Heft 255 Dezember 2011
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Mainzer Köpfe

Andrea Quirbach

Charakter mit Leib und Seele


Andrea Quirbach
Andrea Quirbach spielt den Blechmann im»Zauberer von OZ«
Andrea Quirbach spielt den Blechmann im»Zauberer von OZ« hier mit Julia Reznik (Vogelscheuche) und Ulrike Beerbaum (Dorothy). Foto:Bettina Müller

Es war ein Zufall, der gut passt: Andrea Quirbach sollte der Mainzer Kopf des Monats Dezember sein. Im Gespräch mit ihr stellte sich heraus, dass die Schauspielerin, die in der aktuellen Spielzeit als Mrs. Hamilton in »Tot im Orient-Express«, als Frau Miller in »Kabale und Liebe« sowie als Senora in »Andorra« zu sehen ist, im Dezember auch den Blechmann im Weihnachtsmärchen »Der Zauberer von Oz« spielt.

Vielen Freunden des Mainzer Staatstheaters ist Andrea Quirbach schon lange vertraut. 1996 holte sie der damalige Schauspieldirektor Michael Helle ans Mainzer Staatstheater. Geboren und aufgewachsen in Koblenz, sei ihr »das Ankommen in Mainz« nicht schwer gefallen, erinnert sich Andrea Quirbach. Obwohl sie nach der Ausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Saarbrücken und ihrem ersten Engagement 1983 in Aachen bis dato nur auf Bühnen in Süddeutschland spielte: München, Meiningen, Konstanz.

Handwerk und Kunst

Schauspielkunst ist in erster Linie ein solides Handwerk. Das es zu erlernen und weiterzubilden gilt. Ein langer Atem sei nötig, weiß Andrea Quirbach, um das eigene Können zu entwickeln. Jede Rolle, jeder Regisseur und alle Kollegen dazu erfordern neues, anderes Spielen.

Spricht Andrea Quirbach über die handwerklichen Fähigkeiten, entsteht dennoch der Eindruck, dass sie zu beherrschen allein nicht ausreicht, um eine gute Schauspielerin sein zu können. »Ich versuche jede Rolle nah an mich heranzuholen, mit Leben zu füllen, das klingt vielleicht ein wenig abstrakt, aber um diese Verbindung zwischen Rolle und Person geht es - darum authentisch zu sein.« Außerdem entstehen in der Zusammenarbeit mit Regisseur und Kollegen neue Impulse. »Wunderbar ist es, wenn der Regisseur inspirieren kann und eine schöne szenische Phantasie hat, dann schafft man es vielleicht sich beim Spielen selbst zu überraschen.«

Ganz und gar handwerklich erscheint dagegen das Auswendiglernen, was aber, so sagt Andrea Quirbach, für sie überhaupt keine Tortur ist. »Ich verbinde den Text ja mit der Spielsituation, den inneren Vorgängen und den, auf den Proben gefundenen, physischen Handlungen, so funktioniert das ,Merken' sehr spielerisch.« Voraussetzung sei allerdings, den Text zuhause gut vorzubereiten. Einstudiert, also geprobt wird er im Theater. Morgens vier, abends noch einmal drei Stunden. An anderen Tagen weniger Probenstunden, dafür abends eine Aufführung - kein Tag gleicht dem anderen, wie keine Rolle der anderen gleicht. Gefragt sind Disziplin und Ausdauer, Flexibilität - sowohl im Spielen wie im Tagesablauf. Als Mutter einer mittlerweile zwölfjährigen Tochter sei es nicht immer ganz einfach, alles in Einklang zu bringen, stellt Andrea Quirbach fest, die auch nach der Geburt der Tochter nicht für längere Zeit aus dem Beruf ausgestiegen ist. So wird schon die Organisation des Alltags zu einer

Art konditionellem »Fitnessprogramm«, das die Schauspielerin mit Jogaübungen, der Middendorf Atemarbeit und ähnlichem ergänzt. »Ich war immer sehr rege, was diese Art von feiner Körperarbeit anbelangt, habe vieles gelernt und ausprobiert und halte das auch für sehr wichtig«, so Andrea Quirbach und bekennt: »Zu Leidenschaft und Disziplin gehört auch die Hingabe zu einem guten Schauspieler.«

Früher, in ihren ersten Verträgen als Schauspielerin, seien noch »Fachbezeichnungen« üblich gewesen, wie z.B. »jugendliche Liebhaberin und Muntere« oder »Sentimentale« - die gebe es schon lange nicht mehr, aber die Bezeichnung »Charakterrollen« treffe immer noch zu. Welches sind die Lieblingsrollen, die Andrea Quirbach gespielt hat?

Hedda Gabler, Mutter Courage, Semiramis in »Tochter der Luft«, die Mary Tyrone in »Eines langen Tages Reise in die Nacht« die Aase in »Peer Gynt« oder die Iokaste im »Ödipus« - »das waren wichtige Rollen«, präzisiert Andrea Quirbach den Ausschnitt aus ihrem reichhaltigen Schauspielrepertoire.

Es sind Rollen in denen »viel zum Ausdruck kommt« - eines der Motive, warum Andrea Quirbach wohl das Studium der Germanistik sein ließ und sich dem zuwandte, was sie von Kindesbeinen an begeisterte: Gedichte und Geschichten vortragen und vorspielen. Eine Art Initialzündung könnte ihr Spielen in einer Schultheateraufführung als Zwölfjährige gewesen sein, ist sich Andrea Quirbach nicht ganz sicher, ob der Blick zurück, nicht ein wenig trügt. Sicher ist sie allerdings, dass eine innere Notwendigkeit besteht, sich auszudrücken - gleichzeitig ein Faszinosum. »Auf der Bühne kann ich meine ganze Kraft und Konzentration in eine Rolle stecken, meine Grenzen erweitern, in extreme Situationen gehen, die im realen Leben so nicht vorstellbar sind.«

Dem Bekenntnis von Andrea Quirbach, »Ich lebe gerne hier!« folgt eine anschauliche Liste von Annehmlichkeiten des Lebens in Mainz: der Rhein, die Altstadt, die Kirchen, insbesondere die Gotthard-Kapelle im Dom, die Umgebung mit den Weinbergen. Alles auch gut mit dem Fahrrad zu erkunden - eine der Freizeitbeschäftigungen. Dazu die Leidenschaft für das Kino - Programmkino, versteht sich und dass es davon mit Capitol und Pallatin gleich zwei in Mainz gibt, findet sie toll. Außerdem hat Mainz den Vorteil mittig zu liegen, die Wege zu Ausstellungen und Theatern im ganzen Rhein-Main-Gebiet sind kurz, zu den Bergwanderungen in den Alpen und den Urlaubsorten in Italien nicht ganz so weit.

SoS