Heft 256 Januar 2012
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Fluglärm

Neue Flugrouten zur Nordwestbahn treffen den Stadtteil besonders hart

Die Oberstadt in Aufruhr


Fluglärmdemo

22. Oktober, Samstagmorgen kurz nach 5 Uhr - die Oberstadt ist wach. Es dröhnt, donnert, faucht über den Dächern. Spätestens jetzt, zu dieser frühen Morgenstunde, wissen die Bewohner, was die tags zuvor eröffnete neue Nordwestbahn-Landebahn am Frankfurter Flughafen für sie bedeutet. Überflüge in 870 Meter, eine Maschine nach der anderen. Von 5 Uhr morgens bis zum Nachtflugverbot ab 23 Uhr. Sechs Stunden Pause, um 5 Uhr kommt das nächste Flugzeug. Vor allem die schweren Frachtflieger werden in diesen Nachtrandstunden reingeholt, die sind besonders laut. Viele Oberstädter haben ihren Lebensrhythmus dem neuen Betriebsablauf am Flughafen angepasst: der tolle Spielfilm im ZDF von Martin Scorsese mit Jack Nicholson und Leonardo di Caprio um 22.15 Uhr? Geht bis 0.35 Uhr - nur viereinhalb Stunden Schlaf, das ist zu wenig. Dieses Szenario gilt nur beim sogenannten Ostbetrieb am Flughafen. Sprich, es weht Ostwind, die Flugzeuge landen von Westen kommend, immer gegen den Wind. Diese Wetterlage herrscht im langjährigen statistischen Mittel »nur« 25 Prozent im Jahr. Die anderen 75 Prozent werden im Westbetrieb abgewickelt, die Flieger setzen von Osten kommend auf. Jede Statistik birgt bekanntlich ihre Tücken, so auch diese. Seitdem die Nordwestbahn am 21. Oktober in Betrieb genommen wurde, herrschte anschließend drei Wochen lang fast ausschließlich Ostwetterlage. Eigentlich völlig untypisch, aber bittere Realität für die Oberstädter, die zu den Hauptgeschädigten der neuen Situation in Mainz gehören. Im Nachhinein betrachtet ein Weckruf im wahrsten Wortsinne, der zu einem ungeahnten Engagement im Stadtteil geführt hat. Der Grund allen Übels ist die Verlegung der Flugrouten wegen der mittlerweile vierten Piste am Rhein-Main-Airport. Der sogenannte nördliche Gegenanflug bei Ostbetrieb führt zunächst über zahlreiche Kommunen im Main-Taunus-Kreis, Wiesbaden und den Rheingau. Dann drehen die Flugzeuge über Rheinhessen in den Endanflug ein, der über Mainz, Hochheim, Flörsheim auf die neue Bahn führt. Das hätte man theoretisch wissen können, die entsprechenden Flugkarten waren lange vorher auf den Internetseiten der Deutschen Flugsicherung zu finden. Viele Menschen hat es schlicht nicht interessiert, aber auch diejenigen, die sich informiert hatten, sind vom praktischen Ausmaß der Lärmbelastung überwältigt. »Dass es mehr wird, habe ich ja gewusst, aber so schlimm, das hätte ich mir nie vorgestellt«, so lautet ein Satz, den man immer wieder in Gesprächen mit Oberstadt-Bewohnern hört. »18 Stunden am Tag«, stöhnt ein Anwohner, der neben dem Krach über seinem Haus auch noch am Arbeitsplatz im ebenfalls unter der Endgerade liegenden Gustavsburg unter dem Fluglärm leidet.

Lärmmessung
Lärmmessung vom 22.10., dem »Tag danach«: ab 5.30 Uhr donnerte eine Maschine nach der anderen mit bis zu 70 Dezibel über die Oberstadt

Initiative ergreifen, Petiton unterschreiben

Aber untätig sind sie nicht geblieben, die Oberstädter. Bereits fünf Tage nach der Bahneröffnung machte der Aufruf zur Gründung einer Bürgerinitiative die Runde. Die firmiert inzwischen unter dem Namen »Initiative gegen Fluglärm Mainz Oberstadt« und verzeichnete Mitte Dezember bereits 1500 Mitglieder. Ziel zum Jahresende waren 3000. Auch zwei Hausbesitzer vom Albansberg ergriffen die Initiative. Die beiden Juristen luden einen in Flughafen-Klagen erfahren Verwaltungsrechtler aus Frankfurt zu einer Informationsveranstaltung ins Gemeindehaus der evangelischen Luthergemeinde, wo er über die Klagemöglichkeiten gegen die Lärmbelästigung referierte. Rund 250 Menschen drängten sich im viel zu kleinen Saal, sie saßen teilweise auf dem Boden und standen noch draußen im Foyer. Aufrufe zur Unterzeichnung einer Online-Petition mit dem Titel »Besserer Schutz der Bevölkerung des Rhein-Main-Gebietes vor Fluglärmbelastung« machten nicht nur per E-Mail die Runde, entsprechende Zettel mit Abrissfähnchen klebten an zahlreichen Gartenpforten in der Oberstadt. Gut 33.000 Unterzeichner trugen sich insgesamt ein, darunter mehr als 2000 Petenten aus den Oberstadt-Postleitzahlen 55128 und 55131.

