Heft 256 Januar 2012
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Enthüllen

Verstecken und Bedrohen

Symbole und Codes der rechten Szene


Thor Steinar Hemdchen
Markenqualität verbreitet »rechte Botschaft«: Thor Steinar.


Thorshammer
Die 88 ist ein eindeutiges Nazisymbol, der Thorshammer nicht.


Mainzer bei einer Demo gegen Rechtsextremismus im Dezember.
Mainzer bei einer Demo gegen Rechtsextremismus im Dezember.


Nullfünf-Fans gegen Rassismus
Nullfünf-Fans gegen Rassismus: Rote Karte für rechtes Gedankengut.

Die rechte Szene ist seit den Terrorismusenthüllungen in aller Munde. Die Frage, ob man besser hätte hinsehen müssen beschäftigt Medien und Politik gleichermaßen. Doch nach was hätte man Ausschau halten sollen? Oder anders gefragt: Gibt es eindeutige Symbole, die ihre Träger der rechten Szene zuordnen?

»Rassismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen« - steht auf einem Plakat in den Räumlichkeiten des Netzwerks für Demokratie und Courage (NDC) in Mainz. Hier finden sich Antworten auf Fragen zum Thema Rechtsextremismus und eine wichtige Erkenntnis: Es ist längst nicht mehr der Skinhead mit Baseballschläger, Bomberjacke und Hakenkreuzanhänger, der das Bild der rechten Szene bestimmt. Das Erscheinungsbild tastet sich vielmehr immer weiter hinein in den Mainstream und verweilt auf dem Weg dorthin häufig im Graubereich. Symbole und Trends der Linken, aus der Graffiti- oder Rockerszene werden übernommen und abgewandelt, selbst das Palästinensertuch wird für die eigenen Zwecke adaptiert. Gibt es da überhaupt noch eindeutige Zeichen und Symbole, die eine Zugehörigkeit in die rechte Szene verdeutlichen?

Klar politisch

»Ja die gibt es«, meint Tim (Name von der Redaktion geändert) vom NDC und fügt hinzu: »Oft bewegen sich die Neonazis im Graubereich, auch um sich einer möglichen strafrechtlichen Verfolgung zu entziehen. Sie wählen Symbole, die sie nicht eindeutig als Nazis stigmatisieren, die aber trotzdem klar politisch sind.« Ein wichtiges Erkennungsmerkmal seien in diesem Zusammenhang bestimmte Zahlencodes, die wiederum für einzelne Naziparolen stehen. »Da gibt es zum Beispiel die 88, die für ,Heil Hitler' steht«, weiß Tim. Ein weiteres Beispiel ist die Nummer 28: ein Synonym für »Blood and Honour« (Blut und Ehre), ein in Deutschland verbotenes international agierendes Nazinetzwerk, das sich vor allem auf den Vertrieb rechtsradikaler Musik spezialisiert hat. Das Austauschen der Buchstaben durch ihre Platzierungsnummer im Alphabet ist also eine beliebte Methode in der Naziszene. »Es ist einfach, diese Zahlen irgendwo hinzusprühen oder ein T-Shirt mit entsprechendem Aufdruck zu tragen und damit ein Statement zu setzen. Es ist außerdem eine Symbolik, die nicht von jedem direkt erkannt wird: Genau das bietet den Nazis die Möglichkeit, sich zwar auf der einen Seite zu verstecken, auf der anderen Seite aber auch zu bedrohen«, erklärt Tim. Ähnlich gestaltet es sich mit der Verwendung bestimmter Buchstabenkürzel: »ACAB« ist ein im rechten Milieu verwendeter Schriftzug und steht für »All Cops are Bastards«. Allerdings wird dieser Code nicht ausschließlich in der rechten Szene benutzt. Auch Linke oder Autonome schmieren die Buchstabenfolge des Öfteren an Hauswände.

