Heft 257 Februar 2012
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Fastnachts-ABC

Kleines Mainzer Fastnachts-ABC

»Dreifach donnerndes Helau«


Fastnachts-ABC Büttenredner und andere Aktive werden gern mit einem »dreifach donnernden Helau« verabschiedet. Ideengeschichtlich stützt sich die dreimalige Wiederholung des Narrenrufes auf eine Jahrtausende alte Sinngebung. Denn schon zu vorchristlichen Zeiten diente die Drei als Zahl der Vollkommenheit. Im Märchen diente die Drei vielfach den Helden als Glückszahl, hatten Außenseiter oft drei Wünsche frei, die ihnen den Weg in eine bessere Zukunft ebneten. Zur Unterstreichung einer Aussage werden bis heute in der Liturgie, aber auch im öffentlichen Leben bestimmte Aussagen dreimal wiederholt.

Helau


Fälschlicherweise oft mit Doppel-l geschriebener Narrenruf. Seit Mitte der 1930-er Jahre ist er in Mainz heimisch. Umstritten sind die Ursprünge des Wortes, das anfangs noch in keiner Verbindung zur Fastnacht stand. Einer der frühesten Belege entstammt einer Tiroler Handschrift aus dem Jahr 1603. Eng verwandt ist das Wort Helau mit unserem umgangsprachlichen »Hallo«. In den Bereich der Legende gehören Erklärungsversuche, das närrische Helau vom kirchlichen Halleluja herzuleiten - auch wenn manche Zeitgenosssen in diesem Zusammenhang gern auf das rheinische Ajuja verweisen, einen alten Narrengruß, wie er bis heute in der Eifel zuhause ist. Wie stark der Begriff von närrischen Moden abhängig ist, belegt das Beispiel der Stadt Freiburg, die 1975 das damals übliche Helau abschaffte und durch den in der Schwäbisch-alemannischen Fastnacht bekannten Ruf »Narri, Narro« ersetzte.

Fastnachtstermin


Fastnachts-ABC ELF Wie Pfingsten, Christi Himmelfahrt und Fronleichnam orientiert sich auch der Fastnachtstermin am Osterfestes. So sind insgesamt 35 verschiedene Fastnachtstermine möglich. Fastnachtsdienstag könnte also frühestens am 3.Februar (in Schaltjahren am 4. Februar) sein, spätestens am 9. März. Je nachdem, ob Ostern früh oder spät liegt, sprechen die Narren von einer kurzen oder langen Kampagne.

Der heute übliche Fastnachtstermin vor dem Aschermittwoch hat eine lange Geschichte: Anno 325 hatte die Kirche auf dem Konzil von Nicäa das Osterfest verbindlich auf den ersten Sonntag nach Frühlingsvollmond festgelegt. Knapp 300 Jahre später führte Papst Gregor I. eine 40-tägige Fastenzeit vor Ostern ein, die an die Tage und Nächte erinnern sollte, die Jesus wie vom Apostel Matthäus überliefert in der Wüste verbrachte. Nach dieser Regelung begann die Fastenzeit zunächst am Dienstag nach dem 6. Sonntag vor Ostern. Anno 1091 schließlich nahm die Kirche die sechs Sonntage vor Ostern vom Fasten aus, so dass der Beginn der Fastenzeit um sechs Tage nach vorne auf den heutigen Aschermittwoch rückte.

ELF


Die Eins neben der Eins, welche die Gleichheit aller Narren symbolisieren soll, gilt heute unstrittig als die Narrenzahl. Sprachlich hat sich die Elf aus dem althochdeutschen Wort »einlif« entwickelt, was »eins darüber« heißt, eins über zehn also. Zwischen der 10, die an die zehn Gebote mahnte, und der 12, die an die zwölf Apostel erinnerte, verwies die 11 im christlichen Verständnis auf das Kommen des Antichristen, auf Weltuntergang und Jüngstes Gericht und charakterisierte so den mittelalterlichen Narren, der allgemein als Leugner Gottes galt. Wissenschaftlich umstritten ist, wie sehr die Elf vor der Fastnachtsreform Anfang des 19. Jahrhunderts das närrische Denken beeinflusste. Versuche, die Elf aus historischen Gegebenheiten zu erklären, überzeugen nicht.

Fastnachts-ABC Bläser So brachten Brauchtumsforscher die Narrenzahl mit dem Code Civil in Verbindung, der bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches im Januar des Jahres 1900 in den meisten linksrheinischen Regionen gültig war. Im elften Teil seines ersten Bands war dort zu lesen: »Der Großjährige, der sich gewöhnlich in einem Zustande von Blödsinn, Wahnsinn oder Raserei befindet, muss entmündigt werden, selbst, wenn in diesem Zustande lichte Zwischenräume eintreten«.

