Heft 255 Dezember 2011
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Notfall

Rettung aus der Luft

Christoph 77 im Einsatz


Christoph 77 von vorne

Anruf in der Mainzer Rettungsleitstelle. Auf der Bundesstraße 9 kurz vor Worms hat sich ein schwerer Autounfall ereignet. Gezielt und mit ruhiger Stimme erfragt Rüdiger Janda, Disponent in der Leitstelle, die Position und Situation des Geschehens. Während er die Informationen in ein spezielles Computerprogramm eingibt, hilft ihm dieses dabei, die notwendigen Einsatzmittel wie Notarzt, die Anzahl der Rettungswagen und gegebenenfalls die Entsendung des Rettungshubschraubers Christoph 21 zu bestimmen. Auch die geografische Lage des Unfalls wird sofort ermittelt und in das System eingespeist. »Unsere 35 Disponenten sind Rettungsassistenten mit mehrjähriger Berufserfahrung, die extra für diesen Dienst geschult wurden«, sagt Teamleiter Hans-Jörg Kappaun. Das sei Grundvoraussetzung für die Mitarbeit in der Stelle, die rund um die Uhr besetzt ist.

Durchschnittlich 180 000 Einsätze inklusive Krankentransporte wurden hier 2010 für die Zuständigkeitsregionen Mainz und Worms sowie die Landkreise Mainz-Bingen und Alzey-Worms koordiniert. »Einen Unfall müssen unsere Mitarbeiter schnell einschätzen können, um das Notfallbild zu erstellen und eventuell per Telefon Erste-Hilfe-Einweisungen zu geben.«

Tempo ist angesagt

Dr. Benno Wolcke, Rettungsassistent Theo Stein und Pilot Stefan 
Goldmann (v.li.n.re.)
Dr. Benno Wolcke, Rettungsassistent Theo Stein und Pilot Stefan Goldmann (v.li.n.re.) sind ein eingespieltes Rettungsteam.

Es ist ein Lauf gegen die Zeit, denn lediglich 15 Minuten dürfen zwischen Ausrücken der Rettungskräfte und deren Eintreffen am Unfallort liegen. Das ist festgelegte Hilfsfrist in Rheinland-Pfalz. Kappaun erläutert weiter: »Machbar ist das nur, weil die Rettungswachen landesweit verteilt und deren Einsatzwagen mit GPS ausgestattet sind. Ist einer von ihnen in der Nähe des Unfallortes, wird er direkt dorthin gelotst.«

Für Worms fordert die Leitstelle den ADAC-Rettungshubschrauber Christoph 77 an, der auf dem Dach eines Gebäudes der Universitätsmedizin stationiert ist. An diesem Tag haben der leitende Hubschrauberarzt und medizinische Verantwortliche der Luftrettungsstation Dr. Benno Wolcke, Pilot Marcus Federowitz und Rettungsassistent Theo Stein Bereitschaft. Sobald das Einsatzsignal ertönt, muss das Team innerhalb von zwei Minuten beim Hubschrauber sein und nach ungefähr drei Minuten in der Luft. »Die Angaben zur Unfallstelle erhalte ich von der Leitstelle auf das Navigationsgerät.

Christoph 77 technische Ausstattung
Die medizinische und technische Ausstattung im Hubschrauber gleicht der eines Rettungswagens.

Ich versuche immer so nah wie möglich am Ort zu landen«, beschreibt Federowitz, der seit vier Jahren für den ADAC fliegt, den Beginn des Einsatzes. »Wenn das nicht möglich ist, dann müssen wir für den Notarzt eine andere Lösung finden, wie er schnellstmöglich die Verletzten erreichen kann. Dafür stoppen wir auch schon mal ein Zivilauto.« Bei dieser eher außergewöhnlichen Aktion wäre Rettungsassistent Theo Stein beteiligt, denn der qualifizierte Luftretter vom ASB hat eine doppelte Funktion im Team: Zum einen unterstützt er den Piloten während des Fluges, indem er ständig Kontakt zur Leitstelle hält und den Luftraum beobachtet.

Zum anderen begleitet er den Notarzt zur Unfallstelle, hilft ihm bei der Versorgung der Verletzten und bleibt in Verbindung mit dem Piloten, falls der Transport eines Patienten per Hubschrauber notwendig ist. »Ein Flug zum Krankenhaus ist ruhiger und schneller als die Fahrt über Straßen, deren Beschaffenheit wesentlich mehr Vibrationen erzeugen«, sagt Stein, zudem könne es zu Verzögerungen aufgrund des Verkehrs kommen. Ungefähr 15 Minuten braucht Christoph 77 bis nach Worms. Wenn der Notarzt eingetroffen ist, hat er bereits in der Luft von der Leitstelle Verdachtsdiagnosen zu den am Unfall beteiligten Personen erhalten und kann sich direkt den Schwerstverletzten zuwenden.

Rüdiger Janda in der Leitstelle
Rüdiger Janda koordiniert seit fast 40 Jahren bei der Leitstelle Rettungseinsätze und Krankentransporte.

Zuerst überprüft er die Vitalfunktionen, zu denen Atmung, Bewusstsein und Kreislauf gehören, und untersucht auf grobe Verletzungen der Körperregionen. »Generell hat derjenige Notarzt das Kommando, der als erstes an der Unfallstelle ankommt, weil er sich natürlich schon einen Überblick über die Lage gemacht hat. Das muss also nicht unbedingt der Hubschrauberarzt sein«, schildert Anästhesist Wolcke den Ablauf. »Wenn die anderen Rettungskräfte da sind, werden die Aufgaben zügig verteilt.«

Alle konkreten Angaben wie die Anzahl der Verletzten und ihre Gesundheitszustände werden der Leitstelle durchgegeben, die je nach Bedarf weitere Rettungswagen anfordert, Krankenhäuser über eine Patientenaufnahme sowie das Hubschrauberteam über die anzufliegende Klinik informiert. Von dort kann es nach getaner Arbeit statt zur Basisstation nach Mainz direkt zum nächsten Einsatzort gehen. Kein Problem für das eingespielte Team, denn, so Theo Stein: »Es geht nur miteinander«. gsstation am Standort der Mainzer Universitätsmedizin wurde am 1. Juli 1997 in Kooperation von ADAC, der Anästhesie der Universitätsmedizin und des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) gegründet. Ungefähr 1 300 Einsätze pro Jahr fliegt der so genannte dual-use-Hubschrauber Christoph 77, der auch für die Verlegung von Intensiv-Patienten genutzt wird. Diese wurden bis 2007 sogar in Nachtflügen durchgeführt. Seit deren Einstellung ist der Helikopter von Sonnenaufgang bis -untergang im Einsatz.

KH