Doch nicht nur Zahlen oder Buchstaben bieten Hinweise auf eine mögliche Zugehörigkeit zur rechten Szene, auch Bekleidungsmarken setzen eindeutige Zeichen: »Die Marke 'Thor Steinar' ist beispielsweise eindeutig der rechten Szene zuzuordnen«, sagt Tim. Ein weiteres Beispiel ist die Marke »Consdaple«: »Hier findet sich zum einen die Buchstabenfolge NSDAP im Namen wieder. Zum anderen ist der Name angelehnt an das englische Wort Constable, zu Deutsch: Schutzmann.« Weniger eindeutig gestaltet sich die Zuordnung in das rechte Milieu bei Marken wie »Pitbull« oder »Lonsdale«: »Diese Marken werden von vielen Neonazis zwar gerne getragen, allerdings ist im Umkehrschluss nicht jeder, der einen Pitbull Pullover trägt ein Neonazi«, erläutert Tim. Ähnliches gilt auch für die Verwendung von germanischen Zeichen wie etwa dem Thorshammer: »Viele Neonazis verwenden germanische Symbole oder Runen. Allerdings werden solche oder zumindest sehr ähnliche Symbole auch von Metal- oder Mittelalter Fans getragen. Diese Erkennungszeichen sind also nicht mehr eindeutig«, meint Tim und fügt hinzu: »In einem solchen Fall ist es ratsam nach anderen zusätzlichen Zeichen Ausschau zu halten, oft werden nämlich verschiedene Codes kombiniert.«

Info
Laut Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums liegt Rheinland Pfalz zwar im unteren Bereich, was rechte Gruppierungen und rechtsextrem motivierte Straftaten angeht. Dennoch gibt es auch in Rhein­hessen Zusammenschlüsse von Neonazis. Neben Aufmärschen werden dabei überwiegend Propagandadelikte begangen, wie etwa Schmierereien an Hauswänden oder das Anbringen von Plakaten und Aufklebern. Um diesem Treiben entgegen zu wirken haben sich in Mainz und Umgebung Organisationen und Bündnisse formiert, die in Sachen Rechtsextremismus Aufklärungs- und Präventionsarbeit leisten.

Der NDC legt dabei sein Hauptaugenmerk auf die Aufklärungsarbeit an Schulen. Zielgruppe sind Jugendliche ab 14 Jahren: In Projekttagen sollen sie für das Thema Rechtsextremismus sensibilisiert werden. www.netzwerk-courage.de/navigation/152.html

Auch das Bündnis »Rheinhessen gegen rechts« legt einen Schwerpunkt seiner Arbeit auf Bildungsveranstaltungen. Darüber hinaus engagiert sich das Bündnis in der Organisation von Gegendemonstrationen. www.rheinhessen-gegen-rechts.de

Deutliche Zeichen gegen rechts setzt außerdem das Bistum Mainz und der BDKJ. Unter dem Motto »Aktiv für Demokratie und Toleranz« werden hier Aufklärungsbroschüren herausgegeben und Großaktionen geplant. So konnten beispielsweise 15.000 Aufklärungs-CDs an rheinlandpfälzischen Schulen verteilt werden. www.bistummainz.de/bistum/menschen/jugend/bdkj/themen_projekte/Rechtsextremismus.html

Versteckspiel heißt eine Broschüre, die Multiplikatoren wie LehrerInnen, JugendgruppenleiterInnen oder SozialarbeiterInnen allgemeingültige Hintergründe zu neofaschistischen Jugendkulturen und deren Lifestyle bieten soll. Anstelle einer einfachen Abbildung der Symbole, wie sie in Lexika üblich ist, finden sich Fotos rechter Demonstranten oder CD-Cover. Auf jugendkulturelle Codes, also Begriffe und Abkürzungen wie >White Power< oder >14 Words< wird ebenso ausführlich eingegangen wie auf Zahlenkombinationen, mit denen strafrechtlich relevante Begriffe, Grußformeln oder Organisationszeichen verschlüsselt werden. Dadurch ist eine hohe Praxistauglichkeit der Broschüre gewährleistet. www.dasversteckspiel.de

Offenlegen

Es gibt sie also, die eindeutigen und weniger eindeutigen Zeichen, mittels derer sich die rechte Szene zu erkennen gibt. Doch was tun, wenn man mit solchen Codes konfrontiert wird? »Das kommt immer auf die Situation an. Man sollte diese natürlich zunächst einmal abwägen und sich nicht in Gefahr begeben«, meint Tim nachdenklich. Wenn möglich sollte man das Ganze aber »offenlegen«. »Die meisten der Codes leben vom Drohen aus dem Versteckten heraus. Diesem Verstecken kann nur durch Offenlegen entgegen gewirkt werden«, erklärt Tim. Oder, um es an einem konkreten Beispiel festzumachen: »Fällt einem ein eindeutiger Neonazi Code in der Schule auf, könnte man zum Schulleiter gehen und seine Beobachtungen mitteilen. In einer Kneipe könnte man dem Wirt Bescheid geben, in der Fußballmannschaft dem Trainer.« Denn: »Oftmals ist das der wichtigste Schritt: Sich bewusst werden, dass man in der Gemeinde, der Mannschaft oder der Schule ein Problem mit rechten Gruppierungen hat.«

kah