Immer noch ihre Anhänger hat auch die Deutung der Elf, die sich auf die Anfangsbuchstaben der Wörter Egalité, Liberté und Fraternité bezieht - auf Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, den Grundprinzipien der französischen Revolution. Allerdings lautet die Parole im Original Liberté-Egalité-Fraternité, was eine Beziehung zur Narrenzahl verbietet.

Vermutlich rückte die Elf erst in den Blickpunkt, nachdem die Vordenker und Literaten der organisierten Fastnacht die Narrenzahl in Mode brachten. In Mainz tauchte die Elf schon 1838 als allegorisch-närrische Zahl auf, bezeichnete sich die Ranzengarde als das »elfte Ranzenbataillon der Narrheit«. Und in einer Anzeige lud der MCV um »11 vor 11« zur Posse ins Theater.

Ritzamba(n)


Manche Mainzer nennen den Narrhallamarsch auch »Ritzamba« und erzählen dazu gern die Geschichte von einem historisch nicht belegbaren französischen General ähnlich klingenden Namens, der den Mainzern die Fastnacht einst verbieten wollte. Aus Protest seien die Mainzer dann singend vor seiner Residenz aufgezogen: »Ritzamba, Ritzamba, morsche fängt die Fassnacht a.«

Humba Täterä (Humbta Täterä)


Fastnachts-ABC Kinder Schon bei der Präsentation des Fastnachtsschlagers im Rahmen der Fernsehsitzung 1964 forderten die Sitzungsgäste immer wieder Zugaben. Kurz darauf konnte sich Ernst Neger mit dem Titel sogar in den deutschen Top 20 platzieren. Dem Komponisten Toni Hämmerle soll der Hit bis zu seinem Tod rund 60.000 Mark an Tantiemen eingebracht haben. Musikexperten verweisen auf die musikalischen Analogien zum kommunistischen Weltjugendlied: »Unser Lied die Ländergrenzen überfliegt, Freundschaft siegt, Freundschaft siegt.« Seit Mitte der 1990er Jahre gehört das Humba zu den Schlachtgesängen der Mainz 05-Fans, die nach jedem Sieg einen herausragenden Spieler oder den Trainer mit der Humba hochleben lassen.

Kokolores


Mainzer Ausdruck für alle nicht politisch-literarischen Vorträge. Wahrscheinlich geht der Begriff auf das pseudo-lateinische »cockalorum« zurück, mit dem man einst überzogene Gelehrsamkeit zu charakterisieren suchte. Eitles Prahlen also, das man vielen Narren bis heute gerne nachsagt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat Kokolores oder ähnlich klingende Begriffe in vielen deutschen Dialekten nachgewiesen, wo er meist für Unsinn oder dummes Zeug steht. Außerdem verweisen die Sprachforscher auf den Schrei des Gockelhahns, der dem Begriff Pate gestanden haben soll. Damit wäre, einmal ganz närrisch formuliert, eine Kokolores-Rede die Darbietung eines stolzen, Aufmerksamkeit heischenden Vortragenden, der so verbal sein Revier markiert.

Schockelgaul


Traditionell thront der General der Kleppergarde auf einem überdimensionierten Schaukelpferd, mit dem der Kleppergardegeneral den General der Ranzengarde lächerlich machte, der meist auf einem richtigen Roß in die närrische Schlacht zog. »Und dann gar auf dem Schockelgaul, der so entsetzlich müd` und faul, dass er gefahren werden muß, der General und Isimuss, wie sitzt er kriegerisch und stolz auf seinem Schlachten-Pferd aus Holz als hielte er am heut´gen Tag Europa durch sein Heer in Schach«, beschrieben Beobachter seinen Aufzug 1859, an dem sich bis heute kaum etwas geändert hat.

Stehung


2011 vom Gonsenheimer Carneval Verein eingeführte neue Form der Saalfastnacht mit ausschließlich musikalischen Elementen und wenigen Comedy-Einlagen. Der Name verweist darauf, dass es bei dieser Veranstaltung keine Sitzplätze gibt und das Publikum an kleinen Stehtischen den Abend verbringt. Mehr Party als Sitzung kommt das neue närrische Format dem Unterhaltungsbedürfnis vor allem junger Menschen entgegen.

Die Begriffsklärungen entstammen dem »Mainzer Fastnachts-ABC / Fakten, Legenden, Anekdoten« von Günter Schenk, das vor kurzem im Leinpfad Verlag (Ingelheim) erschienen ist.

Spectator