Heft 255 Dezember 2011
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs

Wirklich eine Hochburg der politischen Fastnacht.


Vorhang auf zu den politischen Mainzer Kammerspielen! Die Pirouetten, die in den vergangenen Wochen rund um den Rücktritt von Oberbürgermeister Jens Beutel gedreht wurden, nährten bundesweit den Blätterwald und gaben dem Mainzer Image als Hochburg der politischen Fastnacht eine ganz neue Bedeutung.

Der OB dankt ab, es leben zunächst die OB-Kandidaten. Schnell spürten die Parteien den Druck, relativ rasch in der Frage ihres jeweiligen Bewerbers um das höchste Amt der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt eine Entscheidung treffen zu müssen.

Und so ging's dann tatsächlich rasant zu. Die SPD hob erwartungsgemäß Michael Ebling auf den Schild, und Marianne Grosse, die von einigen zumindest pro forma gehandelt worden war, sagte sogleich vollste Unterstützung zu dieser Personalentscheidung zu. Eine clevere Inszenierung, weil Ebling aufgrund seiner Bürgernähe, rhetorischen Gewandtheit und Mainz-Verbundenheit ein chancenreicher Bewerber ist. Zumal der Mombacher im Blick auf einen anderen Mombacher - der zurückgetretene OB Beutel - sogleich Klartext zur Weinaffäre gesprochen hat, über die Beutel letztlich gestolpert ist. Wie es in politischen Kreisen so üblich ist, wird dann schnell die Tonart gewechselt und inniger Respekt vor der Leistung des zurückgetretenen Oberbürgermeisters gezollt. So hat's auch die SPD gehalten und sich zumindest nach Außen hin mit Beutel verbal versöhnt.

Feder

Den eigentlichen Knüller in den politischen Kammerspielen lieferte aber die CDU ab. Erst sah alles nach großem Coup aus, als Lukas Augustin mit hauchdünner Mehrheit von 9 zu 7 Stimmen zum CDU-Kandidaten gewählt wurde. Gonsenheims Ortsvorsteherin Sabine Flegel hatte nur knapp unterlegen und sagte - welch Überraschung - dem Kandidaten am Abend der CDU-internen Wahl ihre vollste Unterstützung zu. Die Tage darauf waren dann von Wechselbädern geprägt. Flegel verschnupft ob der Intervention der CDU-Landesvorsitzenden Klöckner, ermuntert von CDU-Parteifreunden, sich doch beim Parteitag zur Wahl zu stellen - die CDU gab ein desaströses Bild ab und demontierte sukzessive ihren gerade nominierten Kandidaten Augustin. Die SPD dürfte sich insgeheim die Hände gerieben haben. Eine wieder mal hoffnungslos zerstrittene CDU ließ die Negativschlagzeilen um den vorzeitigen Rückzug des SPD-Oberbürgermeisters vergessen. Und im Hintergrund wirkten in der CDU wieder alte Lager, die sich seit Jahren mit Nettigkeiten der besonderen Art bedenken. Hier das Lager um Johannes Gerster, dort das Lager um Hans-Otto Wilhelm und Norbert Schüler. Alte Seilschaften mit alten Abneigungen.

Am Ende kam doch alles anders. Sabine Flegel wollte definitiv nicht mehr antreten, nachdem sie im Prozess um die Untreuevorwürfe in Richtung der Mainzer Wohnbau-Spitze aussagen musste und sich hierbei in den Medien völlig falsch dargestellt fühlte. Am Ende gab es also in der CDU-Kandidatenkür nur Verlierer, und man darf gespannt sein, wie sich die Union wieder berappelt, wenn im Januar der Wahlkampf wirklich beginnt.

Ganz reibungslos lief die interne Kandidatenkür bei den Grünen. Günter Beck, erster Bürgermeister der Grünen und einer der Väter der Ampelkoalition im Rathaus, war quasi gesetzt. Und nutzte direkt seine Popularität, als er den OB am 11.11. zum närrischen Aufgalopp in der Maskerade des "Mainzer Rettungsschirms" vertrat. Ein ernstzunehmender Gegner für Ebling und Augustin. Jedenfalls wird der Wahlkampf mit diesen drei unterschiedlichen Charakteren eine muntere Angelegenheit. Vielleicht sogar unterhaltsamer als die Fastnachtskampagne, in der der OB-Wahlkampf so richtig Fahrt aufnehmen wird.

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