Heft 256 Januar 2012
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Ehe

Eheverträge haben viele Vorteile - aber:

Passen Vernunft und Liebe zusammen?


Ehemann denkt über die Füsse seiner Frau nach

Es ist für viele der schönste Tag im Leben - ob das Glück, das Braut­­paare bei ihrer Hochzeit empfinden ewig hält, steht auf einem anderen Blatt. »Jeder kennt die aktuelle Scheidungsrate - und da sind die ganzen Trennungen von nicht verheirateten Paaren nicht mit eingerechnet«, klärt Dr. Gisela Hilgefort, Geschäftsführerin des Mainzer Pro-Familia-Beratungsstelle auf. Dass die große Liebe oft nicht von langer Dauer ist - die durchschnittliche Ehedauer beträgt heutzutage 14 Jahre und zwei Monate - ist also kein Geheimnis. Und trotzdem wollen sich viele vor oder auch während der Ehe nicht damit beschäftigen, was werden soll, wenn es eben doch nicht der Tod ist, der das Paar scheidet.

Aus genau diesem Grund haben Eheverträge immer noch ein schlechtes Image - man will es ja nicht beschreien, dass man zu den circa 35 Prozent gehören könnte, bei denen es eben nicht klappt. Dabei gibt es nicht nur die Möglichkeit, einen Ehevertrag vor der Hochzeit abzuschließen. Im Grun­de kann man so einen Vertrag jederzeit abschließen. Die Frage ist auch, ob sich bei jungen Paaren ein Ehevertrag überhaupt lohnt. »Erst wenn es einen feststehenden Lebensplan gibt, dann würde sich ein Ehevertrag anbieten«, erklärt Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht sowie Buchautorin Heike Dahmen-Lösche mit Kanz­­leien in Düsseldorf und Duisburg. »Wenn zum Beispiel beide unabhängig voneinander Karriere machen wollen, bietet sich ein ,Komplett-Verzicht' an.

Das bedeutet Gütertrennung, Unterhaltsverzicht und Ausschluss des Versorgungsausgleichs.« Ganz anders sieht es aus, wenn von vorneherein Kinder geplant sind. »Durch die rechtliche Abkehr vom Altersphasenmodell im Jahr 2008 hat sich für geschiedene Eltern vieles geändert. Heutzutage gelten Mütter nach dem dritten Lebensjahr des jüngsten Kindes wieder als voll erwerbsfähig. Das bedeutet, dass danach grundsätzlich kein gesetzlicher Anspruch mehr auf Betreuungsunterhalt besteht«, weiß Dahmen-Lösche. »In einem Ehevertrag kann man aber ganz individuell entscheiden, wie lange dieser Unterhalt gezahlt werden soll. Ob bis zur Grundschule oder darüber hinaus.« Deshalb rät die Expertin jeder Mutter in spe zu einem Ehevertrag.

Frauen stehen vor dem Nichts


»Vor Abschluss eines solchen Vertrages müssen sich aber beide Partner darüber im Klaren sein, was genau das für sie bedeutet.« Ein solches Dokument zu unterzeichnen, in der Hoffnung, dass es niemals Anwendung findet, ist blauäugig. »Früher haben viele Frauen einer Gütertrennung zugestimmt, einfach nur aus Angst, er würde sie sonst verlassen.« Genau das allerdings wurde noch vor einigen Jahren den geschiedenen Frauen zum Verhängnis. »Oft wurde die eigene Karriere zurückgestellt, das Leben den Kindern geopfert - und nach der Scheidung stehen solche Frauen vor dem Nichts«, erinnert Dahmen-Lösche.

Sittenwidrige Verträge


Der Mann ist schwerreicher Anwalt, Arzt oder Architekt mit einer Aussicht auf eine fette Rente und die Frauen werden zum Sozi­al­fall. »Damit genau das nicht passiert, gibt es seit den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs im Jahre 2004 die Möglichkeit, alle Eheverträge einer Inhaltskontrolle zu unterziehen. So kann ganz leicht herausgefunden werden, welcher Vertrag sittenwidrig ist und zu einer einseitigen Benachteiligung führt.« Ist das der Fall, tritt der gesetzliche Normalfall ein, sprich Zugewinngemeinschaft. Das bedeutet, dass beiden Parteien ein Teil des gemeinsamen Endvermögens zusteht. Wie hoch der allerdings ausfällt, variiert von Fall zu Fall.

Eheverträge können aber nicht nur zu Beginn oder während einer Ehe abgeschlossen werden, sondern auch und vor allem dann, wenn die Ehe eindeutig vor Ihrem Ende steht. »Das nennt sich dann aber Trennungs- und Ehescheidungsfolgevereinbarung.« Hierin wird dann ganz ohne richterliche Beteiligung festgelegt wer was und wie viel bekommt. »In unserer Kanzlei schaffen wir es bei 90 Prozent aller Scheidungen durch so eine Vereinbarung eine gütliche Trennung hinzubekommen. Das bedeutet nicht nur weniger Stress, sondern vor allem, dass man sich danach noch in die Augen schauen kann.« Das ist auch für Dr. Hilgefort essentiell. »Einigen von den Fällen, die als Partnerberatung angefangen haben werden zum Schluss Trennungsberatungen«, erklärt die Psychotherapeutin. »Es ist ganz wichtig, dass es nicht darum geht, wer Gewinner einer Scheidung ist und wer Schuld hat. Vor allem dann, wenn Kinder mit im Spiel sind.« Ein guter Ehevertrag nimmt da schon viel Streitstoff heraus. »Allerdings gehen Vernunft und frische Liebe oft nicht zusammen.« Und so feiern viele den schönsten Tag ihres Lebens ohne Ehevertrag - und rund 35 Prozent davon werden sich später unglaublich darüber ärgern.

Daniela Tratschitt


Heike Dahmen-Lösche
"Ehevertrag - Vorteil oder Falle?"
Beck Verlag, 160 S., ISBN-13: 978-3-423-50656-4, 10,90 Euro