Geschichte - egal ob mit Protestanten oder Finthern. Aber trotzdem profitieren die Gonsenheimer immer noch davon, denn von Rheinhessen aus gesehen bestimmt St. Stephan das Stadtbild. Seine zwei Türme sind einfach zu markant und zu hoch, um übersehen zu werden. Und so kann man ganz leicht feststellen, wo Gonsenheim liegt. Man kann aber auch einfach nach den doch etwas höheren Häusern der Elsa-Brandström-Straße suchen. Trotzdem der Rheinhessendom längst nicht mehr das höchste Gebäude des Viertels ist, ist er immer noch beeindruckend und hat sich seinen »Spitznamen« verdient. Der rührt übrigens daher, dass er lange Zeit die größte Landkirche der Region war. Genauso wie Gonsenheim von einem Bauerdorf zu einem beliebten Villenviertel wurde, wurde die kleine Pfarrkirche zum Rheinhessendom. In nur 100 Jahren hatte sich die Bevölkerungszahl vervierfacht. Selbst wenn nicht alle der 1905 gemeldeten 4880 Gonsenheimer Katholiken waren, eine größere Kirche war dringend nötig.

Von einem Turm zum anderen


Der Gonsenheimer Rheinhessendom
Der Holzsteg führt über das Langhaus der Kirche. Unter seinen Fußen kann man das Kuppelgewölbe von oben sehen.

Heute ist St. Stephan nur noch selten voll und deshalb ein bisschen überdimensioniert. Das weiß auch Pfarrer Weindorf. Trotzdem genießt er es, so eine imposante Kirche zu betreuen und kennt sich auch gut in ihr aus. Ein Aufstieg in die Türme ist zwar nicht alltäglich, aber augenscheinlich ist der beliebte Pfarrer schon öfter seinem Gotteshaus aufs Dach gestiegen. Die erste Zwischenstation ist die Empore. »Früher stand hier die Orgel, heute sind die Sitze hier oben meist leer.« Weiter geht es über eine Wendeltreppe in den nächsten Stock. Wie in vielen anderen Kirchen auch, wird der Turm gerne als Speicher benutzt - von der Weihnachtsdekoration bis hin zu Heiligenstatuen kann man hier einiges finden. Wobei sich die Sammelleidenschaft der Gonsenheimer in Grenzen hält. Wo genau allerdings das Kreuz an der Wand eigentlich hingehört, weiß heute wahrscheinlich niemand mehr.

Der Gonsenheimer Rheinhessendom
Pfarrer Hans-Peter Weindorf ist seit 2006 in Gonsenheim und kennt seinen Dom aus dem Effeff.
Eine Hühnerleiter weiter oben, warten eine Marienstatue, ein zugemauertes Fenster und die Überreste des alten Glockenzuges.

An der Wand haben sich Messdiener aus vielen Jahrzehnten verewigt. Hier kommt man auch in den geheimnisvollsten Teil der Kirche: Ein hölzerner Steg führt von einem Turm in den anderen und einmal längs über das Langhaus. Die Fenster sind vergittert. Tauben unerwünscht! Allerdings scheinen sich nicht alle Vögel daran zu halten und immer wieder ein Loch zu finden. Wer möchte, kann auch einen Blick durch die inzwischen zeigerlose Kirchturmuhr werfen.

Etwas wackelig, dafür aber umso höher geht es in den letzten Stock des Südturms - direkt zur großen Marienglocke. Ihre 3.050 Kilogramm Gewicht mussten 1952 durch eine aufgebrochene Turmwand über die Empore aus dem Kirchenschiff hochgehievt werden. Wer noch höher hinaus und einmal über die Dächer von Gonsenheim blicken will, der muss sich jetzt wirklich was trauen. Eine einfache, nicht sehr stabil anmutende Holzleiter führt hoch zum einzig freien Fenster des Turms - alle anderen Schallfenster sind mit Holzlamellen geschützt. Hier oben pfeift der Wind und der Blick reicht bei gutem Wetter bis nach Wiesbaden. Man kann also auch von der »ebsch Seit« die beiden Mainzer Dome sehen.

Daniela Tratschitt

Infos: www.rheinhessendom.de