Heft 256 Januar 2012
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Mainzer Köpfe

Generalmusikdirektor Hermann Bäumer:

Mit Motivation geht alles besser


Generalmusikdirektor Hermann Bäumer
Fußballtrainer und Orchesterdirigent haben viel gemeinsam, davon ist Generalmusikdirektor Hermann Bäumer überzeugt.

Ohne Bewegung - das geht nicht! Der Fuß wippt. Die Hand unterstreicht. Ein Takt oder gar eine Melodie sind allerdings nicht erkennbar. Hermann Bäumer dirigiert. Zwar nicht das Gespräch. Aber das Orchester des Mainzer Staatstheaters. Seit seinem Amtsantritt als Generalmusikdirektor in dieser Spielzeit hat er schon viel Beifall eingeheimst. »Die Zuschauer hier sind enthusiastischer, sie drücken ihre Zustimmung auch mit Bravo-Rufen aus. Das ist schön - und ungewohnt.«

Zurzeit, noch bis Ende Januar, ist Hermann Bäumer auch Generalmusikdirektor in Osnabrück. Die zurückhaltenderen Zustimmungsbekundungen der Nord- bis Mitteldeutschen sind dem gebürtigen Bielefelder vertraut. Gleichwohl vermag er Anerkennung hier wie dort herauszuhören. Als wir uns treffen, liegen einige Stunden Proben hinter dem Dirigenten. Vor ihm liegt das erste »Konzert für junge Leute« unter seiner Leitung am Abend. Seine Antworten, Schilderungen fließen nahezu druckreif über die Lippen. Durchdacht, besonnen und engagiert.

Musik ist für ihn: »Alles!« Mit sechs Jahren begann der Klavierunterricht. Die Eltern, beide Friseure, wollten, dass es ihren drei Kindern besser ergehe. Was ihnen selbst durch die Kriegs- und Aufbaujahre nicht vergönnt war, sollten die beiden Töchter und der Sohn erleben dürfen: Musik, Literatur, Kunst. »Meine erste Posaune war teurer als unser Auto damals und mein Vater hat bis zu seinem Tod von meiner Freude über dieses Instrument geschwärmt«, erinnert sich Bäumer. »Mir war die Leistung, die sie erbracht haben, um uns das zu ermöglichen, immer sehr bewusst.« Nach dem Abitur (Musik, Mathe, Sport) leitete Bäumer als Zivildienstleistender in den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld den Posaunenchor, gab Instrumentalunterricht, organisierte Jugendfreizeiten mit den Kindern. »Ich finde es gut, wenn man eine Zeit, wie damals diese 18 Monate, damit verbringt, anderen Menschen und dem Staat etwas zurückzugeben. Man lernt selbst auch noch viel dabei.«

In Detmold studierte er Schulmusik, in Leipzig Dirigieren. Als Posaunist war er lange in Berlin, am Pult stand er u.a. in Bremen, Oslo, Bamberg, Chemnitz, Hannover. »Ich war drei, vier Monate im Jahr mit Orchestern unterwegs, dabei verändert sich auch der Blick auf die Heimat, auf das Vertraute.« In Mainz stand Bäumer 1985 schon einmal auf der Bühne: Als Teilnehmer des damals hier ausgetragenen Wettbewerbs »Jugend musiziert«.

Das Orchester als Mannschaft?

Bäumer wirkte in Orchestern 16 Jahre als Musiker, acht Jahre als Dirigent - er kennt beide Seiten des Zusammenspielens. Es scheint eine gute Voraussetzung. Für eine langjährige, gemeinsame Weiterentwicklung von Orchester und Dirigent. »Ich bin mit offenen Armen in Mainz aufgenommen worden. Und die Arme sind noch immer offen.« Es könnte an seiner geradlinigen Art liegen. Bestimmt auch am Führungsstil.

»Es ist meine Aufgabe zu führen und meine Ansprüche durchzusetzen. Aber ich muss auch erklären, begründen können, meine Entscheidungen und Vorgaben müssen nachvollziehbar sein, damit die Musiker folgen wollen und können.« Ein Dirigent könne noch so gut sein, wenn das Orchester nicht mitziehe, werde er keine Höchstleistung bringen können. »Es ist wie im Fußball!« Fußball? Der Dirigent als Trainer, das Orchester als Mannschaft? »Die beiden Spielarten haben viel gemeinsam«, ist Bäumer überzeugt. In beiden Teams müssten die Fähigkeiten jedes Einzelnen gefördert, die Einzelleistung der Musiker so integriert werden, dass eine hervorragende Gesamtleistung daraus werde.

Dirigieren als Fitnessprogramm?

Alle Sinne hochkonzentriert und ganzen Körpereinsatz bringt Bäumer beim stundenlangen Proben ebenso, wie bei den Aufführungen - was macht der 46-Jährige als Ausgleich? »Kochen und Backen, denn beim Schnibbeln und Kneten kann ich gut entspannen.« Dabei »stört« noch nicht einmal Musik: »Ich freue mich über jeden Moment der Stille und Ruhe.« Für Sport bleibt ob des beruflichen »Fitnessprogramms« keine Zeit. Außerdem spielen Frau und zwei kleine Söhne eine nicht unwesentliche Rolle. Das zu verknüpfen dürfte einfacher sein, wenn im Januar die ganze Familie eine Wohnung in Mainz bezieht. Dann kann es richtig losgehen, mit der Erkundung der Mainzer »Besonderheiten«. »Ich freue mich auf die Fastnachtique, die am 11. und 12. Februar auf dem Programm steht. Und auf die Straßenfastnacht!«

Außerdem sind die Opernproduktionen der nächsten Spielzeit zu planen, die Kooperationen mit anderen Institutionen sollen erweitert und vertieft werden, z.B. die Konzerte im Dom, und im April nimmt das Orchester eine CD auf. Hermann Bäumer weiß, dass unter finanziellen Gesichtspunkten die kommenden Jahre auch für das Orchester nicht einfacher werden. »Wie gehen wir sinnvoll mit dem vorhandenen Kapital um, wo setzen wir Prioritäten«, sind Fragen, die beantwortet werden müssten. Bewusst ist sich der Generalmusikdirektor, dass es dabei auch um Steuergelder geht: »Ich sehe das als eine Verantwortung.« Außerdem gelte es nicht nur den musikalisch-künstlerischen Ambitionen, sondern auch den Ansprüchen des Publikums zu folgen. Wiederum ist ein Miteinander gefragt. Hermann Bäumer bleibt in Bewegung.

SoS