Heft 255 Dezember 2011
Werbung




Spielen

Brett- und Rollenspiele aus Mainz

Fantastische Welten ohne Internetzugang


Mario Truant
Mario Truant, einer der Gründer des Mainzer Verlags »Edition Erlkönig« spielt »Tiptoi«, ein interaktives Spiel, entwickelt für Ravensburger.

Für Mario Truant sind Spiele ein unerlässlicher Bestandteil des Lebens. »Menschen, die spielen, lernen sich und andere kennen und haben idealweise auch noch Spaß dabei«, sagt er. Der Mainzer gründete mit Kompagnon Heinrich Glumpler aus Köln im Jahr 1997 den Spieleverlag »Edition Erlkönig«. Der Schwerpunkt lag ursprünglich auf Fantasy-Spielen aller Art, aber mit der Zeit wurde der Verlag zum Allrounder.

Heinrich Glumpler ist eigentlich Softwareentwickler von Beruf. Spiele erfindet der 52-jährige Familienvater nebenbei - wie die meisten seiner Zunft. »Es gibt vielleicht zehn Menschen in Deutschland, die davon leben können«, sagt er. Mario Truant bewegt sich auch im Hauptberuf in der Welt der Spiele. Der 56-Jährige ist Verlagsdirektor von »Ulisses Spiele« im hessischen Waldems-Esch. Dieser Verlag produziert unter anderem den Rollenspiel-Klassiker »Das Schwarze Auge« und bringt die Übersetzung des amerikanischen Rollenspiels »Pathfinder« auf den deutschen Markt. Deshalb kümmert sich Mario Truant auch um das Geschäftliche bei »Edition Erlkönig«.

Unter Rollenspielen verstehen viele heute Online-Spiele wie »World of Warcraft«. Die ursprüngliche Version der Fantasy-Gruppenabenteuer spielt man aber am Tisch mit Stift, Papier, Würfeln und einem Buch mit einer Abenteuergeschichte. Wer zum Spielleiter auserkoren wurde, liest das Abenteuer und lotst die Mitspieler durch eine imaginäre Welt, bei der es Feinde zu besiegen und Schätze zu bergen gilt. Und bei der Leidenschaft von Truant und Glumpler für diese fantastischen Gruppenabenteuer beginnt die Geschichte der »Edition Erlkönig«.

Am Anfang war »Castle Falkenstein«. Mario Truant und Heinrich Glumpler waren von dem Fantasy-Rollenspiel aus den USA so begeistert, dass sie 1997 die Lizenz erwarben, das Spiel übersetzen ließen und eigens für seine Herausgabe in Deutschland die »Edition Erlkönig« gründeten. 2002 brachten sie ihr erstes eigenes Spiel heraus: das Strategie-Kartenspiel »Fette Autos«.

Die Großen dominieren das Geschäft

Mario Truant
Spielen ist unerlässlicher Bestandteil des Lebens, findet Mario Truant, hier mit einer Auswahl der »Edition Erlkönig« und dem »Truant Verlag«.


Doch der Markt für Spiele ist für kleine Verlage schwer zu erobern. »Allein in diesem Jahr sind rund 800 neue Brett- und Kartenspiele herausgekommen, und die meisten sind nach wenigen Monaten schon wieder vergessen«, sagt Mario Truant. Wenige große Unternehmen wie Ravensburger, Schmidt Spiele, Amigo oder Kosmos dominieren das Geschäft - auch, weil sie viel Geld für Werbung ausgeben können. Da kann ein kleiner Eigenverlag kaum mithalten - auch wenn es einige Erfolge gab. »Das Spiel ,Feurio!' war vier Wochen nach Erscheinen 2003 ausverkauft«, erzählt Truant. Eine zweite Auflage wurde gedruckt - und blieb prompt in den Regalen liegen. Immerhin kaufte der amerikanische Spielegigant Mayfair Games die Lizenz und vermarktete es unter dem Namen »Ablaze!« in den USA.

Wie bei den meisten kreativen Produkten ist das Angebot reichlich, und was zum Verkaufsschlager wird, kann keiner vorhersehen. Ein Risiko, das es für kleine Unternehmen unattraktiv macht, im Alleingang zu arbeiten.

Deshalb spezialisierte sich »Edition Erlkönig« ab 2005 darauf, Spiele für andere Verlage zu entwickeln. Zu seinen Kunden gehören Kosmos und Ravensburger, aber auch kleinere Häuser.

Die neueste »Erlkönig«-Kreation heißt »Schachen«. Das Spiel, das gerade im Mücke Verlag erschienen ist, ist eine Abwandlung von Schach, aber mit Legekarten statt Brett und Figuren. »,Schachen' macht sowohl Anfängern als auch fortgeschrittenen Schachspielern Spaß, weil es nicht nur um die Strategie geht, sondern auch Zufallselemente enthält«, erklärt Heinrich Glumpler. Nachdem er das Spiel erfunden hatte, bot er es dem Verlag an - das ist der übliche Weg, wie eine Spielidee auf den Markt kommt.

»Edition Erlkönig« bekommt aber auch gezielte Aufträge von großen Spielefirmen. Im vergangenen Jahr schrieb Glumpler zwei Folgen für die interaktive Ravenburger-Spieleserie »Tiptoi« für Kindergartenkinder und Grundschüler.

Ab und zu verlegt »Erlkönig« aber auch noch selbst. 2011 erschien bei dem Mainzer Verlag die deutsche Version von »The Great City«, einer Hintergrundgeschichte für Rollenspielabenteuer. Für Mario Truant war das eine Herzensangelegenheit, denn nach wie vor ist er auch privat den Fantasy-Welten treu. Gleich zwei Rollenspiel-Runden trifft er regelmäßig. »Der harte Kern der ersten Runde trifft sich seit 1982, der jüngste Mitspieler ist Mitte 40«, sagt der Spielefan grinsend. Gespielt werden alle möglichen Fantasy- und Horror-Rollenspiele. Allerdings vergehen zwischen den Treffen mittlerweile Monate - schließlich haben alle Beruf und Familie.

Rollenspiele in geselliger Runde


Fast wöchentlich treffen Truant und sein 22-jähriger Sohn sich mit einem Freund, dessen erwachsenen Söhnen und deren Freunden, um verschiedene Rollenspiele zu spielen.

»World of Warcraft« hat er auch eine Weile gespielt. Doch obwohl das Online-Rollenspiel unter Jugendschützern wegen seines Suchtpotenzials umstritten ist, konnte es Truant nicht dauerhaft fesseln: »Vom einen auf den anderen Tag fand ich es plötzlich uninteressant.« Für ihn geht eben nichts über das Tischspiel mit realen Mitspielern in geselliger Runde.

Alice Gundlach

Infos und Bezugsquellen
der Spiele von »Edition Erlkönig« unter:

www.erlkoenig.net oder www.schachen.net