KOMMENTAR

»Taschenspielertricks beruhen auf Täuschung des Zuschauers, die der Künstler durch Fingerfertigkeit und Ablenkung bewirkt.« (Wikipedia) Einerseits die große Firma Fraport. Zielgerichtet mit Geld ausgestattet, um Fachleute zu bezahlen, die den Weg frei machen. Andererseits entrüstete Bürger, die sich mühsam Fakten zusammen suchen müssen, die man mit langatmigen Prozessen in endlose Sackgassen geführt hat - und in der Zwischenzeit konnte die Fraport in aller Ruhe die Gesetze ändern. Damit an dieser Front nichts mehr in die Hose geht. Das ist ein Lehrstück dafür, wie man in einer Demokratie mit den Bürgern umgeht und sie ins Leere laufen lässt. Beschäftigen, verwirren, ablenken und dem Opfer dann noch erzählen, es wäre alles zu seinem Besten. Wikipedia sagt zum Hütchenspiel: »Durch geschickte Inszenierung wird dem Opfer das irrige Gefühl suggeriert, man könne aus dem Spiel als Sieger hervorgehen. Durch gleichzeitige Manipulation hat das Opfer aber faktisch gar keine Chance.« Ergo: Taschenspielertricks made in Frankfurt. Die Bürger wollten keine gewalttätigen Proteste: »Das macht man anders. Wir leben doch in einem Rechtsstaat«. Nach jahrzehntelangem ordentlichen Vorgehen müssen die gut situierten Bürger erkennen, dass sie genauso weit gekommen sind, wie die langhaarigen Protestler aus den 1970- und 1980er Jahren, die gegen die Startbahn West aufbegehrten. Nachdem im März 1968 vom Verkehrsminister erlassenen Planfeststellungsbeschluss wurden schon damals 44 Anfechtungsklagen erhoben. Über die Jahre kamen Klagen über Klagen. Am Ende steht der Bürger mit leeren Händen da - die braucht er jetzt auch, damit er sich die Ohren zuhalten kann. Die Fraport hat in den 43 Jahren gelernt, dass man am Ende immer erfolgreich ist. Die Kumpanei zwischen Politik und Fraport und zugleich die Arroganz der Erfolgsverwöhnten hat sie allerdings leichtsinnig werden lassen und zu einer gigantischen Fehleinschätzung verleitet: Gesundheitsgefährdende Schallwerte über den Innenstädten und Krankenhäusern mobilisieren jetzt eine kritische Masse, die man nicht mehr einfach abspeisen kann. Rechtsanwälte, Mediziner, Unternehmer entschließen sich zum Protest, weil Sie selbst betroffen sind und sich sowie ihre Familien schützen müssen. Das Establishment schüttelt den bürgerlichen Staub aus den Perücken und muss erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass man sie, die vermeintlichen Stützen und Leistungsträger der Gesellschaft, genau so wenig ernst nimmt wie die bunte Demonstrantenschar aus den 70er und 80er Jahren. Wie steht denn der erfolgreiche Jurist vor seiner Familie da, wenn er noch nicht einmal die eigene Familie vor gesundheitlichen Schäden schützen kann? Und die Kollegen aus der Kanzlei nicht mehr zum sommerlichen Grillfest einladen kann, weil man sein Wort im Garten nicht mehr versteht? Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht. Jetzt ist der Krug gebrochen. Die Bürger beginnen, sich zu mobilisieren und zu formieren. Es geht ums Ganze, ums Überleben der Familien. Man stellt die Sinnfrage: Entwicklung der Region gegen die Gesundheit der Bürger? Gewählte Politiker als Vertreter des Volkes? Welchen Volkes - auf jeden Fall nicht der Bürger im Rhein-Main-Gebiet. Das spitzt sich zu auf die Grundsatzentscheidung, ob überhaupt noch weiter ausgebaut werden darf oder wie viel Lärm und Verkehr einer Region zugemutet werden kann? Muss der Frachtverkehr, der Transitverkehr überhaupt in Frankfurt abgewickelt werden? Die Fraport wird noch einmal froh sein, wenn ihr die Fragen, über die man jetzt kalt lächelnd hinweg gegangen ist, überhaupt noch einmal stellt: Lärmvermeidung. Die Forderungen werden in der Zukunft auf den Rückbau, die Verlagerung und letztendlich die Stilllegung hinauslaufen.

WHO

Überwältigender Zulauf

Die Mitglieder der Initiative organisierten gemeinsame Gruppenfahrten zu den Montagsdemonstrationen am Flughafen. Wöchentlich stieg die Zahl der Teilnehmer im Terminal 1 an, auch die Oberstadt war mit etwa 250 Abgesandten vertreten, wie Jochen Schraut schätzt. Der Architekt ist Gründer und inzwischen Vorsitzender der Oberstädter Initiative. Er zeigt sich überwältigt von dem Zulauf binnen weniger Wochen. Es gebe dort eben engagiertes Klientel: Familien, Gartenbesitzer, »Betuchte«. Es hätten sich sofort Juristen gemeldet, ein Online-Experte, mit dessen Hilfe rasch eine professionelle Internetseite geschaffen wurde. Physiker, Techniker, Piloten und ein Mitarbeiter der Flugsicherung sorgten für Sachverstand. »Wir müssen dranbleiben«, sagt Jochen Schraut, »wir haben vor allem Angst vor der Sommerzeit«. Dann herrschen oft Hochdruckphasen mit beständiger Ostwetterlage. »Auch da wollen wir bei offenem Fenster schlafen und im Garten grillen!«

Christoph Barkewitz