Heft 257 Februar 2012
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Fastnachtsbrunnen

Narrentreiben in Bronze gegossen

Wasserspeiender Spiegel der fünften Jahreszeit


Fastnachtsbrunnen
Am 11.11. wird auf dem Balkon des Osteiner Hof das närrische Grundgesetz verlesen - mit Blick auf den Fastnachtsbrunnen (Foto: Tobias Reitmann).

»Er ist das Mainzer Denkmal schlechthin«, mit diesen Worten beschrieb der ehemalige Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs einst den Fastnachtsbrunnen am Schillerplatz. Große Worte für ein recht junges Denkmal, das in diesem Jahr seinen 45. Geburtstag feiert. Gestiftet von der Nieder-Olmer Familie Eckes-Chantré und entworfen von dem Münchner Bildhauer Blasius Spreng, ragt es seit 1967 in die Höhe und erinnert das ganze Jahr über an die fünfte Jahreszeit. Grund genug, sich einen Eindruck zu verschaffen von den mehr als 200 Figuren des Fastnachtsbrunnens.

Kopf stehen


Ein erster Blick zeigt eine Vielzahl an Mainzer Fastnachtsfiguren, die sich neben Allegorien aus der griechischen und römischen Mythologie tummeln: So gesellen sich Bacchus, der Gott des Weines, das geflügelte Pferd Pegasus und diverse Nymphen und Zentauren zu Fastnachtspräsidenten, Karnevalsprinzen und Schwellköpp. Ein buntes Treiben also, das die Welt zwischen Weiberdonnerstag und Aschermittwoch Kopf stehen lässt. Im Falle des Fastnachtbrunnens ist dies durchaus wörtlich zu verstehen - immerhin hat er die Form der umgedrehten West-Domspitze.

Fastnachtsbrunnen Jacobi-Bild
Die Impression des »Mainz-Malers« Hans Jörg Jacobi vom Fastnachtsbrunnen (aus: Hans Jörg Jacobi: Geheimnis des Fastnachtbrunnens, 1994).

Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Figur des kleinen Mönchs einen etwas nachdenklichen Eindruck macht. Sein Zugeständnis an die feucht-fröhlichen Tage ist lediglich eine Tafel, auf der drei »W« zu sehen sind. Deuten ließe sich dies als ein Symbol für »Weck, Worscht und Woi«. Das letzteres zur Fastnacht gehört wie die Schwellköpp nach Mainz, wird durch die unzähligen Weinreben, die sich am Fastnachtsbrunnen entlang ranken, verdeutlicht. Zu verdanken haben die Mainzer ihre Weintradition den alten Römern und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass ein weinseliger Römer seinen Becher aus luftiger Höhe schwenkt und den Mainzer Narren zuzuprosten scheint.

Doch nicht nur der Wein, auch die Musik ist aus der Fastnacht kaum wegzudenken. Wie sehr sie das Leben der Mainzer in den närrischen Tagen bestimmt, verdeutlicht das Bild des »Mainzer Traums«, der sich auf der zur Gaustraße hingewandten Seite des Fastnachtsbrunnens befindet.

Aufgewacht


Fastnachtsbrunnen Mainzer Traum
Der Mainzer Traum - löst sich auf unter Trompeten- und Triangel-Klängen?

Zu sehen ist ein Schlafender umringt von Orgelpfeifen, einem Trompeter und einem Mädchen mit Triangel. Wer in der Innenstadt wohnt und während der närrischen Tage des Öfteren von Garden und Fanfarenzügen aus dem Schlaf gerissen wird, kann sich sicher gut in diesen vermeintlich Schlafenden hinein versetzen. Doch Mainz bleibt eben Mainz und singt während der Kampagne aus voller Kehle. Eine Gruppe von Chorsängern und ein kleiner Pianist sind daher ebenfalls am Brunnen verewigt. Letzterer befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Präsidenten, der wiederum nicht weit vom Fastnachtsprinzen entfernt ist. Auch wenn es in Mainz nur in Jubiläumsjahren ein Prinzenpaar gibt, wurde Prinz Karneval ein Platz am Brunnen eingeräumt. Gleiches gilt übrigens auch für die Prinzessin, die hoch auf einem Wagen sitzt und den Mainzern zuwinkt. Ob diese Figur nun der Prinzessin aus dem Jahr 1963 ähnlich sieht, lässt sich nicht beantworten. Fest steht lediglich, dass in diesem Jahr Heidrun Eckes aus der Stifter Familie des Brunnens das närrische Zepter geschwungen hat.

Eigene Regeln


Fastnachtsbrunnen Pianist
Der »Pianist« - verewigt er den Liederdichter und Komponisten Toni Hämmerle?

Kein Zepter sondern einen Paragraphen schwingt indes ein Gardist, der rücklings auf einem Esel sitzt. Dieser Paragraphenreiter könnte symbolisch für die verdrehte Welt an Fastnacht stehen: Die fünfte Jahreszeit hat ihre eigenen Regeln, wie sinnvoll oder unsinnig diese auch sein mögen.

Der Katzenjammer stellt sich meist an Aschermittwoch ein, wenn man mit einem Kater im Bett liegt oder feststellt, wie teuer die närrischen Tage mitunter gewesen sind. Nicht umsonst finden sich am Fuße des Brunnens die Figuren des Katers und des Geldbeutelwäschers, der sein leeres Portemonnaie am Aschermittwoch im Rhein auswäscht.

Und vielleicht macht genau das den Mainzer Fastnachtsbrunnen zum wahren Narrenturm, wenn er in verschmitzter Till Eulenspiegel Manier dem Betrachter einen Spiegel vorhält.

Katrin Henrich

Fastnachtsbrunnen Paragraphenreiter
Paragraphenreiter oder Goldesel? Sinnbild für unsinnige Vorschriften oder für Geld?
Infos:
Das Mainzer Fastnachtsdenkmal wurde am 14. Januar 1967 enthüllt. Drei Jahre hatte die Herstellung des fast neun Meter hohen, bronzenen turmartigen Brunnens, gedauert. Die dreigestufte Komposition zeigt in der unteren Zone die handgreifliche Sphäre des Volkes. In der mittleren Zone verbindet der Künstler Mainzer Fastnachtsfolklore mit Witz und feiner Ironie. Und in der oberen Zone kommt des Menschen Wunsch zum Ausdruck, in völliger Freiheit zu den Sternen zu greifen, um dann wieder mit dem fallenden Wasser hinunter zu hüpfen mitten in das Getriebe des Alltags.

Fastnachtsbrunnen Prinzessin
Die Prinzessin - stand ihr die Fastnachtsprinzessin Heidrun Eckes (1963) Modell?
Im Laufe der Jahre überzogen dicke Kalkschichten die Figuren, der Facettenreichtum ließ sich nur noch erahnen. 43 Jahre nach seiner Fertigstellung wurde mit finanzieller Unterstützung der Ludwig und Peter Eckes-Familienstiftungen der Fastnachtsbrunnen komplett gesäubert und restauriert. Außer den Kalk­ablagerungen wurden im Sommer 2010 auch Risse beseitigt und beschädigte Figuren ergänzt. Zusätzlich installierte man eine Beleuchtung in verschiedenen Farben. Im August 2010 waren die zwölf­wöchigen Arbeiten beendet, der Brunnen erstrahlt in neuem Glanz.

www.mainz.de/Historisches Mainz: Fastnachtsbrunnen

Die Bildunterschriften zu den Figuren entstanden in Anlehnung an das Gespräch zwischen Prof. Blasius Spreng und Dr. Hans Jörg Jacobi während der Montagearbeiten des Brunnens, abgedruckt in: Hans Jörg Jacobi "Geheimnis Fastnachtsbrunnen", Edition Erasmus, 1994.